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Machtnetz von Stefan Lippe: Der Rettungsschwimmer

Stefan Lippe, neuer Chef der Swiss Re, soll den Konzern zurück zu alten ­Tugenden führen – mit einer Stärkung des Kerngeschäfts statt Finanzexperimenten.

Von Erik Nolmans
27.02.2009

Als Mitte Februar die Berufung von Stefan Lippe bekannt wurde, ging ein Aufatmen durch die Firma. Zu sehr war das Betriebsklima unter Vorgänger Jacques Aigrain vergiftet worden. Grabenkämpfe zwischen den traditionellen Rückversicherungsprofis und der Truppe forscher Finanzmarktingenieure, die unter Aigrain gefördert wurden, prägten den Konzern.

Mit Lippe baut die Swiss Re nun auf Bestehendes: Statt des ­Investment Banker Aigrain steht mit Lippe nun ein klassischer Rückversicherungsmann am Ruder. Seit 25 Jahren ist der 53-jährige Deutsche im Konzern. Seine Sporen verdiente er beim Tochterunternehmen Bayerische Rück ab, wo er 1993 zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung ernannt wurde. 2001 wechselte er als Chef des Schadengeschäfts der Swiss Re in die Konzernzentrale nach Zürich. Die Ertragskraft im Kerngeschäft war eindrücklich, der Gewinn von 4,5 Milliarden Franken einer der besten aller Zeiten. Lippe schlug den Branchenschnitt über mehrere Quartale. Doch der Mathematiker entspricht nicht dem Klischee des trockenen Zahlenmenschen, sondern gilt als flinker, ideenreicher und verkaufsorientierter Frontmann mit engem Kontakt zu seinen Kunden. Der frühere Rettungsschwimmer, der auch mal im Pullover zur Arbeit kommt, hat den Ruf eines unprätentiösen Schaffers.

DIE FÖRDERER
Als Stefan Lippe im September 2008 zunächst zum stellvertretenden Konzernchef befördert wurde, geschah dies nicht etwa auf Wunsch seines Chefs Jacques Aigrain, sondern auf Druck des Verwaltungsrats. Schon früh baute das Kontrollorgan im Management damit eine Alternative zum bereits damals arg unter Beschuss stehenden CEO auf. Zu den speziellen Förderern sollen dabei Präsident Peter Forstmoser und VR-Mitglied Jakob Baer, Ex-KPMG-Mann, Rechtsanwalt und Mehrfachverwaltungsrat, gehört haben. Gut soll sein Verhältnis aber auch zum starken Mann der Swiss Re, dem ehemaligen CEO und späteren Vizepräsidenten Walter Kielholz, sein. Kielholz, der zugleich als Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse wirkt, war allerdings auch eng mit ­Aigrain verbunden, mit dem er persönlich befreundet ist und für dessen Berufung er sich 2006 stark machte. Geschäftlich auf der gleichen Linie liegt Lippe mit Verwaltungsrat John Coomber, der als Vorgänger von Aigrain wirkte. Wie Lippe ein Rückversicherungsprofi mit jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit, steht dieser für die traditionellen Werte. Vom Temperament her sind der ruhige Coomber und der agile Lippe allerdings grundverschieden.

DIE MACHT IM HINTERGRUND
Anfang Februar klopfte Swiss Re beim US-Investor Warren Buffett an, um sich bei ihm drei Milliarden Franken zu holen. Mit der Rettungsaktion konnte das geschrumpfte Kapital aufgestockt werden. Doch mit dem Deal haben sich die Schweizer auch einen Unsicherheitsfaktor ins Haus geholt: Kann die Swiss Re die Anleihe dereinst nicht zurückzahlen, würde Buffett auf einen Schlag zu zwanzig Prozent der Aktien kommen – zusätzlich zu den drei Prozent die er schon hat. «Ich bin sehr beeindruckt von Jacques Aigrain», lobte Buffett – nur eine Woche vor Aigrains Abgang. Grund für die Freude des Amerikaners mag auch gewesen sein, dass Aigrain ihm den fürstlichen Zins von zwölf Prozent für die Anleihe zusprach. Als Architekt der teuer verkauften Hilfeleistung gilt Ajit Jain, rechte Hand von Buffett und zuständig für dessen Rückversicherungsbeteiligungen. Jain ist mit Lippe befreundet, doch der erfahrene Profi wird dem Schweizer sicher genau auf die Finger sehen.

DIE KONKURRENZ
Der Kampf um die Pole Position im Rückversicherungsgeschäft tobt schon seit Jahrzehnten. Die beiden grössten Branchenplayer, die Swiss Re und die Münchener Rück, liefern sich ein Duell, bei dem mal der eine, mal der andere die ­Nase vorn hatte. Unter Vorstandschef Nikolaus vom Bomhard hat sich der deutsche Rückversicherer gut im klassischen Geschäft positioniert und statt auf riskante Finanzvehikel lieber zusätzlich auf die Erstversicherung gesetzt. Inzwischen hat die Münchener Rück die Swiss Re klar abgehängt, von der Marktstärke bis hin zur Entwicklung des Aktienkurses. Nun muss Lippe zur Aufholjagd starten. Geprägt hat den bayrischen Konzern der heutige Aufsichtsratschef Hans-Jürgen Schinzler, der die Münchener Rück als CEO führte, als Walter Kielholz diese ­Position bei der Swiss Re innehatte.

SEIN PRIVATLEBEN
Stefan Lippe gilt als Familienmensch. Er wohnt mit den beiden Kindern aus zweiter Ehe sowie seiner Gattin im Steuerparadies Wollerau oberhalb des Zürichsees. Aus erster Ehe hat er ein Kind. Lippe ist sehr sportlich. Der gebürtige Mannheimer ­engagierte sich in jungen Jahren in der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, tauchte und bildete den Nachwuchs aus. Heute liebt er Bergsteigen, Klettern und Skitouren mit Fellen. An gesellschaftlichen Anlässen sieht man Stefan Lippe hingegen kaum.

DIE VERTRAUTEN
In den 25 Jahren, in denen Stefan Lippe nun schon in Diensten der Swiss Re ist, hat er intern viele enge Bande geknüpft. In seinem Windschatten hat etwa Geschäftsleitungsmitglied Brian Gray, heute Chief ­Underwriting Officer, Karriere gemacht. Gray wurde gleichzeitig mit Lippe befördert. Befreundet ist Lippe auch mit Martin Oesterreicher, Mitglied der erweiterten Konzernleitung und wie Lippe der Firma in langer Treue verbunden: Er ist seit 1978 bei Swiss Re. Gut verläuft die Arbeitsteilung mit Konzernleitungskollege Michel Liès, der für die Kundenbeziehungen zuständig ist.

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