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Machtnetz von Jacques Rogge: Der Leisetreter

Als IOC-Chef trat Jacques Rogge an, den Olympischen Spielen wieder zu einem sauberen Image zu verhelfen. Nun steht er in der Kritik, China mit Samthandschuhen anzufassen.

Von Stefan Lüscher
18.04.2008

Als Jacques Rogge 2001 zum achten Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit Hauptsitz in Lausanne gewählt wurde, ging ein Aufatmen durch die Reihen der Funktionäre. Die Sportwelt war der Dopingskandale und Korruptionsaffären überdrüssig, und der Belgier wurde als Garant für saubere Spiele betrachtet. Denn der Chirurg gilt als unbescholten, gradlinig, ehrlich – und als einstiger Spitzenathlet dem Sport mehr zugetan als Macht und Geld.

Jacques Rogge demonstriert gerne Nähe zu den Sportlern, brüskiert seine den Luxus gewohnten Kollegen aus der olympischen Führungsriege damit, dass er die Unterkünfte der Athleten dem Erstklasshotel vorzieht. Für seinen demokratischen Führungsstil erntet Rogge von allen Seiten Lob. Der 65-Jährige spricht selten von sich selbst, lieber von «wir». Er mag die Tiefstapelei, sagte er doch einst in einem Interview: «Ich habe doch gar keine Macht.»

Macht hat der Belgier sehr wohl, doch er spielt sie selten aus. Was ihm von einigen Olympiafunktionären Kritik eingetragen hat. Manches Mitglied der weit verzweigten IOC-Familie denkt mit Wehmut an die 21-jährige Regentschaft des Rogge-Vorgängers Juan Antonio Samaranch zurück, der mit List und besten Beziehungen der ehemals unbedeutenden Organisation zu Einfluss und Reichtum verhalf. Rogge dagegen gilt nicht als Macher. Er ist ein Verwalter, der das IOC-Reich zusammenhält, aber nicht vermehrt. «Softie Jacques», wie er spöttisch auch genannt wird, werden weder Charisma noch Führungsqualitäten bescheinigt.

Die Krise um die Olympischen Spiele in Peking gibt diesen Kritikern recht. Lange glaubte Rogge, das schon oft angewandte Wundermittel würde auch diesmal wirken: Kopf in den Sand stecken und warten, bis sich der Sturm verzieht. Doch der Sturm ist zum Hurrikan angeschwollen. Politiker und Manager fordern einen Teilboykott, rüffeln Rogge als Zauderer. So machte sich der oberste Olympionike vor wenigen Tagen schweren Herzens gen China auf, um der Regierung die Einhaltung der Menschenrechte zu predigen. Vor der Presse meinte der IOC-Chef: «Wir stecken in einer Krise.» Wen meint er mit «wir»?

2009 sind Wahlen angesagt. Denn im Gegensatz zu früher, als der Präsident quasi auf Lebenszeit in Amt und Würden war, wird der IOC-Chef noch für acht Jahre ernannt, danach kann er noch einmal für vier weitere Jahre gewählt werden. Kulminiert die China-Krise, wäre kaum einer überrascht, wenn sich Jacques Rogge nicht mehr zur Wiederwahl stellte.

Seine Seilschaften

Rogges Vorgänger und Mentor Juan Antonio Samaranch hat einst die Fäden bis in die Politik und die Wirtschaft gesponnen. Rogge selber dagegen verstand es nicht, sein Machtnetz über die Sportkreise hinaus zu knüpfen. Zu seinen Vasallen gehören Funktionäre, deren Verbände mit dem IOC verbandelt sind, so die Schweizer Gian-Franco Kasper, Präsident des Skiverbands, und René ­Fasel, Chef des Eishockey­verbands. Innerhalb der olympischen Familie kann Rogge auf eine starke Gefolgschaft zählen, etwa auf Denis Oswald, einen der einflussreichsten Sportfunktionäre der Welt, der jüngst Rogges Kritiker kritisierte. Die treusten Anhänger hat Rogge innerhalb des IOC selbst, denn einige hoffen darauf, dass sie dereinst vom Belgier ins Präsidentenamt gehievt werden. Dazu gehören Gerhard Heidberg und Ottavio Cinquanta oder die IOC-Vizepräsidenten Chiharu Igaya sowie Gunilla Lindberg.

Die Olympia-Sponsoren

Für die Sponsoren entwickelt sich Peking zur Gratwanderung. Es geht um Milliarden: Das Dutzend Hauptsponsoren soll bis zu je 100 Millionen Dollar überwiesen haben. Dafür erwarten sie durchschlagende Werbeeffekte, Boykottdrohungen kommen da ungelegen. Andererseits möchten sich McDonald’s, Adidas, Coca-Cola oder Omega nicht durch Stillschweigen zu Handlangern machen. Gegenüber Chinas Regierung ist jedoch höchste Diplomatie angesagt; die Konzernchefs Neville Isdell von Coca-Cola, Ralph Alvarez von McDonald’s oder Herbert Hainer von Adidas wollen weiterhin Bombengeschäfte im Riesenreich machen. So hätten sie im Stillen, heisst es aus IOC-Kreisen, Rogge aufgefordert, in China vorstellig zu werden. Bei aller Diplomatie kommt der Ärger jedoch oft zur Hintertüre herein. So hat George Clooney, Filmstar und Omega-Ambassador, mit seiner Kritik an China bei den Swatch-Oberen Nicolas und Nick Hayek kaum für eitel Freude gesorgt.

Die grössten Ängste lösen beim IOC-Präsidenten Jacques Rogge aber die Fernsehrechte aus. Alleine dafür kassiert das IOC 1,74 Milliarden Dollar. Dazu kommen zusätzliche Verträge mit dem US-Sender NBC im Wert von gegen 900 Millionen sowie mit der European Broadcasting Union (EBU) im Umfang von gut 440 Millionen. Fallen die Sommerspiele flach, fliesst nicht nur kein Geld; dem IOC könnten auch riesige Entschädigungsforderungen ins Haus flattern.

Seine Kritiker

Harte Gegner hat Rogge nur wenige. Dazu zählt Richard Pound, lange Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur; Rogge sei, so der Kanadier, dank Mauschelei gewählt worden – Pound wollte 2001 ebenfalls IOC-Präsident werden. Oder Ruben Acosta, Präsident des Volleyball-Weltverbands; er hat seinen IOC-Job «aus Altersgründen» hingeschmissen, als die Ethikkommission gegen ihn ermittelte. Dafür wächst das Lager der Kritiker. Viele Politiker fordern zumindest einen Teilboykott der Spiele, so die US-Präsidentschaftsanwärter Barack Obama und Hillary Clinton. Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy macht seine Reise nach Peking von der Aufnahme eines Dialogs zwischen China und dem Dalai Lama abhängig. Der Buddhist und Hollywood-Mime Richard Gere sowie Erzbischof Desmond Tutu rufen den US-Präsidenten George W. Bush zum Boykott der Eröffnungszeremonie auf.

Mr. Olympia privat

Der am 2.  Mai 1942 im belgischen Gent geborene Jacques Rogge erlernte das Handwerk eines orthopädischen Chirurgen. Zusätzlich schlug er eine sportliche Laufbahn ein – mit viel Erfolg: Für Belgien nahm er dreimal an olympischen Segelregatten teil, und er spielte Rugby im Nationalteam. Zudem führte Rogge die Delegation seines Landes bei vier Olympiaden an. 1989 trat er in die Dienste der olympischen Geldmaschine, zuerst als Chef des Belgischen Olympischen Komitees, seit 2001 als Präsident des IOC. Rogge hat zwei Kinder.

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