Nicht direkt überraschend, aber doch ziemlich plötzlich ist Mario Corti (im Oktober 55 Jahre alt) an die Spitze der Not leidenden SAirGroup katapultiert worden, die wohl nicht mehr lange so heissen wird. Auf einen Schlag ist aus der ewigen Nummer zwei – als Nestlé-Finanzchef, als ehemaligem Bawi-Beamten im Range eines Botschafters und als Nationalbank-Direktor – ein Hoffnungsträger ersten Ranges geworden. Der Tessin-Zürcher (Bürger von Stabio und Winterthur), der die Schulen in Kirchberg und Burgdorf besuchte, in Lausanne als Jurist doktorierte, in Harvard den MBA errang, mit einer Amerikanerin verheiratet ist und heute auf einem Gut in Bex wohnt, ist ein Weltbürger mit starken Schweizer Wurzeln.

Helmut Maucher, der ihn 1990 vom Bawi zur Nestlé holte und ihn zunächst für sechs Jahre auf die Ochsentour im amerikanischen Markt schickte, sieht in ihm gar so etwas wie einen «Mr. Schweiz», einen Mann der Wirtschaft, der sich ohne Zögern für sein Land engagiert. Nur so lässt sich wohl auch erklären, dass Mario Corti die Bürde der Swissair-Sanierung schultert – nötig hätte er das sicher nicht. Die Nestlé lässt ihn ungern ziehen, «mit Sympathie und den besten Wünschen des Unternehmens». Überhaupt hat Mario Corti an allen bisher bekleideten Stellen einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen. Der ehemalige Nationalbankpräsident Hans Meyer ortet bei ihm gar «geniale Züge». Und Genialität wäre in seiner neuen Aufgabe nicht von Nachteil, wenn sie mit Bodenhaftung gepaart ist.

Mario Corti tritt bei der SAirGroup ein Amt an, das einen einzelnen Menschen eigentlich überfordern muss: Ein Unternehmen, das sich in panischer Reaktion auf die sich verändernden Rahmenbedingungen in unübersichtliche internationale Abenteuer verstrickt und sich dabei weit über das erträgliche Mass hinaus verschuldet hat. Ein Unternehmen, das während mehrerer Monate praktisch führungslos war, mit zutiefst verunsicherten Mitarbeitern – und nicht minder verunsicherten Kunden. Da braucht Mario Corti das Charisma, das er sich in den ersten Tagen seines neuen Amtes zugelegt hat.

Die Berner Sackgasse
Mario Corti ist einer der letzten Wirtschaftsführer, die ihre Karriere beim Staat begannen. Doch der Bundesrat wusste seine Talente nicht zu würdigen. CVP-Wirtschaftsminister Kurt Furgler holte den Freisinnigen 1986 von der Nationalbank ins Bundesamt für Aussenwirtschaft (Bawi). In der legendären Kaderschmiede war Ende der Achtzigerjahre ein ambitiöses Team am Werk: David de Pury, Silvio Arioli, Philippe Levy, Marino Baldi sowie die heutigen SGS-Manager Rolf Jeker und Nicolas Imboden. Den Bawi-Kollegen Rudolf Ramsauer machte Corti später zum Direktor des Vororts. Für seinen damaligen Chef Franz Blankart hielt er die Abschiedsrede, als das Bawi im Seco aufging. Aufstiegsmöglichkeiten hatte ihm der Bund nicht zu bieten. Die Direktion der Finanzverwaltung besetzte SP-Bundesrat Otto Stich 1989 mit Ulrich Gygi, dem heutigen Post-Chef. Letztes Jahr lancierten ihn FDP-Kreise als Nachfolger von Notenbank-Chef Hans Meyer, doch die FDP-Bundesräte Couchepin und Villiger setzten auf Jean-Pierre Roth. Er habe sich bei Nestlé noch kaum profiliert, stänkerte damals die «SonntagsZeitung», die den neuen Swissair-Chef erneut unter Beschuss nimmt.

