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Machtnetz von Sergio Marchionne: Der Streitbare

Sergio Marchionne: «Was Della Valle für Forschung ausgibt, reicht für uns für den Kotflügel.» (Bild: Keystone)

Noch nie in seiner Karriere war Fiat-Chef Sergio Marchionne derart unter ­Beschuss wie jetzt. Doch der Mann im Pullover provoziert munter weiter.

Von Erik Nolmans
02.10.2012

«Hör auf, mich zu nerven», antwortete Sergio Marchionne ­seinem derzeit schärfsten Kritiker, dem Lederwarenhersteller Diego Della Valle von Tod’s. Dieser hatte den Fiat-Chef in den italienischen Medien arg kritisiert und in der Person von Marchionne «das eigentliche Problem von Fiat» identifiziert.

Hintergrund der Attacke war die Entscheidung Marchionnes, das vor zwei Jahren angekündigte Investitionsprojekt «Fabbrica Italia» in Höhe von 20 Milliarden Euro zu streichen. Nun geht die Angst vor einem Arbeitsplatzabbau um. Sergio Marchionne konterte, Della Valle verkenne – wie viele in Italien – die Realität industrieller Produktion in Italien, die immer unrentabler werde: «Was Della Valle für Forschung ausgibt, reicht für uns für den Kotflügel.»

Die forschen Töne lenken nicht davon ab, dass sich Marchionne derzeit in seiner schwersten Krise befindet. 2004 schaffte er es, Belegschaft und Nation hinter sich zu scharen, als er den Konzern in Rekordzeit vom Totenbett rettete. Der Mann im schwarzen Pullover wurde zum Managerstar. Nun zeigt sich, dass die Erholung nicht nachhaltig war: Die Fiat-Modelle finden – gerade in Italien – immer weniger Käufer. Dass der Gesamtkonzern noch schwarze Zahlen schreibt, ist einzig den Gewinnen der nach 2009 übernommenen Chrysler zu verdanken.

Die Freunde

Wenn Sergio Marchionne auf John Elkann zu sprechen kommt, nennt er ihn mitunter «The Kid». Darin drückt sich die Mischung aus Paternalismus und Sympathie aus, die kennzeichnend ist für das Verhältnis zwischen den beiden: hier der erfahrene CEO, dort der noch junge Repräsentant der Besitzerfamilie. Der 36-jährige Enkel des schillernden Gianni Agnelli ist nach dem Tod des Grossvaters zum Chef der Familienholding Exor erkoren worden und wirkt seit 2010 auch als Verwaltungsratspräsident von Fiat. Seit Jahrzehnten für die Agnellis tätig, ist Luca Cordero di Montezemolo Ziehvater von Elkann und dessen Vorgänger als Fiat-Präsident. Er fungiert weiterhin als Präsident der Tochter Ferrari und zudem als Verwaltungsrat von Fiat, wo er als wichtigster Ansprechpartner Marchionnes gilt.

Seit fast zwanzig Jahren an Marchionnes Seite ist ein alter Mitstreiter aus gemeinsamen Schweizer Tagen: Alessandro Baldi war 1994 unter Marchionne bei der Alusuisse in der Konzernrevision tätig. Sein Chef war von ihm so angetan, dass er ihn bei all seinen späteren Karriereschritten als Group Controller zur Seite hatte, bei Algroup, Lonza, SGS und nach 2004 auch bei Fiat. Seit 2011 wirkt Baldi als ­Koordinator des Group Executive Council von Fiat. Der deutsche Strategieberater Roland Berger war lange im Verwaltungsrat von Fiat und hat massgeblich an der von Marchionne vollzogenen Aufteilung des Konzerns in einen Auto- und einen Industrieteil mitgewirkt.

Die Gegner

Die Männerfreundschaft zwischen Marchionne und Luxusunternehmer Diego Della Valle ging abrupt zu Ende, als der Tod’s-Eigentümer dem Fiat-Chef öffentlich eine antipatriotische Haltung vorwarf. Dies, weil Fiat ein Investitionsprogramm in Milliardenhöhe gestoppt hat. Marchionne musste deswegen auch in Rom antraben. Ministerpräsident Mario Monti forderte Marchionne ultimativ zur Klärung der Lage auf. Das Krisentreffen endete ohne nennenswerte Resultate. Bei Lonza nach 2000 führte er einen Kampf gegen Grossaktionär Christoph Blocher um dessen Einsitznahme im VR, da Blochers Ems-Dottikon im selben Business wie Lonza tätig war.

