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Herausforderung 
Akademikerinnen: Comeback mit Tücken

Berufsalltag: Nach Pausen ist der Einstieg in den Beruf eine Herausforderung.  Keystone

In der Schweiz sind 50'000 Akademikerinnen als Hausfrauen tätig. Eine ungenutzte Ressource, meinen viele. Nur: In der Praxis haben es Wiedereinsteigerinnen schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Von Karin Kofler
09.12.2014

Auf den ersten Blick tönt alles gut. Von «can do attitude», «over 15 years of ­experience in the ­ finance industry», «strong organisational skills» ist im CV von Sigrunn Müller die Rede. Die Frau hat einen Master of Business and Economics der BI Nor­wegian Business School in Oslo in der ­Tasche. Dazu ein Ethikstudium einer schwedischen Universität und ein Certificate of Advanced Studies der Hochschule St. Gallen.

Heute ist sie Office-­Managerin beim Schweiz-Ableger von Aberdeen Asset Management, einem britischen Vermögensverwalter. Müller kümmert sich um Human Resources und Compliance, kontrolliert Budgets und organisiert Events. Ein 100-Prozent-Job, der ihr gefällt, aber nicht ganz das ist, was sich die Mutter einer heute 15-jährigen Tochter nach ihrem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt erhofft hat. Bei ihrer letzten längeren Station vor der Niederkunft, der UBS, trug sie noch den Titel «Assistant Vice President».

Dann, mit der Geburt der Kleinen, begann die berufliche Marginalisierung, die in einer unfreiwilligen mehrjährigen Pause mündete. Nun ist sie zwar wieder berufstätig, aber mit 50 ist Nüchternheit eingekehrt: «Ohne das Kind wäre ich heute sicher auf Senior Level in der Hierarchie. Nach der Mutterschaftspause blieb mir nichts anderes übrig, als unter meinem Level wieder anzufangen.»

Appelle und Konzepte

So wie Müller geht es vielen gut ausgebildeten Frauen, wenn sie nach einem familienbedingten Unterbruch wieder zurückkehren wollen. Karin Duhem, Jahrgang 1968, war nach ihrem Politologie-Studium bei einem deutschen Energieversorger in der Öffentlichkeitsarbeit tätig und ging dann zwölf Jahre in die Familienpause. Der Einstieg danach gestaltete sich harzig. 40 bis 45 Bewerbungen verliefen erfolglos, obwohl die Mutter zweier Buben im Alter von 11 und 15 Jahren ihren Studienabschluss im Time-off unter anderem mit ehrenamtlichen Tätigkeiten und einem Diploma of Advanced Studies der HSG aufgewertet hatte.

Letztes Jahr klappte es doch noch: Duhem übernahm ein 60-Prozent-Pensum beim Anlagen-Bauer SMS Concast in Zürich als Assistentin des Executive Vice President Legal and Compliance. «Ich bin froh um diese Chance und hoffe, dass ich nochmals durchstarten kann», sagt die Französin, die in Deutschland studiert hat.

Ressource «Heim-­Akademikerinnen»

Duhem und Müller gehören zur Gruppe von qualifizierten Frauen, nach denen die Wirtschaft im Zuge des Fach­kräftemangels jüngst wieder schreit. 50'000 Akademikerinnen waren in der Schweiz 2013 als Hausfrauen registriert – über 50 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Die Zahlen, die das Bundesamt für Statistik kürzlich publizierte, liessen auf­ horchen. Brachliegendes Potenzial, Ver­schwendung von Steuergeldern: Die De­batte war lanciert. Sie wird nun weiter angeheizt durch den Bundesrat, der im Rahmen des revidierten Aktienrechts eine Frauenquote von 30 Prozent für Ver­ waltungsräte und Geschäftsleitungen börsenkotierter Unternehmen fordert.

Der Druck auf die Firmen, Frauen bes­ser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird dadurch verstärkt. «Es werden Mil­liarden in die Ausbildung von Frauen in­vestiert, die der Wirtschaft am Ende nichts nützen», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, in «20 Minuten». Auch beim Arbeitgeber­verband findet man, dass die Ressource «Heim-­Akademikerinnen» besser ange­zapft werden müsste. «Frauen, die man in der Firma bereits kennt, sind beson­ders wertvoll. Ihre Rückkehr muss stär­ker gefördert werden», sagt Präsident Valentin Vogt. Sein Verband arbeitet der­ zeit an entsprechenden Konzepten.

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