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«Flugscham» 
Dienstreisen nach Greta: So handhaben es SMI-Konzerne

Greta Thunberg Fliegen
Greta Thunberg: Die junge Klimaktivistin verzichtet der Umwelt zuliebe aufs Fliegen.Quelle: Brigitta Garcia Lopez

Seit den Klimaprotesten reden alle über schädliches Fliegen. Doch wie sehr haben Schweizer Firmen Flugscham und meiden Flugreisen?

Corinna Clara Röttker
Von Corinna Clara Röttker
21.05.2019

Mit dem Flugzeug auf Dienstreise – für viele gehört das zum Arbeitsalltag. Doch mit der Welle der Klimaproteste wird das zunehmend kritisch hinterfragt. Greta Thunberg sei Dank. Die 16-jährige Klimaaktivistin ist die Erfinderin der Schulstreiks fürs Klima, der «Fridays for Future», und die Einschränkung des klimaschädlichen Flugverkehrs eine ihrer zentralen Forderungen.

In ihrer Heimat Schweden gibt es eine eigene Wortschöpfung, die den umweltbewussten Verzicht aufs Fliegen beschreibt: «Flugskam» – also Flugscham – ist das Wort der Stunde. Der Tenor: Wer fliegt, sollte sich für sein schädliches Verhalten genieren und stattdessen auf ökologischere Transportmittel umsteigen.

Die neue Scham erreicht auch die Schweiz: Politiker fordern eingeschränkte Flugreisen für Parlamentarier und Bundesangestellte. Und ETH-Forscher wollen künftig ihre Dienstflüge reduzieren.

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Mitarbeiter sollen weniger fliegen

Zug statt Flugzeug, auf die Schiene statt in die Luft – kommt das auch für die viel fliegenden Manager infrage? Vor allem aber: Wie umweltfreundlich ist das Dienstreisereglement der grossen Konzerne? Bei den SMI-Firmen nachgefragt, zeigt sich: Auch bei ihnen deutet sich ein Gesinnungswandel an.

«2018 wurde die für die Swiss Life gruppenweit gültige Travel-Management-Weisung leicht angepasst», heisst es beim Lebensversicherer. Im Reglement stehe demnach neu explizit, dass bei der Wahl des Transportmittels darauf geachtet werden muss, dass es möglichst umweltfreundlich ist. Überhaupt: Geschäftsreisen seien möglichst nur dann zu tätigen, wenn der Zweck der Reise nicht mittels Telefon- oder Videokonferenz erfüllt werden kann. Sei eine Reise dennoch nötig, habe der ÖV immer erste Priorität, so Swiss Life. Auch die Geschäftsreise mit dem Privatwagen dürfe nur dann erfolgen, «wenn der zeitliche Aufwand mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wesentlich höher ist oder wenn dessen Benutzung aus anderen Gründen nicht zugemutet werden kann».

Videokonferenz ist erste Wahl

Ähnlich handhaben es andere SMI-Konzerne. Praktisch überall heisst es, man sei bestrebt, Dienstreisen insgesamt, aber vor allem via Flugzeug und Auto auf ein Minimum zu reduzieren. Dies allerdings nicht erst seit Greta. Mittel erster Wahl seien vor allem Telefon- und Videokonferenzen. Liesse sich eine Reise dennoch nicht vermeiden, sollen Mitarbeitende – wenn immer möglich – öffentliche Verkehrsmittel benutzen, so der O-Ton.

«Als Regel gilt bei uns: Wenn immer möglich setzen wir auf Video- und Telefonkonferenzen.»

Swisscom

«Bevor die Entscheidung für eine Reise getroffen wird, müssen deren Mehrwert sowie mögliche Alternativen geprüft werden, um unsere Auswirkung auf die Umwelt zu minimieren», teilt Nestlé mit. Bei nicht vermeidbaren Reisen gelte: Innerhalb der Schweiz ist Fliegen tabu.

