Im Sitzungszimmer Nord feierten wir damals mit Weisswein und Apérogebäck. Wir hatten einen ­guten Grund, fröhlich anzustossen. Der Abschluss des zweiten Halbjahres war viel besser ausgefallen, als wir gedacht hatten. Denn das erste Halbjahr war sehr harzig angelaufen.

Nur einer wollte nicht so richtig mitfeiern. Walter Hauser, der altgediente Sekretär des Verwaltungsrats, rümpfte die Nase. «Walter, was ist los?», fragten wir. «Irgend­etwas ist hier faul», sagte er. Wir lachten nur und stiessen mit ihm an. «Prost», sagte er, «aber irgendetwas ist hier faul.»
Zwei Wochen später wurde unser Halbjahresabschluss deutlich nach unten korrigiert. Ein Mitarbeiter im Controlling hatte die transito­rischen Aktiven nicht richtig abgegrenzt. Wir hatten zu voreilig gefeiert. Walter Hauser sagte nur eines: «Ich habe es geahnt.»

Die Gabe der Vorahnung

Vorahnung, sagt man dem, oder siebter Sinn. Ob es den siebten Sinn auch wirklich gibt, ist in der Wissenschaft umstritten. Für viele traditionelle Wissenschaftler, die nur an das Messbare glauben, gehört der siebte Sinn in die Region der Esoterik.

Weniger umstritten ist der siebte Sinn bei Tieren. Sie haben die Gabe der Vorahnung.

Ein bekannter Fall aus dem Jahr 2012 sind die Ziegen, die am Ätna auf Sizilien weideten und plötzlich davonstoben. Sechs Stunden später begann eine heftige Vulkaneruption.

Als vor fünfzehn Jahren der gewaltige Tsunami in Südostasien die Küstenregionen in Indonesien und Thailand verwüstete, flohen Elefanten, Wasserbüffel und Hühner ins Landes­innere. Im Vorfeld von Erdbeben in China wurden Zootiere wie Zebras beobachtet, die ihre Köpfe gegen die Gehege schlugen, Elefanten, die wie verrückt den Rüssel schwenkten, Reptilien und Erdvögel, die sich zusammenrotteten, und Löwen und ­Tiger, die panisch aus dem Mittagsschlaf aufschreckten.

Vorahnungen in der Unternehmenswelt

In der Unternehmenswelt hingegen hält man nicht viel von Warnungen und Vorahnungen. Nur so sind gewaltige Katastrophen wie jene von UBS über Swissair bis Raiffeisen zu erklären. Auch hier sagten viele: «Irgendetwas ist hier faul.» Doch die CEOs und Verwaltungsräte wollten nicht auf die siebten Sinne hören.

Ein gegenteiliges Beispiel erzählte mir ein befreundeter CEO eines börsenkotierten Konzerns. Er stand kurz vor der Vertragsunterzeichnung zur Übernahme einer Firma, als er einen seltsamen Traum hatte. Er träumte von einer hübschen Frau, die im Bett lag. Er zog ihr die Decke weg, und darunter wimmelte es von ekligen Insekten.

Als er aufwachte, verliess ihn das seltsame Gefühl nicht mehr. Auf das Risiko hin, sich fürchterlich zu blamieren, erzählte der CEO seinem Verwaltungsrat den Traum und sagte, er würde die Übernahme lieber absagen. Zu seiner Verwunderung lachte ihn der Verwaltungsrat nicht aus, sondern akzeptierte den siebten Sinn.

Kurz darauf geriet die beinahe übernommene Firma in schwere Schieflage, nachdem in ihrem Keller diverse Finanzleichen entdeckt worden waren. Die Vorahnung hatte Hunderte von Millionen gespart.

Man kann es auch umgekehrt halten. Ein bekanntes historisches Beispiel dazu ist die Senatssitzung vom 15. März 44 v. Chr. in Rom. Calpurnia, die Gattin von Julius Cäsar, hatte böse ­Vorahnungen und beschwor den Imperator, auf keinen Fall hinzugehen. «Irgendetwas ist hier faul», sagte sie.

Cäsar ignorierte die Warnung und machte sich auf den Weg. Eine Stunde später lief er Brutus ins offene Messer.

*Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport.

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