Das Nestlé-Erbe
Mario Cortis Ziehvater bei Nestlé war Helmut Maucher, der den damals 44-Jährigen als Quereinsteiger in den Nahrungsmittelkonzern holte, mit dem klaren Ziel, ihn als Nachfolger von Reto F. Domeniconi dereinst zum Finanzchef und Generaldirektor zu machen (was 1996 in die Tat umgesetzt wurde). Zunächst absolvierte Corti jedoch in den USA einen Schnellkurs in Sachen Nestlé-Kultur. Wie nachhaltig diese Schule war, offenbarte Mario Corti mit seinem ersten Auftritt als neuer Swissair-Chef in der «Arena». Seine Ausführungen zum Thema Branding, die darauf schliessen lassen, dass das Zungenbrecher-Logo «SAir» demnächst der Vergangenheit angehören und die gesamte Gruppe wieder unter dem Logo «Swissair» segeln wird, erinnerten stark an Helmut MaucherEinstieg bei Nestlé Anfang der Achtzigerjahre, als er als erste Amtshandlung das traditionelle Vogelnest vor dem Untergang rettete und «Nestlé» zur Dach-Marke des ganzen Konzerns machte. Von Maucher-Nachfolger und Fliegerkollege Peter Brabeck-Letmathe hat Corti die Vorliebe für klare, aber flache Hierarchien übernommen: Den Wildwuchs an Hierarchie-Ebenen jedenfalls will er ganz dringend ausmisten. Und auch die konsequente Orientierung des Nahrungsmittelkonzerns an den Kundenbedürfnissen hat bei Mario Corti Spuren hinterlassen. In der «Arena» meinte er, dass man davon ausgehen könne, dass die Piloten fliegen könnten, dass sich das Image der Swissair aber an der Kundenfront entscheide, beim Bodenpersonal und den Kabinencrews also. Was beim ebenfalls anwesenden Aeropers-Vertreter leichtes Kopfschütteln auslöste, von der Vertreterin des Bodenpersonals aber mit offener Sympathie konstatiert wurde.

Das Minenfeld
Als neuer Chef der Swissair-Gruppe steht Mario Corti nicht nur vor der titanischen Aufgabe, ein Milliardenloch zu stopfen und wild gewachsene Strukturen auszuforsten. In seiner «Blut, Schweiss und Tränen»-Rede in der «Arena» hat er auch angedeutet, dass er einige heilige Kühe zu schlachten gedenkt. Und damit wird er etlichen Bedenkenträgern und Vertretern von Sonderinteressen massiv auf die Füsse treten. Kaum auszudenken, wie Crossair-Gründer Moritz Suter auf Cortis Pläne reagieren wird, seiner Regionalfluggesellschaft das Label «Swissair» überzustülpen. Kaum auszudenken, wie die Pilotenlobby die geplante Aufwertung des Bodenpersonals kommentieren wird. Und wenn Corti daran geht, das Streckennetz der Swissair zu verschlanken, dürfte er die geschlossene Zürcher Politlobby um den Unique Airport am Hals haben.

Seine Freunde
Als grosser Partygänger ist Mario Corti nicht bekannt. Er gilt eher als introvertiert und als Einzelgänger. Zu seinen engen Freunden zählt Nestlé-Präsident Rainer E. Gut, mit dem er auch im internationalen CS-Beirat zusammenarbeitet. Zu den guten Bekannten gehören der Unternehmer Egon Zehnder und der Anwalt Peter Böckli. Und seine allerbesten Freunde sind die Bücher; Mario Corti ist ein vielsprachiger, extrem belesener und witziger Mann mit einem sehr breiten Interessenspektrum.

Die Boston-Connection

Boston ist so etwas wie ein Angelpunkt im Leben Mario Cortis. Dort hat er seine Frau kennen gelernt. Dort hat er mit dem MBA die Basis zu seiner Karriere gelegt. Der Harvard Business School ist er bis heute als Mitglied des Board of Overseers verbunden. In der Schweiz präsidierte er den Klub der Harvard-Ehemaligen von 1985 bis 1989. Entsprechend weit verzweigt ist denn auch sein amerikanisches Beziehungsnetz – und das kann mit dem Knotenpunkt Harvard eigentlich nur erstklassig sein.
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