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Machtnetz von Michael Ambühl: Das Pokerface

Am 8. Februar stimmt die Schweiz für oder gegen die Bilateralen. Das Gehirn hinter den Verträgen ist Chefdiplomat Michael Ambühl.

Von Susanne Mühlemann
30.01.2009

Sein Verhandlungstalent liegt in den Genen. Schon im Progymnasium gewann Michael Ambühl Preise für seine gewiefte Argumentation. In der breiten Öffentlichkeit ist er wenig bekannt. In Bern und Brüssel aber sind seine analytische Schärfe und sein Verhandlungsgeschick berüchtigt. Konziliant in der Art, hart in der Sache. Mit der Abstimmung über die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit und die Bilateralen steht nun Ambühls diplomatisches Meisterstück auf dem Spiel.

Seit 17 Jahren vertritt der Berner die Schweizer Interessen in Brüssel. Bei den Verhandlungen mit der EU über die Bilateralen  I löste er die Knacknuss: die Frage des Alpentransitverkehrs. Bei den Bilateralen  II agierte Ambühl als Chefunterhändler. Im Europadossier verfügt der 57-Jährige über höchste Kompetenz. Seine Verdienste als Konstrukteur der Verträge wurden von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey mit dem Posten des Staatssekretärs belohnt.

Ambühls Einfluss ist gross. Als Leiter der politischen Direktion verantwortet er die inhaltliche Ausrichtung der Schweizer Aussenbeziehungen. Er zieht die Fäden im Steuerstreit mit Deutschland, im Gasdeal mit Iran, im Kampf mit den USA um das Bankgeheimnis oder bei der Ausarbeitung des Interessenwahrungs-Mandats im Streit zwischen Russland und Georgien.

SEINE FÖRDERER UND MITSTREITER
Die Begabung zum gewieften Verhandeln kommt nicht von ungefähr. Ambühl hat an der ETH angewandte Mathematik studiert und darin promoviert. Seine besondere Vorliebe war die Spieltheorie, die Analyse von Entscheidungsverhalten in Konfliktsituationen. Mentor an der ETH war der mittlerweile emeritierte Professor Peter Kall. ­Heute hat der Chefbeamte einen Lehrauftrag an der Uni ­Zürich, in Zusammenarbeit mit dem Völkerrechtler Daniel Thürer.
Wichtig für Ambühls Laufbahn: sein Vorgänger, der frühere Chefdiplomat Franz von Däniken. Ein gutes ­Verhältnis pflegt er zum Seco-Chef und Staatssekretär ­Jean-Daniel Gerber. Man trifft sich einmal im Monat zum Essen und hält dabei eine bewährte Regelung unter Vielbeschäftigten ein: Wer verschieben muss, zahlt beim nächsten Mal.

SEINE GEGENSPIELER
Steter Widersacher in Streitfragen mit der EU ist deren Botschafter in Bern, der Österreicher Michael Reiterer. Doch wie es in der Diplomatie manchmal so läuft, versteht man sich «persönlich eigentlich ganz gut», räumt Ambühl ein. Pendant des Staatssekretärs auf europäischer Ebene ist EU-Generaldirektor Eneko Landaburu, der im Steuerstreit unerbittlich gegen die Schweiz schiesst. Sein Gegenüber bei den Verhandlungen zu den Bilateralen II war der Schwede Percy Westerlund, heute EU-Botschafter in Oslo.
Michael Ambühls Einsatz für die Bilateralen und die Erweiterung der Personenfreizügigkeit schafft Feinde im rechtsnationalen Lager, vor allem bei SVP, Auns und deren Chef Pirmin ­Schwander.
Den libyschen Staatschef Muammar Gaddafi versucht man in Bern immer noch zu besänftigen. Zu Beginn der Affäre um die Verhaftung von Gaddafis Sohn Hannibal durch die Genfer Polizei hat Ambühl direkt vermittelt.

SEIN DRAHT ZUR WIRTSCHAFT
Die Kontakte in die Wirtschaft widerspiegeln das breite Spektrum der aussenpolitischen Interessen, die der Chefdiplomat vertritt. Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer kennt er seit den Verhandlungen zu den Bilateralen II gut. Mit dem Präsidenten der Bankiervereinigung, Pierre Mirabaud, arbeitete er damals eng zusammen, um bei den Abkommen zur Betrugsbekämpfung und Schengen die Interessen der Schweizer Banken zu wahren. Gute Kontakte unterhält Ambühl auch zu den Präsidenten der Grossbanken, Peter Kurer und Walter Kielholz, infolge des Kampfs um das Bankgeheimnis und der Diskussionen mit den USA.
Mit dem Unique-Präsidenten Andreas Schmid trat er zu den Fluglärmverhandlungen mit Deutschland an. Axpo-Chef Heinz Karrer war Verbündeter im Gas­liefervertrag zwischen EGL und Iran, den Ambühl vorbereitet hat.

SEIN POLITISCHES NETZ
Besonderes Merkmal Ambühls laut Politinsidern: «Er ist der Einzige, der mit Micheline Calmy-Rey zugange kommt.» Die Aussenministerin verlässt sich auf die Kompetenz ihres Chefbeamten. Und Ambühl stiehlt ihr nie die Show. Das Verhältnis ist eng, aber oft werden intensive Diskussionen geführt. Er selber, ganz Diplomat, nennt Calmy seine «wichtigste politische Bezugsperson».
Im Parlament tauscht Ambühl sich oft mit Felix Gutzwiller (FDP) oder Mario Fehr (SP) aus. Den Ex-Unia-Präsidenten Vasco Pedrina schätzt Ambühl seit den Diskussionen ums Landverkehrsabkommen. Der Zürcher SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer steht er seit den Fluglärmverhandlungen mit Deutschland nahe.

SEIN PRIVATLEBEN
Nach den Stationen Kinshasa, Delhi und Brüssel lebt der Berner wieder in seiner Heimatstadt. Das Wochenende versucht Ambühl konsequent freizuhalten. Sommers wie winters geht er gerne in die Berge. Und er liest mit Vorliebe Geschichtsbücher oder Krimis. Ehefrau Sibylle Ambühl, eine Zugerin, hat er an der Uni kennen gelernt, wo beide als Mathematikassistenten tätig waren. Der gemeinsame Sohn macht demnächst die Matura, am selben Gymnasium wie einst der Papa.

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