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Studie 
Digitalisierung: Wo die Jobs auf der Kippe stehen

Der Poststellen-Kahlschlag ist ein Paradebeispiel für die Folgen der Digitalisierung in der Schweiz. Doch der Wandel betrifft alle Branchen. Eine Studie zeigt, welche Jobs bald automatisiert werden.

Von Karen Merkel
28.10.2016

Der «Poststellen-Kahlschlag» hat für Aufregung gesorgt, CEO Susanne Ruoff musste sich gegen herbe Kritik verteidigen. Der Grund für den Entscheid vom Mittwoch, 600 traditionelle Filialen zu schliessen: die Effekte der Digitalisierung. Die Umsätze im Schalter-Geschäft sind eingebrochen, technologische Dienstleistungen sind gefragt. 1200 Schalterarbeiter behalten zwar ihre Stelle, doch ihre Aufgaben werden sich stark verändern. Das Post-Projekt ist ein Paradebeispiel für die Folgen der Digitalisierung in der Schweiz.

Dieser Wandel betrifft alle Branchen. Das Beratungsunternehmen Deloitte hat in einer neuen Studie berechnet, welche Berufe in den wichtigsten Bereichen der Schweizer Wirtschaft automatisiert werden könnten und wie viele Mitarbeiter davon betroffen wären. Unter dem Strich erwarten die Autoren bis 2025 rund 270'000 Stellen mehr als heute – doch viele Jobbeschreibungen werden komplett andere sein:

Handel und Verkehr: Automatisierungswahrscheinlichkeit 49 Prozent

Im Bereich Handel, Verkehr und Lagerwirtschaft steht gut die Hälfte aller Jobs auf der Kippe. Das liegt vor allem daran, weil gut 117'000 Verkäufer in diese Kategorie fallen – dieser Beruf weist eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von 95 Prozent auf. Dazu kommen weitere 47'000 Bürokräfte und Kassierer, deren Ersatz durch Roboter nahezu als ausgemachte Sache gilt. Selfscan-Kassen sind im Handel erst der Anfang, auch Kundenberatung und das Auffüllen von Regalen könnten Roboter in Zukunft übernehmen. Ähnlich in der Luftfahrt: Vom Ticketverkauf bis zum Boarding sind kaum noch Menschen involviert. Bereits heute nutzen 60 Prozent aller Passagier am Flughafen Zürich Online-Check-in. In Zukunft wird auch die Gepäckabgabe zunehmend automatisiert und weiteres Personal eingespart. In der Schweiz laufen seit einigen Jahren Pilotversuche dazu.

Bürokräfte 97 Prozent*
Kassierer 90 Prozent
Verkäufer 95 Prozent


*Die Prozentangaben zeigen, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese Jobs nach den Berechnungen von Deloitte bis 2025 automatisiert werden. Ausgewählt sind jeweils typische Tätigkeiten für den Bereich.

Industrie und Produktion: 47 Prozent

Das verarbeitende Gewerbe steht durch den starken Franken und den scharfen globalen Wettbewerb besonders unter Druck. Als Reaktion darauf investieren viele Unternehmen in Automatisierung. Laut einer Umfrage von Deloitte unter 400 Firmen haben zwei Drittel von ihnen seit dem Ende des Mindestkurses stärker automatisiert. Das Potenzial ist hoch, denn vor allem Metallarbeiter und Hilfskräfte können zum grossen Teil durch Roboter ersetzt werden. Davon sind Zehntausende Arbeitsplätze betroffen. Die Experten erwarten auch, dass sich aufgrund der maschinellen Konkurrenz das Qualifkationsniveau im MEM-Bereich erhöht.

