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Machtnetz von Jasmin Staiblin: Die Brückenbauerin

Jasmin Staiblin
Jasmin Staiblin

Mit der Ernennung zur Alpiq-Chefin wird Jasmin Staiblin mit gerade einmal 42 Jahren eine der mächtigsten Frauen der Schweizer Wirtschaft.

Von Marc Kowalsky
2012-06-12

Ende Mai liess Jasmin Staiblin unter den Augen der Weltöffentlichkeit das ABB-Gebäude in Zürich Oerlikon um 60 Meter verschieben. Im Herbst verschiebt sie sich selber um 45 Kilometer: von Baden nach Olten, vom Chefposten der ABB Schweiz auf jenen von Alpiq. Headhunter Sandro Gianella platzierte die erst 42-Jährige beim Energieversorger mit 14 Milliarden Franken Umsatz und 11 000 Mitarbeitern.

Staiblin hat eine Blitzkarriere hinter sich. Sie gilt als unaufgeregt, pragmatisch und nüchtern, verfolgt die eigenen Ziele hartnäckig und achtet gleichzeitig als Brückenbauerin darauf, dass niemand als Verlierer vom Tisch geht. Derartige Eigenschaften wird es brauchen. Denn gewaltig sind die Aufgaben, welche die gebürtige Deutsche bei Alpiq erwarten. Sie muss die Auslagerung der Netze an Swissgrid abwickeln und nach dem Atomausstieg die neue Energiepolitik umsetzen. Dies alles vor dem Hintergrund gewaltiger Überkapazitäten und sinkender Preise. Und dann gilt es noch immer, drei verschiedene Kulturen zu ­integrieren, entstand Alpiq doch 2009 durch die Fusion der börsenkotierten Stromfirma Atel, der Westschweizer EOS und des Schweizer Geschäfts der französischen EdF. Bei all dem ist VR-Präsident Hans Schweickardt, ein altes Schlachtross in der Energiewirtschaft, Staiblins wichtigster Verbündeter.

Die Wirtschafts-Connection

In Wirtschaftskreisen ist Jasmin Staiblin bestens vernetzt. Im VR der Neuen Aargauer Bank trifft sie auf Verleger Peter Wanner und Ringier-Mann Martin Werfeli. Im Board des Industriekonzerns Georg ­Fischer hat sie zu tun mit Andreas Koopmann, VR bei Nestlé und CS, ETH-Professor Roman Boutellierund Isabelle Welton, ehemalige IBM-Schweiz-Chefin und heute in der Europaorganisation für Brand Systems zuständig. Kürzlich wurde Staiblin zudem ins Board von Rolls-Royce unter Sir Simon Robertson geholt. Sie sitzt auch im vom Bundesrat berufenen ETH-Rat, zusammen mit ETH-Präsident Ralph Eichler, Patrick Aebischer, VR Lonza, sowie Olivier Steimer, Präsident der Banque Cantonale Vaudoise. Als ABB-Vertreterin im Vorstand der Economiesuisse hat sie regelmässigen Austausch mit Präsident Gerold Bührer. Dort trifft sie auch auf Swisscom-Präsident Hansueli Loosli, CS-Präsident Urs Rohner, Novartis-Präsident Daniel Vasella,Jörg Wolle von DKSH und Martin Scholl, Chef der ZKB. Das Netzwerk komplett macht ihr Einsitz im Vorstand der Avenir Suisse. Dort hat sie direkten Zugang zu den Granden der Schweizer Wirtschaft: Multi-VR Rolf Soiron, Ex-McKinsey-Chef Thomas Knecht und dessen Nach-Nachfolger Christian Casal, Unternehmer Giorgio Behr, Nestlé-Chef Paul Bulcke, Lufthansa-CEO Christoph Franz, Unternehmer Andreas Jacobs, Walter Kielholz, VRP Swiss Re, Swiss-Life-Chef Bruno Pfister, Ex-Nationalbanker Jean-Pierre Roth, Multi-VR Andreas Schmid oder Zurich-CEO Martin Senn.

