Tom de Swaan muss die nach dem Selbstmord von Pierre Wauthier erschütterte Zürich stabilisieren. Eine Aufgabe mehr für den Vielbeschäftigten. Lange Zeit zum Überlegen hatte er nicht: Nach dem Selbstmord von Finanzchef Pierre Wauthierund dem darauf folgenden abrupten Rücktritt von Josef Ackermannals Präsident der Zurich Insurance Group erwartete der Markt ein schnelles Zeichen, damit Kontinuität und Stabilität beim Versicherungskonzern gewährleistet sind.

Als Vizepräsident nach dem Ausscheiden von Ackermann automatisch mit der Rolle des Acting Chairman betraut, war Tom de Swaander natürliche Nachfolger und gilt dank seiner persönlichen Integrität auch als gute Wahl. Zu reden gaben im Verwaltungsrat aber seine bereits bestehenden mannigfaltigen Aktivitäten, ist der 67-Jährige doch in mehreren Aufsichtsräten und Beratungsgremien von internationalen Grossunternehmen aktiv.

Auch wenn der Ex-Zentralbanker, den die Presse in seiner Heimat Niederlande liebevoll Turbo-Tommy nennt, als eifriger Chrampfer gilt, dürfte er das zusätzliche Pensum von 20 bis 30 Prozent, das die neue Rolle erfordert, nicht so einfach wegstecken. Doch mit der Bereitschaft, andere Mandate aufzugeben, hat de Swaan den Weg frei gemacht. Den Aufsichtsrat von Ahold und das Public Interest Committee von KPMG wird er verlassen, weitere Abgänge sollen später folgen. Am 11.September wählte ihn der Zürich-Verwaltungsrat definitiv zum neuen Präsidenten.

Die Freunde

Die regelmässigen Meetings mit CEO Martin Senn, die Vorgänger Josef Ackermann abgeschafft hatte, führte de Swaan als neuer ­Präsident wieder ein. Engeren Kontakt hatte er bislang mit Risikochef Axel Lehmann, Ansprechpartner für den Risikoausschuss, dem er vorstand. Als wichtige Vertraute im zehnköpfigen Verwaltungsrat gelten sein neuer Vizepräsident Fred Kindle, Ex-Chef von ABB, ­sowie der Wirtschaftsanwalt Rolf Watter, ein Urgestein im VR, der schon seit 2002 dabei ist. Zusammmen mit Kindle und Watter bildete de Swaan Anfang Jahr auch die Ad-hoc-Einsatztruppe, als ­bekannt wurde, dass eine Anklageerhebung gegen Ackermann im Kirch-Prozess erwogen wurde. Ausserhalb der «Zürich» gründen die Kontakte zu Schweizer Wirtschaftsvertretern vor allem auf ­seiner langjährigen Tätigkeit in der Führung der niederländischen Zentralbank. Seine Kontakte zu Ex-Bankenregulator Daniel Zuberbühler und zu UBS-Präsident Axel Weber, Ex-Chef der Deutschen Bundesbank, gehen auf diese Zeit zurück. Grosse Stücke hält er auf Lubna Olayan, ­Vertreterin der saudi-arabischen Familie Olayan, die seit Jahren Grossaktionär der Credit Suisse ist. Er kennt sie aus seiner Zeit als Finanzchef von ABN Amro. Beim Joint Venture Saudi Hollandi Bank, wo ABN Amro und Olayan die Hauptaktionäre sind, wurde sie ins Aufsichtsgremium berufen. Mit WEF-Gründer Klaus Schwab ist er im Beratergremium der National Bank of Kuwait.

Die Gegenspieler

Der abrupte Abgang von Josef Ackermann und dessen darauf folgende kritische Aussagen zur «Zürich» haben dem Konzern ­geschadet. Seither gilt das Verhältnis der «Zürich»-Chefs zum ehemaligen Präsidenten als abgekühlt. Bis dahin gab es allerdings kaum Misstöne – de Swaan kennt Ackermann seit Jahren, war er doch im Board des Bankenverbands IIF, als Ackermann dort Präsident war. In Karrieresachen vor dem Licht stand ihm bei ABN ­Amro einst Rijkman Groenink. Bei der Neubesetzung des Chefpostens von 2000 kam de Swaan, der erst kurz bei der Bank war, nicht zum Handkuss.

