Er kennt beide Länder: Unternehmer Ulrich Bettermann stammt aus Deutschland, ist heute aber in der Schweiz zuhause und besitzt auch einen Schweizer Pass. Sein Familienunternehmen, die Obo-Bettermann-Gruppe, ist in rund 60 Ländern aktiv, beschäftigt Mitarbeitende in Fabriken unter anderem in der Zentralschweiz, in Deutschland, Ungarn, Italien und Brasilien.

Die BILANZ führt Bettermann in der Liste der 300 Reichsten für das Jahr 2011 mit einem Vermögen von 450 Millionen Franken. Anfang August bekam er in Wolfenschiessen vom deutschen Botschafter in der Schweiz das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Herr Bettermann, mit welchen Gefühlen verfolgen Sie den Steuerstreit zwischen Ihrer alten und Ihrer neuen Heimat?
Ulrich Bettermann: Mit zwiespältigen Gefühlen. Wenn Sie oder ich das tun würden, was der deutsche Staat mit dem Kauf der Daten-CDs tut, würden wir als Hehler bestraft. Möglicherweise mit Gefängnis. Eine Privatperson darf nicht als Hehler auftreten, ein Staat erst recht nicht. Ausserdem befinden sich auf den CDs auch Daten von vielen unbescholtenen Bürgern.

Also begehen die deutschen Steuerfahnder aus Ihrer Sicht eine Straftat.
Ich war 25 Jahre Handelsrichter am Landgericht in Arnsberg und ich bin der Meinung, dass es juristisch nicht sauber ist, was die deutschen Steuerfahnder machen.
 
Können Sie die Kritik etwa der SPD am Steuerabkommen nachvollziehen?

Ich kenne die Kritik der SPD nicht direkt. Aber ich bin der Meinung, dass Herr Schäuble für die Bundesrepublik da einen Wahnsinnsdeal ausgehandelt hat. Die Deutschen sollten zufrieden sein. Ob ich das als Schweizer Finanzministerin gemacht hätte, weiss ich allerdings nicht. Ausserdem finde ich es falsch, die Schweiz immer als Steueroase darzustellen. Gehen Sie mal nach London oder Südostasien, da sind wir in der Schweiz ganz kleine Tiere dagegen.
 
Aber es kann ja keine Entschuldigung sein, dass es woanders schlimmer ist.
Nein, und ich bin ja auch nicht für Steuerhinterziehung. Ganz im Gegenteil. Übrigens halte ich auch nichts von der Pauschalbesteuerung von Ausländern in der Schweiz. Ich bin eingebürgert und zahle in Nidwalden ganz normal meine Steuern. Ebenso werde ich in Deutschland und in anderen Ländern besteuert, weil ich dort Immobilien besitze.
 
Am Steuerabkommen kritisiert die SPD, dass Steuersünder dadurch zu günstig und anonym davon kommen und die Möglichkeit haben, vorher ihr Geld in andere Länder zu schaffen.
Ich weiss nicht, ob es diese Möglichkeit gibt. Aber ich denke, Leute, die so etwas gemacht haben, sind vielleicht mit dem Steuersystem in Deutschland nicht zufrieden. Wenn wir eine vernünftige Steuerreform machen würden, würde niemand Geld in andere Länder transferieren, sondern es in Deutschland lassen.
 
Das kann ja aber keine Entschuldigung sein für eine Straftat wie Steuerhinterziehung.
Nein. Aber man weiss nicht, in welchen Nöten solche Leute möglicherweise gesteckt haben. Ich kann mich da nicht hineinversetzen.
 
Wie beurteilen Sie die Rolle der Schweizer Banken? Zurzeit gibt es etwa Berichte, wonach die UBS deutschen Steuerhinterziehern hilft, ihr Geld nach Singapur zu verlagern.
Wenn jemand seine Bank beauftragt, sein Geld auf ein anderes Konto zu überweisen, kann sich die Bank dagegen kaum wehren. Ob Hilfe gewährt wird, kann ich aber nicht beurteilen.
 
Von diesem Detail abgesehen: Wie sehen Sie die Rolle der Schweizer Banken?
Die Schweizer Banken haben die härtesten Auflagen, die ich kenne, was die Annahme von Geldern angeht. Und ich weiss, wovon ich spreche. Ich bin Mitaktionär der Reichmuth-Bank in Luzern und kenne den einen oder anderen Kunden, der sich beschwert, in Österreich sei es heutzutage viel angenehmer als in der Schweiz.

Die 300 Reichsten

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