«Wir sind ein nationales Unternehmen und stehen unter Kostendruck, weshalb von unnötigen Reisen ins Ausland abgesehen wird», so die Antwort der Swisscom. «Als Regel gilt bei uns: Wenn immer möglich setzen wir auf Video- und Telefonkonferenzen.» Hierfür verfügten praktisch alle grösseren Standorte über spezielle Videokonferenzräume, die eine Teilnahme an Online-Meetings «rasch und einfach» ermöglichen. Zudem hätten Mitarbeitende die Möglichkeit, Skype for Business auf ihrem PC und ihrem Handy zu nutzen.

Multi-ethnic business people video conferencing in board room at office
Meeting: Um Geschäftsreisen zu vermeiden, setzen viele SMI-Firmen auf Video- und Telefonkonferenzen.
Quelle: Getty Images

Interne CO2-Steuer: Der Verursacher bezahlt

Swiss Re legt seinen Mitarbeitern nicht nur das Bahnreisen nahe, sondern empfiehlt zudem, notwendige Reisen möglichst effizient zu planen, indem etwa mehrere Meetings kombiniert werden. Der Rückversicherer verwendet dabei ein Tool, welches bei Dienstreisen mit Teilnehmenden aus verschiedenen Regionen den für alle am klimafreundlichsten zu erreichenden Treffpunkt vorschlägt. Notwendige Flüge würden überdies CO2-kompensiert – finanziert über eine interne CO2-Steuer, die von der verursachenden Einheit bezahlt werden muss. Sprich: Wer bei Swiss Re fliegt, der zahlt auch dafür.

Auch beim Pharmariesen Roche sind Mitarbeitende gehalten, Geschäftsreisetätigkeiten zu mehreren Zielorten in einer Reise zusammenzufassen – ähnlich wie beim Versicherer Zurich, der mit effizienteren Reiseplänen die Flugkilometer reduzieren will. Elektroautos als Dienstfahrzeuge, ebenso wie kostenlose Lademöglichkeiten, bietet hingegen der Industriekonzern ABB seinen Mitarbeitern an.

«Innerhalb mancher Regionen gibt es oft noch keine sichere und schnelle Alternative zum Flugzeug.»

Lafarge Holcim

Doch allen Bemühungen zum Trotz – ganz ohne Fliegen wird es auch künftig nicht gehen. So weist Lafarge Holcim darauf hin, dass man zwar bestrebt sei, Flugreisen so weit wie möglich zu reduzieren, sich diese aber in einem global agierenden Unternehmen mit mehr als 2000 Standorten weltweit künftig nicht vermeiden lassen. «Innerhalb mancher Regionen – etwa in Afrika – gibt es oft noch keine sichere und schnelle Alternative zum Flugzeug», so der Zementkonzern. Dennoch gibt es erste Erfolge: So sei die Anzahl der Flugreisen pro Kopf für Abflüge aus der Schweiz in den letzten zehn Jahren «deutlich zurückgegangen».

Geschäftsflüge wurden bereits reduziert

Ähnliches beobachtet der Warenprüfkonzern SGS: «Durch mehr als 285 000 Konferenz- und Videoanrufe konnten 2018 über 1400 Flüge sowie 7400 Tonnen CO2 gespart werden», heisst es da. Die UBS hat die Flugkilometer, die ihre Mitarbeiter beruflich zurücklegen, in den letzten zehn Jahren gar gut halbiert, auf etwas mehr als 500 Millionen Kilometer. Und bei Roche sind die CO2-Emissionen aus Geschäftsflügen von 2017 bis 2018 um immerhin 4,1 Prozent gesunken.

