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Thierry Lalive d'Epinay - SBB

Sein nobler Name täuscht: Thierry Lalive d’Epinay verrichtet gern die gröberen Arbeiten in der Wirtschaft. Da im Vordergrund, dort im stillen.

Veröffentlicht am 31.12.1999

Er sei kein guter Netzwerker, schickt Thierry Lalive d’Epinay voraus, es liege ihm nicht, in Small-talk-Zirkeln Beziehungen um ihrer selbst willen zu pflegen. Mit Nachdruck räumt der Spross eines französischen Adelsgeschlechts auch den Verdacht des Beziehungsfilzes aus: «Ich habe keinen Job durch Beziehung erhalten, sondern nur durch Leistung.» Ob gewollt oder nicht - Tatsache bleibt, dass sich der 54jährige im Lauf seines Werdegangs vom Elektroingenieur zum Unternehmensberater ein geradezu klassisches Kontaktnetz errichtet hat. Wie kaum ein zweiter hat er Zugang zu Hochschulen und Universitäten. Vom Militär her kennt Lalive, Oberst im Generalstab, Kuoni-Lenker Riccardo Gullotti und Rentenanstalt-Chef Manfred Zobl. Über ABB und Landis & Gyr knüpfte er Kontakte in die Topetagen der Industrie. Die Bundesverwaltung erschloss er sich letzten Sommer, als er das SBB-Präsidium übernahm.

Das SBB-Netz
Die Staatsbahn wird zum Unternehmen: neue Struktur, neue Strategie, neuer Verwaltungsrat und neue Geschäftsleitung. Generaldirektor Hans Peter Fagagnini wurde abserviert, seither sind die Flops vergessen. Als VR-Präsident der SBB versieht Lalive in Bern einen 50-Prozent-Job (Tagesansatz: 2500 Franken). Im Moment ist die VR-Harmonie fast trügerisch perfekt. Kein Wunder: Die Manager Mario Fontana (Bon Appétit), Hanspeter Brändli (Danzas) und Paul E. Otth (Elektrowatt) sind alte Bekannte aus Landis & Gyr- und ABB-Zeiten. Die Vielzahl von VR-Ausschüssen droht die Kreise des heutigen CEO Benedikt Weibel zu stören. Lalive persönlich führt die Verhandlungen für ein Cargo-Joint-Venture mit den Italienern. Momentan hält der Burgfriede, doch eines Tages könnte sich die Machtfrage stellen. Gut ist sein Verhältnis zu Hans Werder, Generalsekretär von Verkehrsminister Moritz Leuenberger. Selbst linke Verkehrspolitiker, die wegen Weibels chaotischem Jobabbau in den Regionen rebellierten, haben ihre anfängliche Skepsis abgelegt. SP-Nationalrat Andreas Herczog: «Lalive gibt sich wahnsinnig Mühe.» In Bern trifft er des öfteren auf alte Bekannte: Kürzlich wurde er beispielsweise mit Mathias Tromp, Chef der Bern–Lötschberg–Simplon-Bahn (BLS), beim Lunch gesehen, einem alten Militärkameraden.

Die Akademikerverbindung
Lalives Wiege schaukelte in einem Akademikerhaus. Vater Jacques war Ingenieur, Mutter Klio Juristin. Lange als Nachzügler verspottet, hat Lalive heute die Brüder Silvio, Augenarzt und Professor an der Uni Zürich, Pierre, Orthopäde, und den pensionierten Ingenieur Alain punkto Bekanntheit überholt. Onkel Pierre, ehemaliger Nestlé-Verwaltungsrat, ist Rechtsprofessor an der Uni Genf, wo auch Cousin Christian lehrt. Als früherer ETH-Dozent spricht Lalive mit Stefan Bieri, Delegierter des ETH-Rats, die gleiche Sprache. Zu seinen Mentoren gehört ETH-Professor Ambros Speiser.

Das Sanierungsgespann
Während der Sanierung der Stahlindustrie waren Thierry Lalive und Max Amstutz Konkurrenten, trotzdem wurden sie Freunde. Als Amstutz für das VR-Präsidium der in Schieflage geratenen Société Générale de Surveillance (SGS) angefragt wurde, akzeptierte er unter einer Bedingung: Lalive müsse sein Vize werden. Das Duo hat sich mit der Sanierung einen Haufen Probleme aufgeladen; die Lage der SGS ist dramatisch. Grossaktionär August von Finck reist jeweils für die VR-Sitzungen in die Westschweiz. Lalive hat ihn als einen erlebt, der «sehr gute Fragen stellt».

Das Ebner-Dorf
1997 gründete Lalive mit Andreas Suter die Beratungsfirma HPO – High Performance Organisations in Freienbach. Sein Meisterstück lieferte er im Auftrag von Robert A. Jeker, dem VR-Präsidenten der Stahl Schweiz AG. Lalives Firmenanalyse führte zur Rettung des Stahlwerks Gerlafingen. Heute leistet Lalive unter anderem für den Baukonzern Batigroup, gleichfalls von Jeker präsidiert, Um- und Aufbauarbeit. HPO floriert, eben wurde mit Paul Santner, Ex-Europachef von DEC, der dritte Partner aufgenommen. Gattin Maya aspiriert derweil für den Schwyzer Freisinn auf einen der drei Sitze im Nationalrat. Als die Kommunikationsexpertin für Freienbach ein Leitbild erstellte, lernte sie auch Martin Ebner kennen, der sich an der Debatte um das neue Image der Gemeinde rege beteiligte.

Der Stromkreis
Headhunter Roger Rytz von Spencer Stuart empfahl Lalive nicht nur für das VR-Präsidium der SBB, er vermittelte ihn auch von ABB zum Zuger Elektrokonzern Landis & Gyr (L&G). Die Beziehung zum ehemaligen ABB-Chef Edwin Somm hat bis heute Bestand. In Zug traf Lalive auf L&G-Chef Willy Kissling, mit dem ihn heute primär den Wohnsitz im steuergünstigen Schwyz verbindet. Zu Robert Jeker, damals Statthalter von Stephan Schmidheiny bei L&G, entwickelte sich eine enge private und geschäftliche Freundschaft. Der Posten als Chef Forschung und Entwicklung von L&G hatte für Lalive Konsequenzen auf allen Ebenen: Mit Maya Lindecker, Kommunikationschefin von L&G, verheiratete er sich, mit McKinsey-Berater Andreas Suter spannte er beruflich zusammen.
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