Ich kann mich noch gut erinnern, als Wieland zu unserem Team der Produktentwicklung für Schulbücher stiess. Er erzählte uns, dass er Soziologie studiert, dann in der Entwicklungshilfe gearbeitet und zum Schluss einen Job im Tourismusmarketing gehabt habe.

In der Produktentwicklung für Bücher hatte er noch nie gearbeitet. Das Team war gegenüber dem Quereinsteiger Wieland entsprechend skeptisch.

Ein schlauer Fuchs

Ein halbes Jahr später waren sie begeistert von ihm. Wieland entwickelte ein Schulbuch über Wirtschaft, bei dem er die vorher üblichen Arbeitshefte durch eine interaktive Verbindung ins Internet ersetzte, samt Bildern und Multiple-Choice-Tests. Das ist aus heutiger Sicht nichts Besonderes. Damals, vor fünfzehn Jahren, war es eine Innovation.

Ich war damals Geschäftsführer des Bereichs. «Wieland, Sie sind wirklich ein schlauer Fuchs», sagte ich.

Damit wären wir beim Fuchs.

Der Fuchs, Gattungsbegriff Vulpes, trägt das Attribut der Schlauheit tatsächlich zu Recht. Er ist das Wildtier mit der grössten Verbreitung auf diesem Planeten. Füchse leben von Grönland bis ins südliche Australien. Solch enorme Flächendeckung schafft, ausser dem unvermeidlichen Homo sapiens, sonst kein Lebewesen.

Grossmeister des Opportunismus

Füchse sind in der Biologie darum die Grossmeister des Opportunismus. Sie können unter allen möglichen Bedingungen überleben. Diese Fähigkeit hat sich vielfach in der Literatur niedergeschlagen. Seit dem Mittelalter sind Epen wie «Reineke Fuchs» und «Le Roman de Renart» literarische Beispiele dafür, wie eine vergleichsweise kleine Kreatur sich dank Anpassungsfähigkeit, List und kreativer Intelligenz auch gegen stärkere Konkurrenz durchsetzen kann.

Der schlaue, opportunistische Fuchs ist der Idealtypus des Quereinsteigers, weil er sich auf jedem neuen Feld schnell zu Hause fühlt. Der füchsische CEO etwa, unter dem ich am längsten arbeitete, kam aus der Gastronomie, war dann im Kreditgeschäft und wechselte schliesslich in unsere Verlagsbranche, von der er zuvor nicht die geringste Ahnung hatte. Er wurde dennoch der bis dato erfolgreichste Chef des Unternehmens.

Oder nehmen Sie die hohe Politik, wo es von Italien bis in die Ukraine von opportunistisch talentierten Füchsen neuerdings nur so wimmelt. Paradeexempel in diesem Biotop ist sicher Donald Trump. Er war erfolgreich als Bauunternehmer, als TV-Akteur und als Politiker, und vermutlich wäre er ebenso erfolgreich als Bischof oder Bordellbetreiber. Füchse sind stets flexibel.

Grüne Welle für sich genutzt

Kehren wir zur tierischen Variante zurück: Die schlauen Füchse sind enorm schnell, wenn es darum geht, sich an den Zeitgeist anzupassen. So haben sie auch die grüne Welle perfekt für sich genutzt.

Seit den achtziger Jahren gibt es das Phänomen der Stadtfüchse. Die Tiere wandern in die Innenstädte, weil sie dort zunehmend ideale Lebensbedingungen vorfinden. Graue Parkplätze werden durch grüne Parks ersetzt, jede neue Überbauung muss Rasenflächen und Hecken bereitstellen, und die Wegwerfkultur bei Nahrungsmitteln floriert.

Die Füchse ziehen also in die City, wo ihr Leben viel unbeschwerter ist als im Wald und in seinem unkomfortablen Überlebenskampf. In Zürich zum Beispiel leben bereits 1300 Füchse. In London sind es deren 15 000.

Ich mag Füchse. Sie haben keine Angst vor Wandel. Sie nutzen Opportunitäten. Sie sind flexibel und risikobereit. Sie sind so, wie man uns sagt, dass wir sein müssten. Wir können von ihnen lernen.

*Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport.

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