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Machtnetz von Ferdinand Piëch: Der Potentat

Ferdinand Piëch hat in der Porsche-Familie das Zepter an sich gerissen. Er nähert sich seinem Ziel, mit VW Toyota zu überholen.

Von Dirk Ruschmann
31.07.2009

Ferdinand Piëch hat es geschafft: Der Volkswagen-Konzern, dessen Aufsichtsrat er vorsitzt, wird sich den Sportwagenhersteller Porsche einverleiben, Goliath schluckt also David, und nicht umgekehrt. Porsche-CEO Wendelin Wiedeking hat den Konzern verlassen. Eine Niederlage nicht nur für Wiedeking, sondern auch für Wolfgang Porsche, Chef des Porsche-Zweigs der streitlustigen Erbengemeinschaft. Die alte Aufteilung der Stämme, wonach sich der Porsche-Zweig um Stuttgart kümmert und die Piëchs um Salzburg, wo die Familie Europas grösstes Autohandelshaus betreibt, hat Piëch zerschlagen. Auch wenn sich zeitweilig selbst sein Bruder Hans Michel Piëch gegen ihn gewandt hatte: Ferdinand hat sich endgültig als stärkste Figur der beiden Clans etabliert.

Piëch ist zwar Teil der Eigentümerfamilie Porsche-Piëch, sah sich aber schon immer eher als VW- denn als Porsche-Mann. So erklärt sich auch sein Rettungsplan, das frühere Kaufobjekt VW solle den gescheiterten Käufer Porsche übernehmen.

Allerdings: Die VW-Übernahme lancierten nicht Wiedeking und Wolfgang Porsche im Alleingang. Die Familienzweige entscheiden stets einmütig – Piëch hatte den Plänen zugestimmt. Wiedeking bleibt das Verdienst, aus einem Trümmerhaufen den profitabelsten Autobauer der Welt gemacht zu haben.

Die Vertrauten

Ob Ferdinand Piëch echte persönliche Freundschaften pflegt, ist nicht bekannt. Der frühere Bundeskanzler und Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Gerhard Schröder, wurde zwar bisweilen als «Freund» bezeichnet. Allerdings ist Niedersachsen als Gross­aktionär immer auch wichtiger Ansprechpartner für VW. Beruflich umgibt sich Piëch gern mit Vertrauten – die naturgemäss Untergebene sind. Dazu gehören VW-Konzernchef Martin Winterkorn, der unter Piëch bei Audi in der Qualitätssicherung einstieg, und Rupert Stadler, einstiger Büroleiter Piëchs, heute Audi-CEO.

Zu den engsten Verbündeten gehörte der Personalchef des VW-Konzerns, Peter Hartz. Er galt als wesentliche Stütze des «Systems Volkswagen»: Mit Zugeständnissen an den Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall verschaffte sich Piëch freie Bahn für seine teuren Lieblingsprojekte, wie den Kauf und den Ausbau der Marken Bugatti, Lamborghini und Bentley oder den Vorstoss von VW in die Oberklasse mit dem gefloppten Phaeton. Wichtigste Helfer dabei waren die Betriebsratschefs; lange Jahre Klaus Volkert und heute Bernd Osterloh – Letzterer ein aufrechter Kämpfer für die Interessen der VW-Werker, Ersterer ein Lebemann mit Dienstreisen nach Brasilien, wo Volkert eine Geliebte hatte.

Im VW-Topmanagement geniesst neben Winterkorn auch ­Finanzchef Hans Dieter Pötsch Piëchs Vertrauen. Winterkorn durfte zudem einige Schlüsselfiguren von Audi zu VW mitnehmen: ­Produktionsleiter Jochem Heizmann, Entwicklungschef Ulrich ­Hackenberg sowie Designer Walter de’Silva.