Als starker Mann im UBS-VR von 2008 bis 2010 war Marchionne für die Absetzung von CEO Marcel Rohner und Präsident Peter Kurer bei der Krisenbank verantwortlich. Seinen CEO-Job bei der Algroup ergatterte er, weil er intern die Mitfavoritin Dominique Damon mit lockeren Witzchen demontierte. Härtester Konkurrent im Automobilgeschäft ist Volkswagen-Chef Martin Winterkorn, der Fiat Marktanteile raubt und ein Auge auf die Fiat-Tochter Alfa Romeo geworfen haben soll.

Die Swiss Connection

Drehscheibe für Marchionnes Schweizer Aktivitäten ist der Warenprüfkonzern SGS, wo er seit 2006 als Präsident wirkt. Vertrauter im VR ist Mövenpick- und Von-Roll-Präsident Peter Kalantzis, der unter ihm bei Alusuisse-Lonza die Chemiesparte leitete. Marchionne hat ihn auch im VR der Fiat-Tochter CNH platziert. Als Ex-VR von Serono konnte Marchionne enge Bande zum damaligen Besitzer Ernesto Bertarelli knüpfen, mit dem er später im VR der UBS einsass. Multi-VR Georges Muller war SGS-Präsident, als Marchionne dort CEO war. François von Finck ist Vertreter des SGS-Grossaktionärs Familie von Finck, mit der ­Marchionne seit fast 20 Jahren eng verbunden ist.

Die Karriere

Erst mit 31 Jahren beendete Marchionne sein Philosophie- und Jus-Studium und wandte sich der Wirtschaft zu. On the job bildete er sich als Wirtschaftsprüfer weiter. Nach ersten Karriere­schritten als Controller kam er zur kanadischen Verpackungsfirma Lawson Mardon, die 1994 vom Schweizer Industriekonzern Alusuisse übernommen wurde. Dort setzte er zum Karrierespurt an und war drei Jahre später CEO. Bei Alusuisse beeindruckte er Grossaktionär August von Finck. Als der deutsche Baron 2002 seine Besitztümer umschichtete und in die Genfer Warenprüfgesellschaft SGS investierte, holte er den bewährten Mann als neuen CEO.

Der Turnaround, den Marchionne hinlegte, beeindruckte auch den zweiten Grossaktionär von SGS, den Agnelli-Clan, der mehrere Familienmitglieder im Verwaltungsrat hatte. 2003 bat ihn Umberto Agnelli, Bruder des verstorbenen Clan-Chefs Gianni Agnelli, um Einsitz in den Verwaltungsrat von Fiat, 2004 wurde Marchionne CEO. Seit 2009 führt er zusätzlich auch den amerikanischen Autobauer Chrysler, an dem sich Fiat mehrheitlich beteiligt hat.

Die Familie

Sergio Marchionne wurde 1952 im italienischen Abruzzen-Städtchen Chieti geboren. Sein Vater war Carabiniere. Als 14-Jähriger wanderte er mit seinen Eltern nach Kanada aus, wo er auch studierte. Seinen Wohnsitz hat er in der Schweiz, in Walchwil direkt am Zugersee, pendelt aber meist zwischen dem Fiat-Hauptsitz in Turin und der Chrysler-Zentrale in Michigan hin und her. Um mit wenig Gepäck reisen zu können, stapelt er an jedem seiner Wohnsitze ein Dutzend schwarzer Pullover, die sein Markenzeichen geworden sind.

Von seiner langjährigen Gattin Orie Marchionne hat er sich vor zwei Jahren scheiden lassen. Das Paar hat zwei inzwischen erwachsene Söhne. Marchionne liebt klassische Musik und Opern, etwa Arien von Maria Callas, die er auch im Büro laut hört. Er gilt als Technikfreak, der stets die neuesten Gadgets haben muss, trägt drei Blackberrys sowie drei Mobiltelefone mit sich und hat mehrere Telefonnummern, damit er stets den besten Empfang hat.

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