Weniger fliegen

  • Swiss Re: Beim Rückversicherer werden Dienstreisen CO2 kompensiert. Finanziert wird das über eine interne Steuer, die von der verursachenden Einheit bezahlt wird. Dadurch erhofft sich Swiss Re Lenkungsefekte.
  • SGS: Durch mehr als 285 000 Konferenz- und Videoanrufe konnten beim Warenprüfkonzern 2018 über 1400 Flüge und 7400 Tonnen CO2 eingespart werden.
  • Swisscom: Statt auf Dienstreisen setzt der Telekomkonzern auf Online-Meetings und verfügt dafür über spezielle Videokonferenzräume.

Dass die Vielfliegerei Gift für die Umwelt ist, scheint allen grossen Konzernen inzwischen zu dämmern – das zeigt auch die gestiegene Bereitschaft, den ökologischen Fussabdruck freiwillig zu kompensieren. «Das Interesse an dem Thema ist sehr stark gestiegen – auch auf Unternehmensseite», sagt Kai Landwehr, Mediensprecher bei der Zürcher Stiftung Myclimate, die CO2-Kompensationen für Flugreisen anbietet.

Myclimate verzeichnete zuletzt ein Rekordjahr: 832 750 Tonnen CO2-Emissionen wurden 2017 kompensiert. «2018 werden wir wohl die Millionengrenze knacken», so Landwehr. Zwar handelt es sich bei den Kompensationen der Unternehmen stets um die Gesamtemissionen, bei denen Flugreisen nur einen Teil ausmachen. Trotzdem: «Bei vielen Konzernen ist das schon seit mehr als zehn Jahren ein Thema.»

Ökologischere Fuhrparks

Auch mit Blick in die Zukunft wollen die meisten SMI-Unternehmen ihre Bemühungen weiter vorantreiben. Swiss Life etwa plant weitere Massnahmen im Bereich Geschäftsreisen, Personalvermittler Adecco will ebenso wie Zurich seinen Fuhrpark nach und nach durch klimafreundlichere Fahrzeuge ersetzen und Swiss Re erhofft sich durch die Erhöhung seiner internen CO2-Steuer Lenkungseffekte.

Geberit hingegen will davon nichts wissen: «Wir sind bereits bis anhin sehr verantwortungsvoll mit dem Thema Dienstreisen umgegangen, weshalb sich unser Verhalten diesbezüglich durch die gegenwärtigen Diskussionen nicht geändert hat und wir auch keinen Anlass sehen, unser Verhalten zu ändern», heisst es dort auf Anfrage. So gebe es auch beim Sanitärtechnikunternehmen ein Dienstreisereglement, viel entscheidender aber sei, dass «wir uns auf das wirklich Notwendige beschränken und den gesunden Menschenverstand walten lassen».

«First Class ist neunmal schädlicher als Economy»

Gibt es einen Greta-Effekt im Bereich Geschäftsreisen?
Michael Jegerlehner*: Einen übergreifenden Greta-Effekt sehen wir im Geschäftsreisebereich bisher nicht. Das liegt auch daran, dass Dienstreisen Muss-Reisen sind und keine Kann-Reisen wie im touristischen Bereich. Privat können Reisende entscheiden, wohin und ob sie überhaupt verreisen wollen, im Geschäftsreisebereich ist das kaum möglich. Viele unserer Kunden treffen jedoch schon länger Massnahmen für möglichst nachhaltige Geschäftsreisen, nicht erst ausgelöst durch die Fridays-for-Future-Bewegung. Zum Beispiel legen sie Strecken fest, auf denen Mitarbeitende die Bahn statt des Flugzeugs nutzen müssen.