Die Polit-Connection

Für ABB sitzt Staiblin im Vorstandssausschuss des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem. Dessen ehemaligen Vorsitzenden Johann Schneider-Ammann, heute Bundesrat, kennt sie gut. Bei Swissmem arbeitet sie eng zusammen mit Verbandspräsident Hans Hess sowie Peter Spuhler, Nationalrat und ­Eigentümer von Stadler Rail, sowie dem ehemaligen Sulzer-Präsidenten Ulf Berg und Christoph Lindenmeyer, Chef von Schindler Schweiz. Einen guten Draht hat Staiblin zur Aargauer Bundesrätin Doris Leuthard, die sie auf Delegationsreisen nach China und Indien begleitete. ABB Schweiz veranstaltet unter Staiblin regelmässige Politikertreffen. So kennt sie nicht nur den Aargauer Regierungsrat unter Landammann Susanne Hochuli gut, sondern auch Pascale Bruderer, die Staiblin zu ihrer Vereidigung als Nationalratspräsidentin einlud.

Die Familie

Ihr Privatleben schottet Jasmin Staiblin schon fast paranoid ab. Sie entstammt einer Weinbauernfamilie nahe dem deutschen Freiburg; ihren badischen ­Dialekt hat sie bis heute behalten. Sie hat eine jüngere und eine ältere Schwester. Staiblin war von Anfang an der «garçon manqué», spielte lieber mit Fischertechnik als mit Puppen und legte auch am Hof Hand an.

Ehemann Anders arbeitet ebenfalls im ABB-Konzern, in der Division Robotik. Gemeinsam haben sie einen inzwischen knapp zweijährigen Sohn. Die Familie wohnt in Au am Zürichsee. Früher fuhr Staiblin Rennrad, spielte Querflöte und Piccolo (durch Musikstunden finanzierte sie sich das Studium). Heute hat sie für derartige Hobbys keine Zeit mehr. Geblieben ist die Lust auf Krimis.

Die Gegner

In einer bizarren Polemik warf «Weltwoche»-Chef Roger Köppel Staiblin vor, während des Mutterschaftsurlaubs ihren Posten zu verlassen («der falsche Chef»), um sie später dafür zu kritisieren, dass sie danach in den Job zurückkehrte. Von Swiss Cleantech unter Nick Beglinger hat sich Staiblin distanziert und die Tochter ABB Sécheron aus dem Verband genommen; die Heilsversprechen von Swiss Cleantech sollen ihr suspekt gewesen sein. In der Energiepolitik hat sie sich gegen eine kostendeckende Einspeisevergütung à la Deutschland ausgesprochen und damit gegen die Positionen etwa von Peter Pauli, CEO der Solarfirma Meyer Burger, und Michael Buscher, Chef OC Oerlikon. Auf dem Markt waren ihre härtesten Widersacher bislang Alstom unter VR-Präsident und Ex-Bundesrat Joseph Deiss sowie Siemens Schweiz unter Siegfried Gerlach. Bei Alpiq werden es Heinz Karrer von Axpo und Kurt Rohrbach von BKW sein.

Die Karriere

Eigentlich wollte Staiblin Lehrerin oder Architektin werden. Stattdessen kam sie beim Studium der Elektrotechnik und Physik in Karlsruhe und Stockholm mit ABB in Kontakt – und blieb dort während ihrer gesamten bisherigen Laufbahn. Ihr grösster Förderer war Konzernleitungsmitglied Peter Smits, der sie mit 34 Jahren zur globalen Marketing- und später Vertriebsleiterin seiner Energietechniksparte machte. Den damaligen CEO und Präsidenten Jürgen Dormann beschreibt Staiblin als «stillen Förderer». Ebenfalls auf Vorschlag von Smits, inzwischen Europachef, beförderte CEO Fred ­Kindle sie 2006 zur Leiterin ABB Schweiz. Barbara Frei, heute ABB-Europachefin und Swisscom-VR, leitete unter ihr die ­Abteilung Drives; die beiden haben bis heute ein enges Verhältnis. WEF-Gründer Klaus Schwab ernannte Staiblin 2008 zum Young Global Leader, zusammen mit Tennislegende Steffi Grafund dem Roche-CEO Severin Schwan.

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