Die letzten Wochen waren nach dem Gusto Toni Brunners: SP-Steuerinitiative nein, Waffeninitiative nein. Und eben die Rückeroberung eines prestigeträchtigen Berner Ständeratssitzes durch Parteikollege Adrian («Motorsäge») Amstutz. Mit ­Rückenwind steigt der SVP-Präsident in den Wahlkampf 2011. Im Visier hat er die 30-Prozent-Limite, bei den Nationalratswahlen 2007 schaffte die Partei 28,9 Prozent. Erstaunlich ist das schon. Der Dauerstrahler aus Ebnat-Kappel SG ist der wandelnde Widerspruch. Er wettert gegen die Allmacht des Staates, will aber die Agrar-Subventionitis zementieren und bezieht 150 000 Franken an Staatsgeldern: 120 000 Franken fürs Nationalratsmandat, rund 30 000 Franken an Subventionen für seinen Bauernhof. Der Staatsfinanzierte ist ein Hardliner in der EU- und Ausländerpolitik, gleichwohl wird er bis ins linke Lager geschätzt. Sein Schulsack ist nicht übermässig, und sein Französisch reicht bestenfalls für das Ordern eines Café Crème, dennoch kommt er an der Basis bestens an. Brunner ist ein Polittalent, der den Bergbauern-Mythos mit der Facebook-Welt verbindet. Ihn grämt nicht, dass er von Christoph Blochers Gnaden abhängt. Immerhin gelingt es ihm besser als dem Zürcher, die Partei mit vier Flügeln – Unternehmer, Bauern, Wertkonservative, Isolationisten – im Lot zu halten.

Die Freunde Über allen Getreuen strahlen Christoph und Silvia Blocher. Der Toggenburger gilt als deren Ziehsohn. SVP-Vize und Parteistratege Blocher hält seinen Parteipräsidenten auf Kurs. Zum engsten Führungszirkel gehört SVP-Generalsekretär Martin Baltisser. Brunner holte den studierten Volkswirt, der bis 1999 bereits Parteisekretär war, aus der Privatwirtschaft in die Parteizentrale zurück. Ein kluger Schachzug: Der unspektakuläre Organisator hält ihm den Rücken frei und bringt als Ex-Kader der PR-Firma Mediapolis Kampagnen-Know-how ein. Im Generalsekretariat verwaltet Marcia Cerantola Brunners Agenda. Eng ist das Verhältnis zu SVP-Nationalrat ­Caspar Baader. Mit Charme hält er ihn im Fraktionspräsidium. Regelmässig trifft Brunner mit seinen Vizepräsidenten Blocher und Walter Frey (Emil Frey AG) Wirtschaftsexponenten mit Sympathien für die wählerstarke Rechtspartei. Zu ihnen gehören UBS-CEO Oswald Grübel, Novartis-Präsident Daniel Vasella, Privatbanker-Präsident und Bank-Wegelin-Vormann Konrad Hummler sowie Schindler-Grossaktionär Alfred Schindler, der bei Annahme der SP-Steuerinitiative mit dem Auszug ins Ausland drohte. Der Ostschweizer geniesst weit über die Parteigrenzen hinaus Sympathien: Zum Freundeskreis gehört der Zürcher Grünliberale Martin Bäumle, den er auch schon zum SVP-Fraktionsausflug einlud. Mit den SP-Frauen Pascale Bruderer und Ursula Wyss gründete er die Gruppe U 35, einen Zirkel von Parlamentariern unter 35 Jahren, die sich einmal in der Session zum Lunch treffen.

