Nur zwei Chefbeamte spielten in der Nachkriegszeit eine ähnlich herausragende Rolle wie er: die Aussenhandelskoryphäen Hans Schaffner und Paul R. Jolles. Peter Siegenthaler (53) beweist, was ein ranghoher Bundesbediensteter im Ernstfall bewirken kann, wenn er entschlossen in ein politisches Vakuum stösst. Der freisinnige Finanzminister Kaspar Villiger schenkte dem sozialdemokratischen Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV) während der Swissair-Chaostage volles Vertrauen und breiten Spielraum. Der Ökonom hatte als Chef der Task-Force Luftbrücke die Marschroute Step by Step vorgegeben, ehe sie der Bundesrat absegnete. Aus welchem Holz der gebürtige Emmentaler geschnitzt ist, war intern schon lange klar: Der etwas dünnhäutige Bundesfinanzchef hat eine blitzschnelle Auffassungsgabe, die Fähigkeit zur Synthese, und er ist überdies ein knallharter Unterhändler. Gestählt worden ist er in den Neunzigerjahren, der Zeit der knappen Kassen, als die flinken Rechner auch beim Bund Oberwasser erhielten. Als EFV-Chef überwacht er den 50-Milliarden-Etat des Bundes, gebietet über die Tresorerie, plant die Finanzpolitik, schmiedet Banken- und Finanzmarktgesetze und kooperiert mit der Nationalbank und dem IWF. Unter seiner Ägide wurde die epochale Föderalismusreform, der so genannte Neue Finanzausgleich, aus der Krise geführt und die desolate Geldwäscherei-Meldestelle neu aufgegleist. Als designierter Verwaltungsrat ist Siegenthaler auf Gedeih und Verderb dem Schicksal der neuen Airline ausgeliefert. Der künftige Verwaltungsrat unter Pieter Bouw, dem Präsidenten von Rainer E. Guts Gnaden, bewegt sich auf dünnem Eis. Die Abservierung des Basler Crossair-Präsidenten Moritz Suter limitiert den Kredit der Öffentlichkeit in die oberste Führung der Airline aufs Engste.

Der Müller-Clan
Mit dem heutigen Post-Konzernleiter Ulrich Gygi bildete Siegenthaler in den Neunzigerjahren die gefürchtete SP-Doppelspitze in der freisinnig geprägten Finanzverwaltung. Ihr grösster Coup: Gygi und sein Stellvertreter brachten mit Hilfe von SP-Finanzminister Otto Stich die wacklige Finanzierungsgrundlage der Neat zum Einsturz. Als Chef der Ausgabenpolitik machte Siegenthaler die Knochenarbeit. Eng befreundet ist das Duo mit SBB-Chef Benedikt Weibel. Zum Studentenzirkel um den Berner Professor Walter Müller zählen auch der Solothurner Regierungsrat Rolf Ritschard und Carlo Imboden. Dessen Nova Business Consultants durchleuchtete die falsch konzipierte Geldwäscherei-Kontrollstelle. Als Achtundsechziger machte der Schneidersohn Siegenthaler gegen das AKW Graben mobil. Politisch aktiv war der Vater von zwei Töchtern als Gemeinderat im bernischen Bremgarten. In der Freizeit spielt er Tennis und frönt dem Fliegenfischen – am liebsten in Slowenien.

Der Bernerhofstaat
Das einstige Hotel Bernerhof, Sitz des Finanzdepartements, erlebte dieses Jahr politische Erschütterungen wie kaum je zuvor. Das Swissair-Debakel weitete sich fast zur Staatsaffäre aus. Zuvor hatte das Gerangel um die Geldwäscherei-Kontrollstelle für anhaltende Eruptionen gesorgt, denen Siegenthaler mit dem Rausschmiss des Leiters Niklaus Huber begegnete, weil dieser dem Finanzminister die Loyalität aufgekündigt hatte. Intern hatte Siegenthaler ausgerechnet Probleme mit seinem eigenen Nachfolger, dem Chef der Ausgabenpolitik: Den wichtigen Wächterposten über die Bundesausgaben füllt künftig der Walliser Subventionsspezialist Alfred Rey aus, der damit vom Wilderer zum Wildhüter mutiert. Die führenden Berner Funktionäre kennt er alle, am intensivsten diskutiert er mit dem genauso rastlosen Genossen Hans Werder, dem Generalsekretär des Departements Leuenberger. Engen Kontakt pflegt er mit Bildungs-Staatssekretär Charles Kleiber und Juan F. Gut, Generalsekretär des Verteidigungsdepartements. Während der Swissair-Krise liefen die Drähte zu Luftfahrt-Chef André Auer heiss, zu Justizchef Heinrich Koller und zum Leiter des Direktoriums für Arbeit, Jean-Luc Nordmann. Nationalbanker Bruno Gehrig, einen alten Bekannten, trifft er in einer OECD-Arbeitsgruppe. «Sehr viel gelernt» hat er vom Schwyzer Finanzdirektor Franz Marty, mit dem er die (Leidens-)Geschichte des Neuen Finanzausgleichs geschrieben hat.

Genossen und Freunde
Die SP-Genossen respektieren Siegenthaler, doch seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen lehnen sie mehr denn je ab. Mit seinen Expertisen zur Sozialpolitik strapazierte er bereits früher die Nerven von Innenministerin Ruth Dreifuss und deren Generalsekretärin Claudia Kaufmann. In der SP-Fraktion wies er den Ruf nach Bundesgeldern für den Swissair-Sozialplan ebenso klar ab wie Rudolf Rechsteiners Motion für höhere Start- und Landegebühren. Mit den SP-Finanzexperten Rudolf Strahm, Werner Marti und mit den Gewerkschaftern Serge Gaillard und Rolf Zimmermann kreuzt er gerne die Klingen. Zu den bürgerlichen Finanzpolitikern hält er Distanz. Den Berner SVP-Ständerat und alt Regierungsrat Hans Lauri kennt er aus gemeinsamen Zeiten in der Finanzverwaltung. FDP-Präsident Gerold Bührer würde ihn als Finanzchef eines internationalen Konzerns einstellen.

Die Task-Force
Als Chef der Task-Force Luftbrücke holte er für den Bundesrat die Kohlen aus dem Feuer. Rainer E. Gut, den er kaum kannte, hatte ihn mit Lorbeeren überschüttet, noch bevor der Néstle-Präsident das Steering Comittee übernahm. Nach einer Aussprache hat er die Differenzen mit Wirtschaftsminister Pascal Couchepin ausgeräumt. Der Walliser hatte sich zum Argwohn der Villiger-Leute bei der Suche nach «Phoenix»-Alternativen sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Als Bundesvertreter scheidet er aus dem Skyguide-VR (früher Swisscontrol) aus; er schätzt dessen Präsidenten, Anwalt Franz Kellerhals. Bei der Ruag lernte er den gestrauchelten Swissair-Chef Philippe Bruggisser kennen. Für Melchior Windlin, Direktor des Staatshotels Bellevue, ist VR-Präsident Siegenthaler angesichts des bevorstehenden 40-Millionen-Umbaus ein «Glücksfall».
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