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Untersuchung 
Karrierekiller Frau-Sein: So schlimm ist es

Neun von zehn Frauen in Grossbritannien sagen, dass ihr Geschlecht eine Karrierehürde bedeutet. Doch was die Insel aufschrecken lässt, ist auch hierzulande nicht viel anders: Sexismus ist Büroalltag.

Von Marc Iseli
25.09.2015

In England sorgt eine neue Studie des britischen Wochenmagazins «Stylist» für Furore. Demnach glauben fast neun von zehn Frauen, dass ihr Geschlecht ein Hindernis für die Karriere ist. Nur 13 Prozent der 2000 befragten Frauen sagten, dass sie keine Diskriminierung beim beruflichen Fortkommen erlebt haben.

Die Frauen wurden auch danach befragt, wie sie Sexismus im Büroalltag erlebt haben. An der Spitze der sexistischen Erlebnisse stehen zweideutige Kommentare und das Kochen von Tee. Rund vier von zehn Frauen beklagten sich darüber. Ein Drittel musste sich bereits anzügliche Kommentare über die Kleidung anhören.

Drei von zehn Frauen wurde schon vorgeworfen, launisch wegen der monatlichen Periode zu sein. Fast derselbe Prozentsatz beklagte sich darüber, im Vergleich mit den männlichen Kollegen als weniger kompetent zu gelten. Jede Fünfte fühlt sich beim Lohn diskriminiert und von männlichen Kollegen bevormundet.

700 Franken weniger Lohn

In der Schweiz ist die Datenlage zu Sexismus am Arbeitsplatz relativ rar. Was die Diskriminierung beim Lohn angeht, publizierte das Bundesamts für Statistik (BFS) Ende August neue Daten. Demnach verdienten Frauen im Schnitt 700 Franken weniger als ihre männlichen Kollegen in der Privatwirtschaft. Je höher die Kaderfunktion ist, desto extremer ist die Diskriminierung.

Je nach Wirtschaftszweig variieren die Lohnunterschiede. Besonders ausgeprägt ist die Ungleichheit in der Banken- und Versicherungsbranche sowie in der Maschinenindustrie. Hier verdienten Frauen die dieselben strukturellen Merkmale aufwiesen wie Männer im Schnitt monatlich 1089 Franken respektive 972 Franken weniger.

Geschlecht als Hürde

Wie verbreitet Sexismus aber tatsächlich ist – darüber gibt es kaum neue Erkenntnisse. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verweist auf die Schweizerische Gesundheitsbefragung 2012 und die fünfte europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen. Beide Studien sind repräsentativ für die Schweiz, beide zeigen: Fast sechs Prozent der Frauen fühlen sich aufgrund des Geschlechts diskriminiert. Kaum ein Mann klagt darüber.

Besonders benachteiligt fühlten sich junge Frauen, Frauen mit Hochschulabschluss, Teilzeitangestellte und Personen in Grossunternehmen. Eine Auswertung nach Branchen – so wie bei der Lohndiskriminierung – sei statistisch wenig zuverlässig, sagt Seco-Mediensprecherin Isabel Herkommer. «Allerdings scheint es so, dass das Gastgewerbe besonders betroffen ist.»

Kein Musterfall

In der Schweiz fühlen sich also sechs Prozent der Frauen des Geschlechts wegen benachteiligt, in Grossbritannien sind es 87 Prozent. Die Differenz ist kein Lob für die Schweiz, sondern schlicht der Erhebungsmethode geschuldet. Denn bei den beiden Studien mit Schweizer Daten fragten die Wissenschaftler danach, ob man sich in den letzten zwölf Monaten aufgrund des Geschlechts diskriminiert gefühlt hatte. Die neue britische Studie dagegen hat keine derartige Einschränkung.

Die effektive Zahl der Frauen, die in ihrem Leben des Geschlechts wegen benachteiligt wurde, dürfte deshalb massiv höher als sechs Prozent aller erwerbstätigen Frauen sein. Sie dürfte in einem ähnlichen Bereich wie bei der britischen Studie zu liegen kommen. Denn die fünfte europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen zeigt: Frauen in der Schweiz fühlen sich nicht besser als Frauen in Europa. Schweizer Frauen geben sogar überdurchschnittlich oft an, dass ihr Geschlecht eine Hürde ist.

Kaum Frauen in der Chefetage

Fakt ist auch, dass Frau-Sein ein Karrierekiller ist. In Schweizer Chefetagen gibt es kaum weibliche Führungskräfte. Gemäss dem jüngsten Schilling-Report liegt die Frauenquote in den Geschäftsleitungen gerade einmal bei sechs Prozent. Unter den 120 grössten Unternehmen gibt es nur drei weibliche CEOs. Immerhin 15 Prozent der Verwaltungsratsmandate sind in Frauenhand.

Überraschend ist hingegen der hohe Ausländeranteil: Die Hälfte der Frauen in der Geschäftsleitung haben keinen Schweizer Pass. Bei den SMI-Unternehmen ist diese Quote noch höher: Jede siebte Frau in führender Position kommt nicht aus der Schweiz.

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