Etiketten kleben mitunter hartnäckig. So wird Giorgio Behr wohl auf ewig den Beinamen «der Rechnungslegungsexperte» tragen. Dabei führt er im Hauptberuf seit 1991 seine Industriegruppe Behr Bircher Cellpack (BBC). Nun will er den Schleifmittelproduzenten Sia Abrasives übernehmen. Seit diesem Vorstoss ist Sia-Präsident Peter Schifferle verstummt, der Behr zuvor noch als Retter vor ausländischen Heuschrecken gepriesen hatte. Behr will Sia aber offensichtlich nicht in seine BBC integrieren – das Kaufangebot hat er über seine private Holding lanciert. Obwohl Behr die BBC auch durch Übernahmen vergrösserte, gilt er nicht als klassischer Firmenkäufer, sondern als Vertreter des Modells Familienkonzern mit starkem ­Aktionär als Bollwerk.

15 Jahre sass er im VR der Liechtensteiner Hilti. Dort lernten sich Behr, Michael Hilti und der langjährige CEO Pius Baschera schätzen. Heute präsidiert Behr den Aufsichtsrat des deutschen Autozulieferers ZF Friedrichshafen – der in der Hand zweier gemeinnütziger Stiftungen ist. Zu ZF brachten ihn die Fürsprache von Hans-Georg Härter, CEO von ZF, und Ex-Technikvorstand Hubertus Christ. Beide kennt Behr aus Schweizer Verwaltungsräten. Christ war im VR von Hilti, Härter bei Saurer, als der Hedge Fund Laxey an der Tür rüttelte.

Die Sport-Fraktion

Behr als «local hero» von Schaffhausen zu bezeichnen, ist ­eine Untertreibung. Seit 16 Jahren amtet er als Präsident des Handballvereins Kadetten, wo er 1968 als aktiver Spieler begann. Eng arbeitet er mit Kadetten-Manager Peter Leutwyler zusammen. Im vergangenen Jahr taten sich Behr und der Präsident der Zürcher Grasshoppers, Rolf Dörig, im Hauptberuf Chef der Swiss Life, ­zusammen: Sie führen ihre ersten Handballmannschaften gemeinsam und hoffen so auf mehr Sponsoren aus der Wirtschaftsmetropole Zürich, damit die Kadetten international mithalten können. Behrs zentrale Ansprechpartner in der Grasshoppers-Handballsektion sind Klaus Wellershoff, Chefökonom der UBS, Pascal ­Jenny, Kurdirektor in Arosa, und Patrick Hüppi aus der gleich­namigen Baufirmendynastie. Schon 2004 übernahm Behr die wöchentliche Gratiszeitung «Schaffhauser Bock» vom legendären Gründer René Steiner, als der ins Rentenalter kam. Seither firmiert Behr zudem als Verleger. Auch im Fernsehgeschäft ist er tätig, via eine Beteiligung an der TV-Holding United Sport Production, die für Handballübertragungen auf privaten Fernsehstationen sorgt. Ausführender Arm ist hier Peter Weigelt, Kommunikationsberater und Ex-FDP-Nationalrat.

Die Wissenschafts-Connection

Im Geschäftsleitenden Ausschuss des St. Galler Instituts für Wirtschaftsprüfung, den Giorgio Behr präsidiert, unterstützen ihn unter anderen der CEO von Ernst & Young Schweiz, Peter Athanas, und der Prüfungschef der Schweizer KPMG, Günter Haag, aber auch HSG-Absolventin Magdalena Martullo-Blocher, Chefin der Ems-Chemie. Engen Kontakt hält Behr zu ehemaligen Wissenschaftlern vom St.  Galler Institut, darunter Günther Schuh, Professor an der Technischen Hochschule Aachen, oder Peter Leibfried, heute selbst Professor für Rechnungslegung in St.  Gallen. Durch Posten in Fachgremien von Uno und OECD vernetzte sich Behr weltweit. Aus der Fachgruppe Swiss GAAP FER, welche die Schweizer Rechnungs­legung erneuerte, kennt Behr zahlreiche Schweizer Branchengrössen der Ökonomie, und im Stiftungsrat der Gruppe traf er den ehemaligen UBS-Vizepräsidenten Alberto Togni, der durch sein Auftreten während des Swissair-Groundings Bekanntheit erlangte.

Die Widersacher

Dem eingefleischten Industrieunternehmer Behr sind reine Finanzinvestoren ein Gräuel. Als er den Verwaltungsrat beim Textilmaschinenkonzern Saurer präsidierte, liess er das den Investmentchef des Hedge Fund Laxey, Roger Bühler, spüren, der Saurer in die Mangel genommen hatte. Mit Laxeys Wirtschaftsanwalt und Verwaltungsratskandidat für Saurer, Urs Schenker, gründete Behr sogar ­eine herzliche Feindschaft. Dass Saurer dann in die Hände von Oerlikon und der österreichischen Firmenjäger Georg Stumpf und Ronny Pecik fiel, dürfte Behr wie die Wahl zwischen Pest und Cholera empfunden haben.

Das Privatleben

Giorgio Behr, Jahrgang 1948, lebt in Buchberg SH, wenige Kilo­meter rheinabwärts von seinem Fixpunkt Schaffhausen. Mit seiner Frau Anne-Marie Behr, einer Lehrerin, hat er vier Söhne. Als Interessen nennt Behr Dixieland-Jazz, Tauchen, Modellbau – und Handball. Auf Partys und gesellschaftlichen Anlässen sieht man ihn so gut wie nie, dafür zieht er sich öfter in sein Rustico nahe Bellinzona zurück. Zu den persönlichen Freunden zählen Hans Stocker, Konzernleitungsmitglied bei der Biotech-Firma Cytos, der Unternehmer Walter Steinemann und René Specht, Leiter Bibliotheken Schaffhausen.

Die Vertrauten

Behr gehörte zum Gründungsteam der Bank am Bellevue und war beim Kauf der Edelmetallschmelze Metalor an vorderster Front dabei. Insofern gehört Bellevue-CEO Martin Bisang zu den langjährigen Geschäftspartnern, dazu Holcim-Präsident Rolf Soiron und Sanierer Ernst Thomke. Mit Thomke arbeitete Behr gut zusammen, obwohl das Zusammentreffen zweier «Primadonnen», wie ein Bekannter sagt, nicht unbedingt gutes Teamwork verspricht. Bei Metalor lernte Behr die beiden Roche-Altmeister Henri B. Meier und Fritz Gerber kennen. Behrs engste Partner im Bellevue-Netzwerk waren allerdings Dieter Albrecht und Hans-Jörg Graf.

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