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Einschätzung 
«Demut ist bei Leadern selten»

Donald Trump: Obama-Berater Jeff Eggers kritisiert den US-Präsidenten scharf.Quelle: Pool/Getty Images

Jeff Eggers hat Präsident Barack Obama beraten. Dem Führungsstil von Nachfolger Trump gibt er ganz schlechte Noten.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
20.01.2018

Jeff Eggers blickt mit 46 Jahren zurück auf eine bewegte Karriere: Zwei Jahrzehnte lang diente er bei den Nayy SEALs, dabei im Irak als Kommandant einer Spezialeinheit. Er verlor seinen besten Freund im Einsatz und sagt, seine Verluste seien klein im Vergleich zu denen anderer. Fünf Jahre lang war er Hauptberater von US-Präsident Barack Obama, bevor er seinen Kindern zuliebe den Job in der Regierung aufgab. Heute leitet Jeff Eggers das «McChrystal Group Leadership Institute». Diese Woche hatte Eggers einen Auftritt am World Web Forum in Zürich.
 

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Jeff Eggers: Er war Berater von Barack Obama.
Quelle: McChrystal Group Leadership Institute

Ihr Lebenslauf beinhaltet viele Situationen, die viel Mut abverlangen. Haben Sie nie Angst?
Jeff Eggers: Es ist eine sehr verbreitete Vorstellung, dass Militärkräfte und Angehörige von Spezialeinheiten besonders tapfer oder stark sind. Ich denke, das stimmt so nicht. Sie sind einfach anders mit den Risiken vertraut. Wenn jemand zum ersten Mal einer unbekannten Situation mit ungewissem Ausgang ausgesetzt ist, ist es natürlich, Angst zu haben. Das ist ein menschlicher Instinkt. Wenn sich diese Person derselben Situation immer wieder aussetzt, lernt sie, der Gefahr zu begegnen und mit ihr umzugehen. Sie wird nicht mutiger, ist nur besser gerüstet für die Situation.

Mut ist also einfach gute Vorbereitung?
Ja, er ist eine Haltung, die erlernt werden kann. Menschen sind nicht von Grund aus mutig oder nicht mutig.

Können Sie Ihre Ängste dann mit guter Vorbereitung vermeiden?
Im Gegenteil, ich habe oft Angst. Als Vater bin ich meistens besorgt um die Sicherheit meiner Kinder und was in Zukunft aus ihnen wird. Beruflich habe ich Angst vor dem Scheitern, sorge mich um den Erfolg und darum, ob wir als Unternehmen gut genug sind. Mit unserem Institut für Leadership wollen wir angemessen schnell wachsen und haben grosse Konkurrenz. Das ist Angst auch ein Stück weit gesund.

Gesunde Angst?
Angst ist in einem gewissen Masse nützlich, weil sie uns motiviert, uns anspornt. Aber es gibt eine Grenze, ab der Angst ein Hemmnis wird, das uns lähmt. Angst kann ein guter Motivator sein, wenn man dann merkt, dass man eigentlich gar nicht viel zu befürchten hat.

Angst ist ein guter Motivator, solange man mit ihr umgehen kann?
Unser Bewusstsein ist sehr gut darin, uns auszutricksen. Zum Beispiel erscheinen uns die Ergebnisse einer Handlung oft übertrieben negativ, wenn wir uns fürchten. Der einzige Weg, dieser Angst zu begegnen, ist, dass mich die Realität eines Besseren belehrt. Wenn ich selbst erfahre, dass es auf der anderen Seite gar nicht so schlimm ist.

Was passiert, wenn ein Leader Angst hat?
Das hat grossen Einfluss auf die Gruppe, für die er verantwortlich ist. Sie wird es spüren, wenn der Leader unsicher ist und im Zweifel ebenfalls verunsichert reagieren. Leader sollten authentisch sein, andererseits müssen sie manchmal auch Sicherheit ausstrahlen, selbst wenn sie sie selbst nicht spüren. Eben weil die Gruppe das aufnimmt. Leader können Angst aber auch zu ihrem Vorteil nutzen.

