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Machtnetz von Ulrich Spiesshofer: Logisch und rustikal

Ulrich Spiesshofer.

Der neue CEO Ulrich Spiesshofer sorgt bei ABB für Kontinuität. Er wird ­seinen Fokus auf die Integration der zahlreichen Akquisitionen legen müssen.

Von Marc Kowalsky
26.06.2013

So überraschend der Abgang von ABB-Chef Joe Hogan kam, so wenig überraschend kam die Berufung von Ulrich Spiesshofer zum Nachfolger. Der 49-jährige Deutsche galt schnell als aussichtsreichster interner Kandidat und setzte sich dann auch gegen alle externen Kandidaten durch (die Longlist bestand aus über 100 Namen von Managern, die Firmen mit mehr als 30 Milliarden Dollar Umsatz leiten).

Kein Wunder, denn wenigstens ein bisschen Kontinuität ist gefragt im 39-Milliarden-Konzern, der momentan schon genug Wechsel zu verkraften hat: Neben Konzernchef Hogan wird auch VR-Präsident Hubertus von Grünberg in spätestens zwei Jahren ABB altershaber verlassen. Bereits ­dieses Jahr kehrten der drittwichtigste Mann, Finanzchef und Interims-CEO ­Michel Demaré,sowie Forschungschef Prith Banerjee dem Konzern den Rücken.

Joe Hogan hat mehr als 20 Milliarden Dollar in Übernahmen investiert. Diese sauber zu integrieren, wird die Hauptaufgabe von Spiesshofer sein. Aber auch das organische Wachstum ­anzutreiben, steht auf seiner Agenda – hier hat ABB in den ­vergangenen Jahren geschwächelt. Und letztlich muss der neue CEO den seit Jahren vor sich hin dümpelnden Aktienkurs wieder­beleben. Auch im eigenen Interesse.

Die Karriere

Mit Spiesshofer steht wieder ein Betriebswirtschaftler an der Spitze des Industriekonzerns: Er studierte und doktorierte in Stuttgart. ­Seine Karriere begann er bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney in Düsseldorf. Dort führte er 1995 ein grösseres Projekt aus zur Kostensenkung beim Mineraölkonzern Shell. Auf der anderen Seite des Tisches sass damals Gary Steel, heute Personalchef bei ABB – dieser setzte ihn zehn Jahre später auf die Kandidatenliste für den Posten des ABB-Strategiechefs. 1996 wurde Spiesshofer nach ­Australien geschickt, von wo aus er später das Asiengeschäft der Consultants leitete und das globale Mandat für Kostensenkung ­übernahm. Fünf Jahre später kam er in die Schweiz und steuerte von hier das Europageschäft. Nach kurzer Zeit warb ihn Roland Berger persönlich ab für das Zürcher Office seiner Strategieberatung – die ­beiden verstanden sich hervorragend. ABB hat Spiesshofer damals nicht beraten, wohl aber einige Konkurrenten. CEO Fred Kindle holte ihn dann 2005 auf Steels Anregung als Strategiechef zu ABB. Auch hier war das Verhältnis gut, die beiden Ex-Berater denken gleich strukturiert. Als Kindle später gehen musste, ernannte ihn sein Nachfolger Joe Hogan zum Leiter der Sparte Industrieautomation und Antriebe. Dort machte er bei der Integration der milliarden­teuren Übernahme von Baldor einen guten Job, womit er sich für das CEO-Amt empfahl.

