1. Home
  2. Management
  3. Kevin Cullinane: «Die USA sind führend»

 
Kevin Cullinane: «Die USA sind führend»

JCI-Präsident Kevin Cullinane über das Geheimnis erfolgreichen Jungunternehmertums.

Von Sandra Escher Clauss
31.05.2005

BILANZ: Als Weltpräsident der Jungen Wirtschaftskammer JCI treffen Sie auf junge Unternehmer aus der ganzen Welt. Welches Land verfügt über den grössten Unternehmergeist? Noch immer die USA?

Kevin Cullinane: Ja, denn im Vergleich zu Europa dürfen in den USA Risiken eingegangen werden, und auch das Scheitern ist erlaubt. Hier in Europa dagegen werden Leute schon kritisiert, wenn sie nur mit dem Gedanken spielen, Risiken einzugehen, und sogar das zeitweise Scheitern bedeutet meistens schon das Todesurteil. Wundert es Sie da noch, dass viel zu viele Leute mit guten Ideen zu lange warten, bis sie sich selbstständig machen? Müssig zu betonen, dass im Wirtschaftsdschungel nur die Fittesten überleben und nicht diejenigen, die sich gute Ideen wegschnappen lassen! China zeichnet sich nun als zweite unternehmerfreundliche Nation ab. Viele chinesische Jungunternehmer haben eine Ausbildung im Westen genossen. Sie hatten dabei auch Zeit, aus unseren Fehlern zu lernen und es bei der Rückkehr nach Hause besser zu machen.

Was heisst das für das europäische Unternehmertum?

Wenn wir in Europa nicht erwachen, werden wir in Sachen Unternehmertum zwischen zwei grossen Blöcken erdrückt, den USA und China. Diese Länder weisen ein zigfach grösseres Wachstum aus als die EU, und der Abstand wird immer grösser.

Was müsste sich denn ändern, damit Europa für Unternehmerinnen und Unternehmer wieder attraktiv wird?

Es braucht einen radikalen Gesinnungswandel! Daher setzt die JCI alles daran, um die Bedingungen zu verbessern. Wir sehen uns als Sprachrohr für Jungunternehmer, denn so können wir ihnen mit unserem Engagement viel Mühen und Zeit abnehmen, die sie besser in den Aufbau ihrer Firma stecken.

Der Gesinnungswandel ist das eine, doch müssten sich nicht auch die politischen Rahmenbedingungen endlich verändern?

Es sind drei Faktoren, die eine gute Unternehmerkultur ausmachen: wirtschaftliche, politische und bildungstechnische. So müssen in Europa zum Beispiel die Hochschulen damit beginnen, nicht mehr rein akademisch zu denken. Forschung und Business müssen näher zusammenrücken. Natürlich sollen Universitäten Denkplätze bleiben, doch sie müssen auch zu Orten werden, an denen junge Leute auf die Geschäftswelt vorbereitet werden. Auch hier sind die USA führend. Auf der politischen Ebene müssen die steuerlichen und gesetzlichen Regelungen so angepasst werden, dass sie junge Leute vermehrt dazu ermutigen, ein eigenes Unternehmen aufzubauen.

Im Moment herrscht eher die Tendenz zur Überregulierung.

Ich gebe Ihnen Recht, die Bürokratie ist eines der grössten Hindernisse für europäische Jungunternehmer. Daher braucht es nicht von Grund auf neue Regelungen, sondern vor allem Anpassungen. Zudem müssen sowohl die Politiker als auch die Unternehmer mehr über ihr jeweiliges Gegenüber wissen. Darum haben wir in Deutschland ein spezielles Austauschprogramm ins Leben gerufen. JC-Mitglieder haben die Möglichkeit, an Sitzungen des Parlamentes teilzunehmen, um zu erleben, wie Politik funktioniert. Im Gegenzug verbringen immer wieder Politiker einen Tag in Unternehmen, um die Realität der Bürokratie zu erleben. Wir versuchen, das erfolgreiche Modell auch im europäischen Parlament zu etablieren.

Auch die Finanzierung ist für Jungunternehmer sehr schwierig geworden.

Oft wird dieses Thema vorgeschoben aus Angst, das Risiko der Selbstständigkeit einzugehen. Das Geld fällt nicht vom Himmel, doch mit einer guten Idee, einem seriösen Businessplan und dem Glauben an die eigene Idee ist es möglich, an Geld zu kommen. Auch hier können wir unsere Mitglieder unterstützen. Sei das in Form von Weiterbildungsseminaren, mit Businessplan-Wettbewerben oder indem wir ihnen Kontakte zur Finanzwelt vermitteln.

Können Sie Leuten, die sich selbstständig machen wollen, Geheimtipps geben?

Ich wünschte, es gäbe ein Rezept für den Erfolg. Ich ermutige alle Jungunternehmerinnen und -unternehmer zu lesen, lesen, lesen. Denn stetiges Lernen ist etwas vom Wichtigsten. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, einen Mentor zu haben, der einem als Sparringpartner zu Seite steht und einen davor bewahrt, Basisfehler zu begehen. Das muss kein teurer Berater sein, sondern kann auch jemand von der Lieferanten- oder Kundenseite sein oder ein Mitglied einer Netzwerkorganisation. Wichtig ist es, dass diese Person einen inspiriert und ehrlich ist. Wer unternehmerisch tätig sein möchte, darf sich von Rückschlägen nicht sofort entmutigen lassen. Und ganz wichtig ist es, von Anfang an einzusehen, dass man nicht alles allein machen kann, sondern gute Leute um sich scharen muss, die einen ergänzen. Das bedingt auch, dass man sich über die eigenen Stärken und Schwächen im Klaren ist. Und zu guter Letzt braucht ein Unternehmer ein gutes Netzwerk, dazu zähle ich auch das Privatleben. Ohne guten privaten Rückhalt durch die Familie oder Freunde kann niemand erfolgreich sein im Geschäftsleben; denn nur mit diesen kann man seine tiefsten Ängste und Frustrationen teilen.

Anzeige