Vor ein paar Wochen habe ich bei Perth in Westaustralien zum ersten Mal ein paar Quokkas in freier Wildbahn gesehen. Die Quokkas sind kleine Kängurus. Wie alle Beuteltiere haben sie vorn einen ­Beutel. Da sitzen ihre Zöglinge drin und schauen raus.

Als ich die Quokkas mit ihren Beuteln herumspringen sah, habe ich mich an Rainer Keller erinnert. In Wirklichkeit heisst er anders, aber das tut nichts zur Sache. Keller arbeitete als unser Marketingverantwortlicher in derselben Firma wie ich.

Keller war ein typisches Beuteltier. Erst wechselte er als langjähriger Direktor einer kleineren Firma in die Geschäftsleitung von unserem grössten Konkurrenten. Seine frühere Assistentin aus dem Vorzimmer nahm er mit. Als er einige Jahre später zu uns hinüberwechselte, nahm er seine Assistentin wiederum quasi im Beutel mit.

Firmenwechsel mit engsten Vertrauten

Es gehört zu den gern diskutierten Fragen im Management, ob man bei einem Firmenwechsel die engsten Vertrauten mitnehmen soll. Dafür spricht, dass beispielsweise der Chef und die Chefsekretärin über die Jahre zu einem effizienten Team zusammengewachsen sind. Solche Schlagkraft ist auch in einer neuen Betriebs­umgebung von Vorteil.

Dagegen spricht, dass man als Beuteltier signalisiert, dass man sich nur ungern von seiner Vergangenheit löst. Dass man das personelle Inventar von früher auf die neue Etage mittransportiert, wirkt am neuen Arbeitsort zu Recht etwas ­befremdlich. Es ist ungefähr so, wie wenn ich nach einem Wechsel von Migros zu Coop als Erstes ein oranges M auf mein Chefpult stellen würde.

Der Wechsel im Duo spricht auch nicht unbedingt für die Assistentin. Am neuen Arbeitsplatz gilt sie schnell als eine Art überloyale und unkritische Feldweibelin, bei der man mit ­Informationen zurückhaltend sein sollte.

Quokka-Syndrom auf Chefetagen

Die Quokkas sind in dieser Hinsicht konsequent. Die Zöglinge bleiben knapp ein Jahr im Känguru-Beutel. Dann ist Schluss, da können sie noch so gegen das Ende der Zusammenarbeit protestieren. Denn neuer Nachwuchs, das hat die Natur raffiniert eingerichtet, ist bei Madame Quokka biologisch erst möglich, wenn sich der alte Nachwuchs aus dem Staub gemacht hat.

Dennoch ist das Quokka-Syndrom auf Chefetagen weitverbreitet. Ich kenne einen CEO eines grossen Unternehmens, der zwar seine Assistentin am alten Arbeitsort zurückgelassen, dafür aber seinen Finanzchef in die neue Konzern­leitung mitgenommen hat. Ein anderer aus der Gilde, mit dem ich bekannt bin, hat nun schon zum dritten Mal seinen Mediensprecher im ­Beutel mitgetragen. Nun gut, wenn man den Job so häufig wechselt, dann ist es vermutlich ­vor­teilhaft, wenn man für gute Pressearbeit in ­eigener Sache sorgt.

Damit wären wir zurück bei Rainer Keller. Nach rund acht Jahren wurde er entlassen. Er verliess das Büro noch am gleichen Tag. Er hatte zwar gut verwaltet und war perfekt organisiert, aber er hatte im Sortiment keine der nötigen Innovationen auf den Weg gebracht. Keller bekam eine hübsche Abfindung, zog sich in sein Haus in den Alpen zurück und arbeitete nun als selbständiger Berater.

Seine Assistentin brauchte das Beuteltier nach 25 Jahren nicht mehr. Sie wurde am gleichen Tag entlassen, ohne ­Abfindung.

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