Die Förderer

In seiner Anfangsphase als Berater wurde Spiesshofer stark gefördert von Werner Borrmann, damals Deutschland- und heute Europachef von A.T. Kearney. Bis heute sind die beiden eng befreundet. Die Kadervermittler von Egon Zehnder haben Spiesshofer sein ganzes Berufsleben lang begleitet; bereits als Student vermittelten sie ihm ein Stipendium. Auch den früheren Egon-Zehnder-Schweiz-Chef Philippe Hertig kennt er seit Anfang 2000 bestens; es war ­Hertig, der Spiesshofer auf dessen Segelyacht vor der Küste Kroatiens ­anrief mit der Anfrage, ob er zu ABB wechseln würde. Es wurde sein erster Job in der ­Industrie; VR-Präsident Jürgen Dormann erwies sich dort als sein grosser Mentor. Als Spiesshofer später Divisionsleiter wurde, griff ihm in der Anfangszeit Konzernleitungskollege Bernhard Jucker unter die Arme, wofür er diesem bis heute dankbar ist. Im Kampf um den CEO-Posten hatte Spiesshofer den denkbar ­mächtigsten Verbündeten auf seiner Seite: Verwaltungsratspräsident Hubertus von Grünberg wollte seinen Landsmann an der Konzernspitze haben.

Die Freunde

ABB ist einer der grössten Ausrüster des Bahnherstellers Stadler Rail aus Bussnang TG. Mit dessen Eigen­tümer und Chef Peter Spuhler hat Spiesshofer über die Jahre eine enge Freundschaft entwickelt. Ebenfalls eng ver­bunden ist der Deutsche mit Klaus Baumüller, dem ehemaligen Chef von Thomas Schmidheinys Beteiligungsgesellschaft Spectrum ­Value Management, sowie dem Unternehmer Daniel ­Bachofen. Auch mit dem neuen Finanzchef des ABB-Konzerns, dem Schweden Eric Elzvik, versteht er sich sehr gut: Die beiden arbeiteten schon in der Automations-Division zusammen.

Die Gegner

In der Endausmarchung um den ABB-Chefposten setzte sich Ulrich Spiesshofer gegen Henkel-Chef ­Kasper Rorsted durch, der seine Ambitionen nach ­einem BILANZ-Artikel zu ­diesem Thema aufgab. Härtester interner Konkurrent war Brice Koch, Leiter der Sparte Energietechniksysteme. ­Spiesshofer gilt eigentlich als überlegt, ruhig und aus­geglichen. Läuft es nicht nach ­seinen Vorstellungen, kann sein Kommunikationsstil intern wie extern aber durchaus ­rustikal werden. Aneinandergeraten ist Spiesshofer unter ­anderem mit Siegfried ­Russwurm, seinem bisherigen ­Pendant im Siemens-Vorstand, und mit Pierre-Pascal Urbon, CEO des deutschen Solartechnikherstellers SMA Solar Technology, eines ­ABB-Konkurrenten. Auch mit dem damaligen Chef Martin Wittig hatte Spiesshofer zu seiner Roland-­Berger-Zeit mehrmals heftige Diskussionen, etwa was die Kosten­struk­turen anging. Sein Wechsel zu ABB soll auch mit diesen atmosphärischen ­Störungen zu tun gehabt haben.

Die Familie

Spiesshofer stammt aus dem deutschen Aalen, ist also halb Schwabe, halb Bayer – «das Beste beider Welten», wie er selber sagt. Sein Bruder ist Ingenieur, seine Schwester Anwältin. Spiesshofer ist kein grosser Netzwerker, auf Events sieht man ihn kaum. Umso mehr Wert legt er auf das Familienleben. Zusammen mit ­Ehefrau ­Nathalie und den beiden 11- und 15-jährigen Söhnen wohnt er in Zollikon am Zürichsee. Dort hat er auch ­eine Holzjolle. Spiesshofer ist begeisterter Skifahrer, den Winterurlaub ­verbringt die Familie daher bevorzugt in der eigenen Ferienwohnung in Lenzerheide. Musikalisch ist Spiesshofer vielseitig: Er spielt Klarinette, Saxofon und ­Akkordeon. Schon als Student verdiente er sich so ein paar Mark dazu, ­während seiner Zeit in Sydney spielte er in einer Bluesband.

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