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Machtnetz von Paul Bulcke: Der Nachfolger

Seine Berufung kam überraschend, aber bald nickten alle Beobachter zustimmend: Paul Bulcke gilt als gute Wahl für den Chefposten bei Nestlé und als Zeichen für Kontinuität.

Von Dirk Ruschmann
02.04.2008

A ls seine Ernennung dem Kader in der Nestlé-Zentrale Vevey bekannt-
 gemacht wurde, erhob sich ein Applaus von verstörender Intensität. Sogar Maestro Peter Brabeck selbst, der Paul Bulcke letztlich auf den Thron gehoben hatte, soll sich gewundert haben. Doch Bulckes enorme Beliebtheit bei der Nestlé-Belegschaft, auf den ersten Blick erstaunlich für einen Manager, der die meiste Zeit bei ausländischen Konzerntöchtern verbracht hat, ist letztlich mit den gleichen Gründen erklärbar wie seine Ernennung zum CEO des Nahrungsmittelmultis.

Ausgestochen hat er den bisherigen Finanzchef des Konzerns, Paul Polman. «Beide erfüllen die Anforderungen», hatte Brabeck schon früh über die Konkurrenten gesagt. «Beide haben sich grossen Respekt erworben», bestätigt Patrik Schwendimann, Konsumgüterexperte der Zürcher Kantonalbank. Zwei Faktoren dürften den Ausschlag für Bulcke gegeben haben.

Erstens sein hervorragender Leistungsausweis. 16 Jahre lang ackerte er in Marketing, Vertrieb und einigen operativen Bereichen der Ländergesellschaften Peru, Ecuador und Chile. 1996 bekam er den ersten Posten als Landeschef in Portugal, danach die Märkte Tschechien und Slowakei. Die steile Aufwärtsrichtung seiner Bedeutungskurve wurde erstmals im Herbst 2000 sichtbar: Bulcke bekam den drittwichtigsten Markt, Deutschland, anvertraut, wo ihm sein Vorgänger Hans Güldenberg zahlreiche Baustellen und Pendenzen hinterliess. Bulcke räumte auf: Er straffte Abläufe, beschnitt Zuständigkeiten, vereinfachte und sanierte und erwarb sich dabei, in Deutschland schwierig genug, den Respekt der Gewerkschaften. Noch heute, wird berichtet, schickt er seinem ehemaligen Fahrer in Frankfurt regelmässig eine Weihnachtskarte.

Dann übernahm Bulcke die Märkte Nord- und Südamerika. Hier, sagte Ehrenpräsident Helmut Maucher voraus, könnte Bulcke sein «Gesellenstück» machen. Maucher, dem der deutsche Markt sehr wichtig war, hatte Bulcke seit Jahren gefördert. Nun rechtfertigte der Belgier das Vertrauen: Unter ihm wurden die Teilkontinente, laut Schwendimann «eminent wichtige Märkte für Nestlé», zur umsatzstärksten und profitabelsten Region des Konzerns. Damit erfreute er Peter Brabeck, der selbst mehr als 15 Jahre in Lateinamerika arbeitete und deshalb ein Faible für die Region hat.

Der zweite Faktor, der für Bulcke sprach: Trotz dem beeindruckenden Track Record hielt er sich öffentlich zurück und überliess Brabeck die Bühne. Der frisch hinzugekommene Paul Polman dagegen avancierte schnell zum Liebling der Medien und Analysten. Neu dabei, aber bekannter als die alten Schlachtrösser der Konzernleitung und dem Präsidenten-CEO Brabeck so langsam vor die Sonne tretend – eine zackige Abweichung von Nestlés Firmenkultur, die auf unauffällige, langwierige Leistungs­bereitschaft baut.