Inwiefern?
Wenn sie ein dunkles Bild eines Gegners zeichnen, können sie die Angst nutzen, um die Gruppe zu einen und sie gegen ein Feindbild zusammen zu schweissen. Politische Leader haben das seit Anbeginn der Zeit benutzt. Es ist effektiv, aber sehr gefährlich.

Gibt es Situationen, in den Sie eine solche Art der Leadership für ratsam halten?
Nein. Daraus entsteht eine Haltung von «Wir gegen sie». Wenn ein Leader seine Organisation oder sein Unternehmen gegen ein Feindbild eint, dann bringt das kurzfristige Gewinne. Auf lange Sicht aber sind alle ausgerichtet auf den vermeintlichen Gegner, nicht länger auf die eigenen Prioritäten und Ziele. Das ist ungesund.

Bei Ihrem Besuch vor einem Jahr am World Web Forum haben Sie gesagt, Sie könnten nicht einschätzen, wie sich der Leadership-Stil von Donald Trump als US-Präsident entwickeln wird. Wie sehen Sie das heute?
Donald Trump verfolgt ganz klar den Ansatz, Angst bei den Menschen zu schüren. Ihre schlimmsten Ängste zu vergrössern – Xenophobie, sich gegen Aussenseiter zu stellen. Wie gesagt, das ist nicht ungewöhnlich für Leader. In Europa gibt es viele Beispiele für Staatschefs, die Gefühle von Nationalismus wecken. Trump verwendet dieses Element definitiv in seinem Leadership-Stil. Das ist bedauerlich. Es ist effektiv, um viel Aufmerksamkeit zu erregen. Aber es ist nicht konstruktiv. Was wir brauchen, heute mehr denn je, ist eine positive Vision für die Zukunft. Wir sollten uns nicht gegen Feindbilder organisieren, sondern unsere Grundlage positiv ausformulieren. Ich würde es bevorzugen, diese Art von Leadership mehr zu sehen.

Wo sehen Sie die Verantwortung der Bürger in der aktuellen Situation unter einem US-Präsidenten, der ein Klima der Angst bestärkt?
Leadership wird oft als Einbahnstrasse missverstanden. Der Leader zieht die Gefolgschaft für ihre Handlungen zur Verantwortung. Das ist ein Mythos. Tatsächlich existiert eine Beziehung in beide Richtungen. Diejenigen, die folgen haben eine Stimme, und sie ziehen den Leader zur Verantwortung.

Was bedeutet das konkret für die US-Bevölkerung in Bezug auf Donald Trump?
Die Antwort ist sehr einfach. Der Weg besteht darin, sich einzubringen. Die liberale Demokratie funktioniert ohne die aktive Beteiligung ihrer Bürger nur schlecht. Das Problem heute ist, dass zu viele der Bürger den Kontakt zur Zivilgesellschaft verloren haben. Sie müssen sich neu einbringen. Nicht nur mit ihrer Wählerstimme, das ist das Minimum.

Womit noch?
Ihre Wahlentscheidungen sollten gehört werden. Aber darüber hinaus reicht es nicht, zu Hause zu sitzen und seinem Ärger auf Social Media Luft zu machen. Das ist negative Energie, kein produktiver Beitrag für die Zivilgesellschaft. Es ist besser, eine Möglichkeit zu finden, wie man eine positive, aktive Rolle in der Gesellschaft spielen kan .

Ein Dialog zwischen den verschiedenen politischen Lagern erscheint aber schwierig. Die Distanz ist stark gewachsen.
Die Polarisierung nimmt zu, das stimmt. Das liegt vor allem daran, dass wir uns in digitalen Communities unterhalten, in denen der Diskurs dazu neigt, sich zuzuspitzen. Es gibt also eine Tendenz in Richtung Trennung und Polarisierung. Eine der besten Lösung ist es, sich als Menschen zu begegnen und Stereotypen überwinden. Wenn wir anerkennen, dass auf der anderen Seite auch Menschen sitzen mit Gründen für ihre Haltungen, wird eine Verständigung möglich.  

