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Machtnetz von Rudolf Wehrli: Der Schattenmann

Rudolf Wehrli

Dem neuen Economiesuisse-Präsidenten Rudolf Wehrli bleibt bloss eine Amtszeit, um Spuren zu hinterlassen. Die ersten Pflöcke hat er bereits eingeschlagen.

Von Ueli Kneubühler
19.07.2012

Die Situation ist heute ungleich einfacher als vor sechs Jahren. Damals war der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse zerstritten. Teilverbände kündigten zeitweilig die Freundschaft, ein Nachfolger für Präsident Ueli Forster fand sich erst im dritten Anlauf. Die Berufungskommission zauberte den Polithaudegen Gerold Bührer aus dem Hut. Geführt hatte die prominent besetzte Gruppe der Schattenmann Rudolf Wehrli. Mitglieder waren Marcel Ospel, Rolf Dörig und Hanspeter Rentsch.

Am 1. Oktober tritt dieser Rudolf Wehrli in Bührers Fussstapfen. Die Wahl am 30. August ist Formsache. Der 63-Jährige ist allerdings bloss ein Jahr jünger als Bührer, ein Kurzzeitpräsident: Mehr als eine Amtszeit liegt wegen der Altersguillotine nicht drin. Trotzdem läutet Clariant-Präsident Wehrli eine neue Ära ein. Er gilt als Brückenbauer, reisst keine Gräben auf, vertritt insbesondere die Exportindustrie, kennt wegen seiner zahlreichen KMU-Mandate den Werkplatz Schweiz, aber auch die Finanzindustrie. Keine schlechten Voraussetzungen für Vermittler Wehrli.

An Bührers politisches Netzwerk indes kommt er nicht heran. Wehrli löst das elegant: Er reduziert sein Pensum von 50 auf 35 Prozent und stärkt damit die Vizepräsidenten und CEO Pascal Gentinetta.

Die Freunde

Einer breiten Öffentlichkeit ist Wehrli kaum bekannt. Er wirkt hinter, nicht auf der Bühne und ist bestens vernetzt. Sein Freundeskreis ist ein Extrakt aus dem Who’s who der Schweizer Wirtschaftselite. ­Geprägt hat ihn allerdings ein klassischer KMU-Vertreter: Konrad Bratschi. Unter dem Inhaber von Silent Gliss, einem Hersteller von Vorhang- und Blendschutzsystemen, amtete er fast zehn Jahre als Marketingchef. Bis heute sind sich die beiden freundschaftlich ­verbunden. Ein Freund und Vorbild ist Henri B. Meier. Der lang­jährige Kassenwart des Pharmaschwergewichts Roche sitzt mit Wehrli im Verwaltungsrat von BioMed Invest. Die Firma finanziert Start-ups in der Life-Sciences-Branche. Eng sind die Bande auch mit dem Swiss-Re-Präsidenten und Credit-Suisse-Verwaltungsrat Walter Kielholz, dem ehemaligen Sulzer-CEO und -Präsidenten und heutigen Ems-Chemie-Präsidenten Ulf Berg sowie Axel Lehmann, dem obersten Risikochef der Zurich Insurance Group. Seit Jahrzehnten befreundet ist er mit dem ehemaligen McKinsey-Schweiz-Chef Thomas Knecht und mit Rolf Hänggi, Ex-Finanzchef der «Zürich». Zum Freundeskreis zählen ausserdem Martin Naville, CEO der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, und Gerhard Schwarz, heute Direktor des Think Tank Avenir Suisse, zuvor langjähriger «NZZ»-Wirtschaftschef. Wehrli widmet täglich eine Stunde der «NZZ»-Lektüre. Neben dem Wirtschafts- und dem Inlandteil liest der studierte Geisteswissenschaftler täglich das Feuilleton.