Dieses Muster setzt sich fort und wird nicht für den Quereinsteiger Polman aufgebrochen – auch deshalb bekam Bulcke viel Beifall von den Kaderleuten. Er ist einer von ihnen. Dieses Jahr wird er 54, schon mit 24 war er als Marketing-Trainee eingestiegen. Sein Machtnetz sind die Sympathien, der interne Respekt für seine Leistungen, verbunden mit der zur Schau getragenen Zurückhaltung. In der Schweiz war er bisher nahezu unbekannt. Und mit seiner langjährigen Konzern-Sozialisation dürfte Bulcke gewährleisten, dass Brabecks langer Arm wirkungsvoller ins operative Geschäft hineinreicht, als das unter Polman der Fall gewesen wäre. Mit Bulcke bleibt mehr Brabeck bei Nestlé drin.

Der Belgier muss sich jetzt an der Verbesserung der Margen abarbeiten: Die Grössten sind die Westschweizer schon lange, aber noch haben sie es nicht geschafft, die Konkurrenten punkto Profitabilität zu distanzieren.

Der geliebte Unterlegene

Der zupackende Finanzchef Paul Polman hatte Bankanalysten und Journalisten mit seiner unprätentiös-direkten Art beeindruckt, und so hatten ihn viele Medien schnell zum designierten Brabeck-Nachfolger erkoren, zumal Polman auch die Verbesserung der lange Zeit schwachen Gewinnmargen zugerechnet wurde. Doch am 20. September des vergangenen Jahres die überraschende Nachricht: Der CFO war im Rennen um den CEO-Posten unterlegen; Marketingchef Lars Olofsson, anfangs ebenfalls im Gespräch, war bereits früher ausgeschieden. Die Investoren gaben ihr Missfallen zu erkennen: Der Börsenkurs sackte um 3,6 Prozent ab, als Paul Polmans Nichtnominierung bekanntgegeben wurde. Der Niederländer, der ohnehin eine operative Aufgabe suchte, ist nun Bulcke als Chef des wichtigen Marktes Amerika Nord und Süd gefolgt. Von postelek­tiven Verstimmungen innerhalb des Trios Bulcke, Polman und Brabeck ist nichts bekannt, dennoch dürfte sich Polman auf dem Absprung befinden: Er machte eine steile Karriere beim geachteten Konsumgütermulti Procter & Gamble und wurde dann Finanzchef bei Nestlé, hochgeschätzt in der Finanzgemeinde. Findet sich ein Chefposten in der Kategorie Unilever oder Pepsi (Nestlé Amerika macht 33 Milliarden Franken Umsatz, weit darunter wird Polman kaum sinken wollen), dann wird der Niederländer dem Traditionsverein in Vevey zügig Adieu sagen.

Die Nestlé-Kultur

Sich hochdienen, lange im Konzern bleiben, für gute Leistung mit Aufstieg belohnt werden, weil Führungspositionen fast ausschliesslich an interne Kandidaten vergeben werden – für einen modernen Weltkonzern funktioniert Nestlé ungewöhnlich traditionell. Folglich finden sich jede Menge Veteranen in der Konzernleitung: Der neue Finanzchef James Singh, Marc Caira, Chef der Ausserhaus-Verpflegung, und Europachef Luis Cantarell feierten bereits ihr 30-Jahr- Firmenjubiläum. Im kommenden Jahr erreicht Produktionschef José Lopez Vargas diesen Festtag, nur zwei Jahre länger muss Marketingboss Lars Olofsson warten. Dafür ist Asienchef Frits van Dijk schon 38 Jahre dabei, Personal- und Pharmachef Francisco Castañer methusalemische 44 Jahre. In diese Riege mächtiger, aber, neben dem allgewaltigen Peter Brabeck, kaum bekannter Manager passt Bulcke perfekt.

Der Belgier privat

Bulcke ist in Flandern im Südwesten Belgiens aufgewachsen. Sein Heimatstädtchen Roeselare ist punkto Grösse mit Luzern vergleichbar. In Leuven diplomierte er 1976 zum Wirtschaftsingenieur, wechselte dann nach Gent für ein Postgraduierten-Programm in Management und arbeitete später drei Jahre als Finanzanalyst bei Scott Graphics in Bornem. 1979 ging er zu Nestlé nach Vevey. Mit Gattin Marilène hat er zwei Söhne und eine Tochter. Er liebt Tennis, Golf, klassische Musik, Segelfliegen und Töfffahren. Bulcke spricht sechs Sprachen.

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