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Machtnetz von Ole Wiesinger: Arzt auf Umwegen

Ole Wiesinger.

Ole Wiesinger, Chef der Privatklinikgruppe Hirslanden, rüstet auf. In Zürich nimmt die Klinik jetzt einen 80-Millionen-Neubau in Betrieb.

Von Ueli Kneubühler
29.04.2013

Der Konkurrenzkampf im Gesundheitswesen akzentuiert sich. Insbesondere in der Herzchirurgie. Denn bis Ende Jahr müssen die Kantone entscheiden, wo in der Schweiz Herzen transplantiert werden dürfen. Einigen sie sich nicht, schreitet der Bundesrat ein. So bringen sich die Kliniken in Stellung. Das Berner Inselspital hat unlängst bekanntgegeben, bis 2020 für 440 Millionen Franken in ein Herz- und Gefässzentrum zu investieren, die Zürcher Uniklinik und das Stadtspital Triemli wollen in der Herzmedizin ab 2014 zusammenspannen. Auch Ole Wiesinger, CEO der Hirslanden-Gruppe, rüstet auf. Der 50-jährige Deutsche, der erst über ein Biologiestudium zur Medizin und später zur Gesundheitsökonomie kam, nimmt dieser Tage den Neubau für 80 Millionen Franken in Zürich in Betrieb. Darunter eine Herzklinik für 8,6 Millionen Franken.

Sie ist ein Lockmittel für anerkannte Herzspezialisten, darunter Titularprofessoren vom Zürcher Universitätsspital. Dort sorgte das für Stirnrunzeln. Abgewanderten Kollegen möchte das Unispital nun den Professorentitel entziehen. Die Universitätsleitung hat eine Vorlage in die Vernehmlassung geschickt. Vom Ausbau profitieren auch allgemein versicherte Patienten. Seit 2012 steht die Zürcher Klinik Hirslanden auf der Spitalliste des Kantons und nimmt nun grundversicherte Patienten auf.

Die Freunde

Eng waren die Bande mit Wiesingers Vorgänger Robert Bider. Der langjährige Hirslanden-Chef stiess 1985 im Auftrag der damaligen Mehrheitsaktionärin, der Schweizerischen Bankgesellschaft und heutigen UBS, zu Hirslanden und brachte die schwächelnde Klinik auf Vordermann. Nach der Ära UBS, die vom Zweiten Weltkrieg bis 2002 dauerte, wurde Hirslanden an die englische Beteiligungsgesellschaft BC Partners verkauft; 2007 übernahm die südafrikanische Mediclinic-Gruppe. Starker Mann ist dort Verwaltungsratspräsident Edwin Hertzog, der Wiesinger in den Mediclinic-VR und in die internationale Konzernleitung holte. Grösster Aktionär ist Richemont-Patron Johann Rupert. Der Südafrikaner hält 45 Prozent an der Hirslanden-Mutter. Im VR von Mediclinic trifft Wiesinger den einzigen Schweizer, den Berner Wirtschaftsprofessor Robert Leu. Gut kann er es mit dem Zürcher Gesundheitspolitiker Felix Gutzwiller. Der FDP-Ständerat war bis vor zwei Jahren im VR der Klinik Hirslanden. Mit der Krankenversicherung Sanitas und deren Chef Otto Bitterli arbeitet Hirslanden schon länger zusammen. Gut ist auch das Verhältnis mit Helsana-Präsident Thomas Szucs. Ein enger Freund ist Reto Heierli, Ex-Finanzchef von Hirslanden. Mit Rolf Lüthi, dem ehemaligen Generalsekretär des Verbands Schweizer Privatkliniken, konnte es Wiesinger immer gut. In gesundheitspolitischen Fragen hat er das Heu auf der gleichen Bühne wie CVP-Nationalrätin Ruth Humbel oder SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi.

Die Familie

Ole Wiesinger diente früher nicht als Vorbild für seine Patienten. «Ich esse weder Salat noch Gemüse, sondern Fleisch, Brot und Käse. Und Sport treibe ich auch keinen», sagte er vor einigen Jahren. Doch auch der in Nürnberg aufgewachsene Wiesinger wird nicht jünger. Sein Lebensstil hat sich geändert. Mittlerweile hat er sich zum Fitnessliebhaber entwickelt. Geniesser ist er geblieben. Er ist Uhrenliebhaber und mag schöne Autos. Der Besuch an der Basler Uhrenmesse war für das Mitglied des Rotary Clubs Zürich au Lac ein Must. Wiesinger ist in zweiter Ehe verheiratet und hat eine Patchworkfamilie mit vier Kindern. Mit seiner Frau Stephanie und zwei Kindern lebt er in Oberägeri ZG.