Die Gegner SP-Veteran Peter Bodenmann nennt Brunner wahlweise «Sünneli» oder «lieber Bub». Noch gespannter ist das Verhältnis zu Christophe Darbellay; dem CVP-Präsidenten aus dem Wallis traut er nicht über den Weg. Gegenseitig hat man sich schon als Lügner betitelt. Grund für das Zerwürfnis: Darbellay mischte bei Blochers Bundesratsabwahl tüchtig mit. ­Aktueller politischer Gegner ist Philipp Hildebrand, nachdem Blocher den Rücktritt des Notenbankers gefordert hat. Wenig Kredit geniessen SP-Präsident Christian Levrat und UBS-Präsident Kaspar Villiger. Dem früheren FDP-Bundesrat wirft Brunner mangelndes Banken-Know-how und fehlende Krisentauglichkeit (Swissair-Krise, Holocaust-Debatte) vor. Mit Skepsis ­verfolgt Brunner die Liberalisierung unter dem WTO-Dach. Der Bauernlobbyist ist für eine Milchkon­tingentierung, was selbst in der SVP-Fraktion umstritten ist. Christoph Mörgeli, Hans Kaufmann, This Jenny oder J. Alexander Baumann stehen für eine liberalere Agrarpolitik.

Die Ostschweiz-Connection Brunner versteht sich bestens mit den St. Galler und Thurgauer Deputationen: Eng befreundet ist er mit Hansjörg Walter, der als Bauer und Bauernverbands-Präsident ebenfalls mit der Scholle verbunden ist. Auch mit Peter Spuhler lacht er oft, obschon dieser ihn schon rüde anging («Hirn wieder einschalten»). Gut ist das Verhältnis zum umtriebigen Wiler Nationalrat Lukas Reimann, wiewohl er als Parteipräsident nicht begeistert ist von dessen Forderung nach Offenlegung der Politikereinkünfte. Im Toggenburg ­gehören André Meyer, Besitzer der Textilfirma Meyer-Mayor in Neu St. Johann, zu den Getreuen. ­Meyer-Mayor ist Segeltuchlieferant für Rennyachten, darunter die «Alinghi». Mit Meyer bodigte er das Projekt ­Naturpark Toggenburg-Werdenberg. Verbunden ist Brunner mit Käsermeister Heinz Habegger aus Neu St. Johann – dieser nimmt ihm die Milch vom Hof ab. Habegger, von dessen Website die Nationalhymne dröhnt, ist Präsident der SVP Toggenburg und St. Galler Kantonsrat.

Die Karriere Nach der Realschule besuchte Brunner die Landwirtschaftliche Schule. 2007 kaufte er den elterlichen Kleinbetrieb mit 17 Hektaren Land und 12 Milchkühen. Früh engagierte er sich in der Politik. Mit 21 Jahren wurde er 1995 als jüngster Politiker ins Parlament gewählt. Christoph Blocher war von Anfang an sein Promotor. Der Herrliberger sponserte die St. Galler SVP, die Brunner mitgründete. Als dieser 1998 das Jubiläum zum 200. Todestag von Ulrich Bräker, Heimatschriftsteller aus dem Toggenburg, präsidierte, machte Blocher 500 000 Franken für einen Theaterbau locker. 2000 erkor er ihn zum SVP-Vize. Mit dem damaligen Parteipräsidenten Ueli Maurer begleitete Brunner die Expansion der Partei. 2008 folgte er Maurer als Parteipräsident. Brunner steht dem Schrotthändlerverband VSMR vor. Im Wahlkampf 2011 helfen Vater Hannes Brunner und eine Aushilfe im Stall mit.

Die Familie Brunner ist im Weiler Bendel über Ebnat-Kappel aufgewachsen. Er ist der Jüngste von zwei Schwestern und drei Brüdern. Liiert ist er mit Esther Friedli. Die Politologin aus Bern arbeitete bei Farner Consulting und war CVP-Mitglied. Heute ist sie parteilos und Generalsekretärin im Bildungsdepartement von St. Gallen. Ihr Vorgesetzter, SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker, ist ein Freund Brunners. Sie kauften das Restaurant Sonne in Ebnat-Kappel, wo die SVP Seminare abhält.

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