Wie können Firmen ihre Geschäftsreisen klimaneutraler gestalten? Welche konkreten Schritte sind dafür möglich?
Geschäftsreisen lassen sich nicht per se durch virtuelle Meetings ersetzen, denn für Geschäftsbeziehungen sind persönliche Kontakte unverzichtbar. Insbesondere bei rein internen Meetings sind Audio- oder Videokonferenzen jedoch durchaus eine gute Alternative zur Dienstreise. Bahn statt Flugzeug, öffentliche Verkehrsmittel statt Taxis, Anmietung von Kleinwagen oder Hybridfahrzeugen statt SUV, die Wahl eines nachhaltigen Hotels und CO2-Kompensation sind Möglichkeiten, wenn zwingend gereist werden muss. Und auch bei dienstlichen Flugreisen gibt es Stellschrauben wie beispielsweise die Buchung von Direktflügen anstelle von Umsteigeverbindungen oder Economy statt Business Class: Ein Flug in der Business Class verursacht dreimal mehr CO2-Emissionen als in der Economy Class. In der First Class sogar neunmal mehr.

Werden klimafreundlichere Geschäftsreisen teurer, etwa durch CO2-Ausgleichszahlungen?
Generell sollten CO2-Ausgleichszahlungen immer nur eine Massnahme von vielen sein. Durch die Förderung eines veränderten Reiseverhaltens, sprich das Umlenken auf klimafreundlichere Verkehrsmittel, virtuelle Meetings, wo sinnvoll, sowie geografisch optimierte Meeting-Planung können Unternehmen ganz direkt Geld sparen. Klimafreundlicheres Reisen muss also nicht zwingend teurer sein.

Wie unterstützen Sie Firmen, die Geschäftsreisen klimaneutraler gestalten wollen?
Als Travel Management Company sind wir prädestiniert, Unternehmen dabei zu unterstützen, unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte intelligenter zu reisen. Wir sind nicht nur ein Dienstleister, wir arbeiten als Partner für unsere Kunden und nehmen eine wichtige Beratungsrolle ein. Wir beraten Unternehmen bei Initiativen wie beispielsweise der Wahl umweltfreundlicher Verkehrsmittel, geografisch optimierter Sitzungsplanung, CO2-Kompensation und der Einführung von Tools zur virtuellen Zusammenarbeit. Auch wenn die globale Marktnachfrage nach grünen Geschäftsreisen noch nicht hoch ist, wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen. Nachhaltigkeit steht im Mittelpunkt unseres unternehmerischen Handelns.

In welchen Branchen ist das Bewusstsein für klimafreundliche Geschäftsreisen Ihrer Erfahrung nach eher ausgeprägt und in welchen weniger?
Das Bewusstsein für klimafreundliche Geschäftsreisen variiert von Unternehmen zu Unternehmen. Allgemeingültige, branchenspezifische Unterschiede sehen wir nicht. Generell nehmen sich immer mehr Unternehmen aller Grössen und Branchen des Themas Nachhaltigkeit an und veröffentlichen zum Beispiel Nachhaltigkeitsreports – das wird von Stakeholdern wie Kunden oder auch Banken in Sachen Refinanzierung verstärkt gefordert.

Haben Ausgaben für Bahnreisen im Geschäftsreisebereich zugenommen?
Die Schweizer fahren gerne und immer häufiger mit der Bahn. Zumal es bis auf Zürich–Genf, Zürich–Lugano und Genf–Lugano keine Flugverbindungen innerhalb der Schweiz gibt. Generell hängt die Entscheidung für oder gegen die Bahn aber immer auch von den Faktoren Standort des Unternehmens, Ort des Geschäftstermins, Umstände wie Streik sowie Präferenz des Reisenden ab. Eine Grundregel in Bezug auf die Wahl des Verkehrsmittels lautet, dass sich eine Zugfahrt mit einer Dauer von bis zu vier Stunden auch aus Produktivitätsgründen eignet. Ab vier Stunden sehen die Reiserichtlinien unserer Unternehmenskunden häufig die Flugverbindung vor.

*Michel Jegerlehner leitet das Schweiz-Geschäft von BCD Travel, einer Beratungsfirma für Geschäftsreisen. Das Unternehmen analysiert für seine Kunden Budgets, Strukturen und Abläufe im Reisemanagement.

Interview: Stefan Mair