Die Gegner

Hirslanden hat Gegenspieler sowohl bei den Privatkliniken als auch und vor allem in der Politik. In Konkurrenz steht Wiesinger zu Antoine Hubert, Chef von Aevis, zu der die Genolier-Kliniken gehören. Nicht immer gleicher Meinung ist Wiesinger mit linken Gesundheitspolitikern. Dazu zählt Gesundheitsminister Alain Berset. Wiesinger hat sich zwar noch nie mit dem Bundesrat ausgetauscht. Von dessen Gegenvorschlag zur SP-Initiative für eine Einheitskasse ist er aber wenig begeistert. Diametral verschieden sind die Ansichten des Waadtländer SP-Gesundheitsdirektors Pierre-Yves Maillard. Dieser kritisierte Wiesinger scharf für dessen Salär von gut einer Million Franken. «Dass ein Spitaldirektor mit einem solchen Salär künftig staatliche Subventionen verlangt, ist ungerecht», keilte der ehemalige Bundesratskandidat. Der Hintergrund: Hirslanden steht auf der Spitalliste des Kantons Zürich und erhält dadurch Staatsgelder. Schlecht zu sprechen auf Hirslanden dürfte auch Rita Ziegler sein. Die Vorsitzende der Spitaldirektion des Universitätsspitals Zürich verlor zuletzt einige Spitzenärzte an die Privatklinik. Und auch mit Heidi Hanselmann kann Wiesinger es weniger gut. Die St. Galler Gesundheitsdirektorin präsidiert den Zusammenschluss hoch­spezialisierte Medizin, der die Spitzenmedizin den Kantonsspitälern zuschanzen wollte.

Die Ärzte-Connection

Mittlerweile sind 1500 Ärzte Hirslanden-Partner. Über die Ärztewelt hinaus bekannt ist der Sportmediziner­ ­Roger Berbig. Der 18fache frühere Fussball-Internationale spielte in der Saison 1977/78 wie heuer der FC Basel in einem Europacup-Halbfinale: als Torhüter mit den Grasshoppers gegen Bastia. René Bernays, ehemaliger Arzt der ­Neurochirurgie am Unispital Zürich, wechselte unter Wiesingers Ägide zu Hirslanden. Von der Uniklinik kam auch Unfallchirurg Michael Heinzelmann. Die Anstellungen der Ärzte Ralf Baumgartner (Neurologie) und Daniel Rüfenacht (Neuroradiologie) sind mit Wiesinger ­verknüpft. Eine Kapazität auf seinem Gebiet ist der ­Kardiologe Hans Kottkamp.

Die Karriere

Wiesingers Vorgänger Robert Bider holte ihn in die Schweiz. Er traf ihn an einem Ärztekongress, worauf Bider für Wiesinger einen Job innerhalb von Hirslanden suchte. So entschied sich Wiesinger 2003 für die Klinikleitung von Hirslanden ­Zürich und gegen einen ähnlichen Job in Leipzig. Der Einstieg in die Medizin war steinig. Der Numerus clausus verhinderte die Zulassung zum Studium. Also studierte er Biologie, erlangte sieben Semester später aber dennoch einen Studienplatz an der medizinischen Fakultät Erlangen-Nürnberg. Später machte Wiesinger, er gilt als überlegter und unabhängiger Denker, ein Nachdiplom in Gesundheitsökonomie mit Spezialisierung auf Fallpauschalen. Nach einigen Jahren als Assistenzarzt an den chirurgischen Kliniken der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg und der Friedrich-Schiller-Universität in Jena wechselte er 1995 zur Fürther EuromedClinic. 1999 wurde er CEO von Euromed, wo er auf den bekannten deutschen Gesundheitsökonomen Peter Oberender traf, der ihn förderte und unterstützte. Eine Hilfe in seinen Anfängen bei Hirslanden waren Felix Gutzwiller ­sowie Robert Leu und später Mediclinic-Patron Edwin Hertzog. Eng war die Zusammenarbeit auch mit Joseph Rohrer, dem ehemaligen COO der Hirslanden-Gruppe, dem er zu Beginn rapportierte. Wichtig für Wiesinger ist sein Team um André Steiner (COO), Magnus Oetiker (Service Chef) und Andreas Kappeler (CFO). Als Hirslanden-Chef ist er auch im Vorstand des Wirtschaftsdachverbandes Economie­suisse, wo er auf Geschäftsführer Pascal Gentinetta trifft.

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