Hilfsarbeiter 80 Prozent
Metallarbeiter 77 Prozent
Produktionsleiter 2 Prozent

Verwaltung und Versorgung: 17 Prozent

Ärzte, Richter und Polizisten werden ihren Job zum grossen Teil behalten können. Auch Lehrern und Krankenpflegern machen Roboter noch lange keine Konkurrenz. Überhaupt sind in der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheits- und Sozialwesen die Aussichten rosig. Zwei Drittel haben ihre Arbeitsplätze auch langfristig sicher. Das entspricht in der Schweiz gut 560'000 Personen, wie Deloitte berechnet hat. Die demografische Entwicklung wird zusätzlich für Stellenwachstum sorgen. Allein Bürokräfte haben schlechte Karten – hier erwartet Deloitte bis 2025 jährlich einen Rückgang um 3 Prozent. In keinem anderen Bereich schlägt Automatisierung so deutlich durch.

Bürokräfte 97 Prozent
Lehrer 10 Prozent
Ärzte 2 Prozent

Banken und Finanzen: 29 Prozent

Die UBS investiert 1 Milliarde Franken in einheitliche IT-Plattformen in der Vermögensverwaltung und erhofft sich davon Spareffekte. Die US-Bank Morgan Stanley hat im Bond-Geschäft ein Viertel der Mitarbeiter abgebaut, in Technologie investiert und den Gewinn verdreifacht. Auch kleinere Banken ziehen mit: Die Privatbank Notenstein kürzt zugleich 100 Stellen und investiert in ihre technische Infrastruktur. Der digitale Wandel kam zögerlich, jetzt drängt er mit Macht in die Geschäftsbereiche der Banken:


Zahlungen: Banken und Finanzdienstleister planen laut Deloitte in den kommenden fünf Jahren umfassende Investitionen. «Lange waren die Margen ausreichend attraktiv, dass kein Wandel nötig war», sagt Bankenspezialist Daniel Kobler, Mitautor der Deloitte-Studie. Doch die Erwartungen der Kunden steigen und externe Anbieter springen in die Bresche. Das zeigt sich im Wettkampf um den Geldbeutel der Schweizer: Hier duellieren sich Apple Pay und Twint. Beide wollen der führende Anbieter für mobiles Zahlen werden. Gewinnt das Angebot vom Tech-Riesen Apple, verlieren die Schweizer Banken einen Teil ihres Kerngeschäfts. Wie einfach Zahlungsprozesse in Zukunft sein können, zeigt etwa die in China beliebte App WeChat. Der Whatsapp-Konkurrent erlaubt die Überweisung per Message. Für den Zahlungsverkehr gilt: Einige Jobs stehen unter Druck, und sie können nur zum Teil durch den Aufbau neuer Tätigkeiten ausgeglichen werden.

Softwareentwickler 8 Prozent
Schalterbedienstete 97 Prozent
Datenerfasser  99 Prozent


Einlagen und Kredite: Automatisierung bedeutet in vielen Fällen Effizienzgewinn. Das zeigt sich im mobilen Banking, bei der Vergabe von Krediten und der Anlageberatung. Deloitte sieht hier Potenzial: Verbesserte Datenverarbeitung erleichtert Kontoeröffnungen und Anbieterwechsel im Internet. In Standardfällen kann die Kreditwürdigkeit eines Antragstellers zunehmend automatisiert beurteilt werden.
Damit ist nicht länger nur das Backoffice im Blickfeld, auch Bereiche mit Kundenkontakt werden von der Technik gekapert. Die Anlageberatung per Algorithmus ist ein Zukunftsfeld. «Anlageberatung ist ein Bereich, der teilweise automatisiert werden kann», so Studienautor Kobler. Bankenmitarbeiter reservieren ihre Zeit so stärker für Spezialfälle und komplexere Geldanlagen. Die Technik hilft dabei, im Geschäft mit vergleichsweise kleinen Summen kostendeckend zu arbeiten. Durch diese Entwicklung sind allerdings mehrere Tätigkeiten bedroht.