Die Gegner

Wehrli ist kein Bluffer. Er polemisiert nicht, sucht Kompromisse, geht lieber die Extrameile, bevor er sich mit Leuten anlegt. Noch sind seine Antipoden ein überschaubares Grüppchen, angeführt vom populistischen Neo-Ständerat Thomas Minder, der in Wehrli einen «Mandatsjäger» sieht und ihn als «Geldjäger» diffamierte. Der SVP-Nationalrat und zweifache frühere ­Bundesratskandidat Jean-François Rime zeigte sich verwundert über Wehrlis Nomination. Es hätte Leute gebraucht, ­welche die Schweizer Politik ein wenig kennen, sagte der Möchtegern-Bundesrat. Wehrli mag keine Extrempositionen, mit Hard­linern tut er sich schwer. Auf politischer Ebene wird er aber vielen ­Egomanen die Stirn bieten müssen, etwa dem SP-Präsidenten ­Christian Levrat, dem Chef des Schweizerischen Gewerkschafts­bundes, Paul Rechsteiner, oder den SVP-Scharfmachern um ­Nationalrat Christoph Mörgeli, Parteipräsident Toni Brunner oder Christoph Blocher.

Die Verbands-Connection

Wehrli fühlt sich wohler an der Werkbank als in der Finanzwirtschaft. Gleichwohl arbeitete er für die Credit Suisse und sitzt im VR der Berner Kantonalbank. Das hat ihm früh Verbandsposten eingebracht: bei Scienceindustries (ehemals Präsident), Avenir Suisse (Nominationsausschuss) und seit zehn Jahren bei Economiesuisse (unter anderem Vorstand), wo er auf Rolf Soiron (heute Holcim, Lonza) traf. 1980 musste Soiron Sandoz neu aufstellen – Wehrli war als junger McKinsey-Berater dabei. Mit Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig hievte er 2006 seinen Vorgänger Gerold Bührer auf den Chefsessel. Beim Wirtschaftsdachverband lernte er Oscar Kambly ­kennen; Wehrli sitzt seither beim Guetsli-Bäcker im VR. In regem Austausch ist FDP-Mitglied Wehrli mit den Verbandspräsidenten Hans Hess (Swissmem), Patrick Odier (Bankiervereinigung) und Valentin Vogt (Arbeitgeberverband). Wichtig ist der Kontakt zu Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann.Christoph Mäder ist einer von Wehrlis Vizepräsidenten bei Economiesuisse und dessen Nachfolger bei Scienceindustries, von wo Wehrli auch den Ex-Sika-Präsidenten Walter Grüebler kennt.

Die Karriere

Wehrlis Erleuchtung dauerte sechs Stunden: So lange dehnte sich das erste Interview bei McKinsey. Geführt hatte den Redemarathon der spätere Credit-­Suisse-CEO Lukas Mühlemann. 1979 startete Wehrli bei McKinsey, im selben Monat wie der spätere McKinsey-Schweiz-Chef Thomas Knecht. Mit je einem Doktortitel in Theologie und Philosophie sowie einem Germanistikstudium hatte sich Wehrli auf eine akademische Karriere vorbereitet, war aber offen für Alternativen. Beeindruckt hat ihn bei McKinsey Hans Widmer (Oerlikon-Bührle-Sanierer). Nach vier Jahren wechselte er zur Kreditanstalt, wo er auf Hans-Ulrich Doerig traf (späterer CS-Präsident). Später transfomierte Wehrli als CEO den Industriekonzern ­Gurit gemeinsam mit Walter ­Känel (langjähriger Konzernchef) vom Autozulieferer zum Medtechkonzern. ­Gefragt waren die Turnaround-Qualitäten auch bei Clariant. Zusammen mit dem damaligen VR-Präsidenten Jürg Witmer trennten sie sich von CEO Jan Secher und hoben ­Hariolf Kottmann auf den Chef-Sessel. Seit Ende März 2012 ist Wehrli Clariant-Präsident.

Die Familie

Für Homestorys ist der 63-jährige Wehrli nicht zu haben, sein Privatleben ist Sperrgebiet. Der designierte Economiesuisse-Präsident ist seit 15 Jahren in zweiter Ehe verheiratet und hat vier ­erwachsene Kinder aus erster Ehe. Auch privat zeigt sich Wehrlis facettenreicher Werdegang. Als Jugendlicher spielte er Querflöte und fasste gar eine Musikerkarriere ins Auge. Heute beschränkt er sich aufs passive Musizieren: Wehrli ist ein Klassikkenner, liebt die Frühromantik und die Komponisten Schubert und Beethoven. Der gebürtige Zürcher wohnt in Silvaplana. Erlaubt es die Zeit, unternimmt er schon mal zehnstündige Wanderungen bis auf 3500 Meter. Oder er joggt frühmorgens durch die Engadiner Bergwelt.

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