Aber dieser Dialog hat doch Grenzen, wenn das Gegenüber demokratische Grundwerte an sich in Frage stellt.
Es ist schwer, damit umzugehen, zugegeben. Um das zu schaffen, dürfen wir nicht emotional reagieren und müssen es schaffen, hinter die Slogans und Stereotype des anderen zu schauen. Wir müssen uns fragen: Warum glaubt der andere diese Dinge? Was sind seine Ziele? Wenn wir unsere Emotionen beherrschen, kann Diskurs entstehen, der rationaler, menschlicher ist, der Verstehen und Verständigung ermöglicht.

Ist es Ihrer Meinung nach gut für die Schweiz, dass Donald Trump zum WEF kommt?
Uh, das weiss ich nicht. Ich wusste nicht einmal, dass er in die Schweiz kommt, bevor ich selbst hierher ankam. Um ehrlich zu sein, ich verfolge seine Reisepläne nicht im Detail. Ob es gut für die Schweiz ist, dass er kommt? Ich denke, das hängt sehr davon ab, was er sagt.

Wir haben jetzt viel über Leadership mit Angst gesprochen. Welche Art der Leadership bevorzugen Sie?
Es gibt viele Antworten auf diese Frage. Demut ist bei Leadern selten. Es ist schwer für Führungspersonen, sich verletzlich und fehlbar zu zeigen. Aber je mehr sie das können, desto besser. Ich schätze am meisten, wenn der Leader seinen Führungsstil an den Kontext anpassen kann. An einigen Tagen ist es angebracht, wenn er sich demütiger, an anderen muss er Sicherheit vermitteln. Leader sollen authentisch sein, zugleich aber ein Gespür für die Erfordernisse der Situation haben.

Haben Sie Barack Obama in seine Rolle als Leader hineinwachsen sehen?
Barack Obama hatte zwei Amtsperioden Zeit, er hat also viele Gelegenheit gehabt, um zu lernen. Ich konnte beobachten, dass er aktiv überlegt hat, wann es angebracht war, in Konsultation zu agieren und sicherzustellen, dass jeder gehört wurde. Und dann auf der anderen Seite, wann es Zeit war, entschlossen zu agieren und Entscheidungen zu treffen.

Gab es eine von beiden Seiten, die er als US-Präsident stärker hat entwickeln müssen?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es ist einfach für Führungskräfte, ob es der Präsident ist oder der CEO einer Firma, entschieden aufzutreten Das ist das Model, das wir entwickelt haben. Es ist härter, offen für Beratung zu sein. Es braucht mehr Geduld, es braucht auch mehr Kraft. Aber ich glaube, die härteste Herausforderung ist zu wissen, wann welche Haltung angebracht ist. Erinnern wir uns, die Zeichen standen zu Beginn seiner ersten Amtszeit stark auf Wandel. Und so hat Obama auch agiert, zum Beispiel als er die Executive Order für die Schliessung von Guantanamo ausgegeben hat. Dann gab es aber viele Situationen, wo eine Entscheidung viel komplizierter war – zum Beispiel der Krieg in Afghanistan oder der Kampf gegen ISIS. Da war es komplex, allen Seiten zuzuhören und sie nachzuvollziehen. Und solche Situationen haben ihn ja seine gesamte Amtszeit begleitet.

Sie selbst haben Ihren Job im Weissen Haus nach fünf Jahren aufgegeben, um mehr Zeit mit Ihren Kindern zu verbringen.
Ja, das war einer der Gründe. Familie ist sehr wichtig für mich und ich wollte hier eine bessere Balance finden. Obwohl ich jetzt mein eigenes Leadership-Institut leite, sind die Anforderungen zeitlich geringer als während meiner Arbeit für die Regierung. Was auch richtig so war, die Menschen erwarten zu Recht viel Einsatz von einer Regierung. Aber jetzt, wo ich nicht mehr in dieser Situation bin, kann ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Meine Kinder sind jetzt fünf und sieben Jahre alt, die Zeit ihres Aufwachsens kommt nicht nochmal wieder.

World Web Forum in Zürich

Das sechste World Web Forum, der Digital-Gipfel der Führungskräfte, fand Mitte Januar in Zürich statt. Es sprachen unter anderem: Topmanager-Berater Marc C. Thompson, Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann («State of the End of Nation») und Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson («Rock the World»). Datum: 18./19. Januar 2018.

Mehr Infos: worldwebforum.com