Anlageberater 41 Prozent
Kreditsachbearbeiter 51 Prozent
Schalterbedienstete  97 Prozent


Vermögensverwaltung: Der technologische Wandel der Bankenwelt geht über die Automatisierung von Prozessen hinaus.  «Automatisierung ist ein Teil der Digitalisierung. Der grosse Hebel der Transformation kommt über die Digitalisierung», sagt Bankenspezialist Kobler. Die Studienautoren von Deloitte sehen in der Vermögensverwaltung Sparpotenziale durch digitale Beratungstools. Gleichzeitig ist dies der Bereich, der häufig spezifische Kundenbetreuung nötig macht. Hier haben Roboter keine Chance – sondern nehmen Angestellten nur Routinearbeit ab.

Wertpapierhändler 5 Prozent
Akad. Vertriebsfachkräfte 16 Prozent
Finanz-/Anlageberater   41 Prozent


Marktversorgung: Auch in der Bankenbranche sorgt das Internet für mehr Basisdemokratie. Marktteilnehmer vernetzen sich untereinander und haben Zugang auf einen grösseren Datenumfang. Vor allem die zunehmend bessere, automatische Datenauswertung hat laut Deloitte Potenzial, Anlegern bei der Entscheidungsfindung zu helfen. Es geht dabei nicht nur um eine grössere Transparenz bei bekannten Abschlüssen, Algorithmen können auch helfen, neue Handlungsoptionen aufzuzeigen. Zudem senkt die Marktteilnahme über digitale Plattformen die Schwelle für neue Kundenkreise. Der Einzug von künstlicher Intelligenz in den Wertpapierhandel bedeutet, dass sich Spezialisten um die notwendige Software kümmern. Hier können Jobs entstehen. Die Auswertung von Statistiken dagegen übernehmen zunehmend Maschinen. Das bedeutet Einbussen mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Softwareentwickler 8 Prozent
Finanzanalysten 25 Prozent
Bürokräfte Statistik  97 Prozent


Kapitalbeschaffung: Digitalisierung eröffnet Gründern neue Möglichkeiten, sich Kapital zu beschaffen. Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter haben eine Parallelkultur geschaffen, die den leichten Zugang zu privaten Geldgebern verspricht. Der Umweg über die Banken wird überflüssig, es braucht allein den Glauben der Online-Community in das geplante Produkt. Der Vorteil: Die Vorfinanzierung ist oft sogar zinslos. Allein grössere Projekte sind auf diese Weise selten zu stemmen. Hier kommen schnell die althergebrachten Geldinstitute ins Spiel. Diese können den Trend für sich nutzen, so die Analysten von Deloitte, und sich als Geldgeber für Startups neue Kundenkreise erschliessen.

Akad. Finanzfachkräfte 25 Prozent
Betriebsökonomen 25 Prozent
Fachkräfte Finanzen   51 Prozent


Versicherungen: «Hat Ihr Unternehmen die Digitalisierung verschlafen?» Dieser Frage musste sich Zurich-Chef Mario Greco wiederholt stellen, wenn er sich zum Milliardensparplan der grössten Schweizer Versicherung äusserte, Jobabbau inklusive. Tatsächlich läuft im Schweizer Versicherungswesen – nicht nur bei der Zurich – vieles noch über den Versicherungsvertreter. Darum ist gerade in diesem Bereich das Potenzial für mehr digitale Effizienz gross, zulasten der Berater. In der Datenverarbeitung sieht Deloitte Möglichkeiten: Vereinheitlichte IT-Systeme ersparen die Mehrfacheingabe von Daten. Automatische Prüfungen von Schadenmeldungen reduzieren den Personalaufwand. Daten aus mehreren Quellen werden verknüpft und erlauben es Kunden wie Beratern, in Echtzeit auf die Daten zuzugreifen.

Versicherungsmathematiker 15 Prozent
Fachkräfte Versicherung 39 Prozent
Versicherungsvertreter  66 Prozent

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