Die internationale Connection

Der Finanzprofi ist international ein gefragter Mann. Seit 2006 ist er im Verwaltungsrat des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline und gilt als Vertrauter von Chairman Christopher Gent. Sein Mandat, das 2015 ausläuft, soll allerdings nicht mehr erneuert werden, damit er mehr Zeit für seine Aufgaben bei der «Zürich» hat. Auch aus dem Aufsichtsgremium des niederländischen Einzelhandelsgiganten Ahold, wo er seit 2007 wirkt, wird er sich zurückziehen. Als ehemaliges Direktionsmitglied der niederländischen Zentralbank ist er heute eine gewichtige Stimme im internationalen Beirat der chinesischen Regulierungsbehörde China Banking Regulatory Commission. Vertraut ist er in diesem Gremium mit Gerald Corrigan, ehemals Präsident der New York Federal Reserve Bank. Ebenfalls in der Commission ist der ehemalige Präsident von HSBC und Xstrata, John Bond. Im Beratergremium der National Bank of Kuwait trifft er auf den ehemaligen britischen Premierminister John Major und auf Naguib Sawiris, Bruder des in der Schweiz aktiven Immobilieninvestors Samih Sawiris.

Die Karriere

Die Basis seiner Karriere legte Tom de Swaan bei der niederländischen Zentralbank, wo er 26-jährig eintrat und später ­eines der jüngsten Mitglieder des Direktoriums war. Wichtigster Förderer war der ­ehemalige Präsident Wim Duisenberg, der in Amsterdam nur einen Steinwurf von ihm entfernt wohnte und 1998 der erste Präsident der Europäischen Zentralbank wurde. Auch mit ­dessen Nachfolger Jean-Claude Trichet, mit dem er heute im Beratergremium der China Banking Regulatory Commission wirkt, versteht er sich gut. 1999 wechselte er in die Privatwirtschaft und wurde Finanzchef von ABN Amro. Geholt hat ihn der ­damalige Bankchef Jan Kalff. 2006 verliess er ABN Amro und nahm mehrere Verwaltungsratsmandate an. In jener Zeit kontaktierte ihn auch der damalige «Zürich»-­Präsident Manfred Gentz und lotste ihn in den Verwaltungsrat des ­Versicherers. Die beiden Männer kannten sich gut, war de Swaan im Vorstand von ABN Amro doch für die Autoindustrie zuständig, in der Gentz als Finanzchef von Daimler­Chrysler eine Schlüsselrolle spielte. Überzeugungsarbeit für die «Zürich» leistete damals auch der Vorgänger von Gentz im Präsidium, Lodewijk van ­Wachem, ­Holländer wie er und als ehemaliger Vertreter von Royal Dutch Shell im Aufsichtsgremium der niederländischen Zentralbank ein alter Bekannter.

Die Familie

Tom de Swaan kam am 4. März 1946, neun ­Monate nach der Befreiung des Landes von der deutschen Besatzung, in Amsterdam zur Welt. «Ein Kind der Befreiung» hat ihn die nieder­ländische Presse einmal genannt. Seine ­jüdischen Eltern waren 1934 aus Deutschland geflüchtet. Mit dem Namen Tom ehrten sie die britischen Befreier im Vornamen ihres Sohnes. In jungen Jahren war de Swaan ein überzeugter Zionist und überlegte sich gar, nach Israel ­auszuwandern, entschloss sich dann aber doch für die Niederlande. In Israel lernte er auch ­seine spätere Frau kennen. Seine Gattin, die an multipler Sklerose leidet, muss seit langem rund um die Uhr extern betreut werden. Das Paar hat zwei Söhne und sechs Enkelkinder. Er wohnt im ­Zentrum von Amsterdam nahe dem Concert­gebouw, dem berühmten Konzerthaus im Stadtteil Oud-Zuid.

Anzeige
Anzeige