Die Widersacher

Franz-Josef Kortüm, Herbert Demel, Franz-Josef Paefgen – drei ehemalige Audi-Chefs, die allesamt von Piëch, in dessen Zeit als VW-Konzernboss, nach kurzer Amtszeit wieder gegangen wurden. Alle galten als erfolgreich, aber zu selbstbewusst für Piëch, wie damals spekuliert wurde. Paefgen leitet heute die VW-Marken Bentley und Bugatti, Demel und Kortüm führen erfolgreich andere Konzerne. Von Piëch gestürzt wurde auch VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder. Der hatte den Verkauf der VW-Limousine Phaeton in den USA gestoppt und die teuren Sportwagenprojekte Piëchs, wie Bugatti, kritisiert. Ein weiteres Opfer Piëchs ist Wolfgang Bernhard, der als VW-Markenchef die ineffiziente Produk­tion kritisiert hatte – was sich gegen Piëch richtete. Der gilt als Technikfreak, dem die Kosten relativ egal sind. Der erbittertste Gegner war Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der nach dem Einstieg von Porsche mit überbreiten Schultern bei VW auftrat – Nebenkönige duldet Piëch nicht. Industriell sieht Piëch nur einen Widersacher: Toyota, lange Jahre Musterbeispiel qualitativ hochwertigen, effizienten Autobauens und grösster Hersteller der Welt. Akio Toyoda, Urenkel des Firmengründers, will das schwächelnde Unternehmen wieder flottmachen, Piëch will ihn überholen.

Die Schachfiguren

Geld sei Piëch egal, heisst es (er hat es ja). Macht ist ihm wichtiger. Tatsächlich gilt er als genialer Strippenzieher und Taktierer. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, den Piëch als VW-Chef mehrfach brüskierte, köderte er mit dem Verbleib der Konzernmacht in Wolfsburg und sicheren Arbeitsplätzen, also Wählerstimmen. Dafür überzeugte Wulff die Bundeskanzlerin Angela Merkel, das «VW-Gesetz», das Wulff eine Sperrminorität bei VW sichert, bei der EU zu verteidigen – was Porsches Plan, an die Cashreserven von VW heranzukommen, vereitelte.

Piëch lässt den mächtigen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, stellvertretend für sich selbst und Wolfgang Porsche, mit Stuttgart streiten: Osterlohs Gegner dort ist Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück – ein enger Vertrauter Wiedekings, der diesen bis zuletzt gestützt hat.

Schweizer Connection

Der Gründer des VW-Importeurs Amag, Walter Haefner, war noch gut bekannt mit Stammvater Ferdinand Porsche. Diese Verbindung hat auch Piëch nicht abreissen lassen. Heute wird die Amag vom Sohn des Gründers, Martin Haefner, präsidiert. Zudem hält Piëch Kontakt zu Amag-Verwaltungsrat Reto Töndury. Beide gingen im Lyceum Alpinum in Zuoz zur Schule, beide sind Jahrgang 1937. Piëch studierte später Maschinenbau an der ETH Zürich.

Am Vierwaldstättersee lebt Piëchs Ex-Lebensgefährtin Marlene Porsche, die er seinem Cousin Gerhard Porsche ausgespannt hatte und mit der er ein gutes Jahrzehnt zusammen war: Mit Marlene hat Piëch zwei Kinder.

Die Familie

Zwölf Kinder mit vier Frauen hat Piëch gezeugt, wie ein sichtbar von ihm selbst inspirierter ­Artikel im «Spiegel» auflistet – zuvor war meist von fünf Frauen die Rede. Die erste, die Piëch als Student heiratete, gebar fünf Kinder. Mit seiner heutigen Frau ­Ursula, einem früheren Kindermädchen, hat er drei Kinder. Im Jahr 1937 geboren, wuchs Piëch auf dem ­familieneigenen «Schüttgut» in Zell am See auf. Seine Mutter Louise Piëch war, wie Ferry Porsche, ein Kind des Clangründers Ferdinand Porsche. Aus der Ehe von Louise mit dem Rechtsanwalt Anton Piëch gingen vier Kinder hervor. ­Die beiden Familienstämme sollen inzwischen auf gut 60 Mitglieder angewachsen sein.

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