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Machtnetz von Christoph Tonini: Der Unbekannte

Christoph Tonini: Ab Januar 2013 neuer CEO bei Tamedia.

Die Tamedia-Gruppe, eines der bedeutendsten Verlagshäuser der Schweiz, erhält bald einen neuen Chef. Sein Name: Christoph Tonini.

Von Stefan Barmettler
18.09.2012

Am Zürcher Mediengipfel, der Dreikönigstagung Anfang Januar 2013, werden zwei neue Gesichter aus Corporate Switzerland ihren grossen Auftritt haben: Susanne Ruoff, neue Chefin der Schweizer Post, und Christoph Tonini, neuer Chef des ­Zürcher Medienkonzerns Tamedia. Der 42-jährige Tonini, in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, tritt in einer schwierigen Phase als Chef der Konzernleitung an: Die Digitalisierung des Mediengeschäfts ist in vollem Gang, doch die Rentabilisierung der ­Online-Welt ist in der Schweiz vielerorts ungelöst.

Im Digitalgeschäft der Tamedia, von Christoph Tonini ­persönlich ­geführt, schwächelt die Rendite seit längerem; im ersten Halbjahr 2012 rutschte der Bereich sogar in die roten Zahlen ab.

Künftiger Treiber und Renditebringer des Online-Bereichs soll das Stellenmarktportal Jobs.ch werden, das Tamedia kürzlich gemeinsam mit Ringier für stolze 390 Millionen Franken kaufte – dies bei einem Gewinn auf Stufe Ebitda von 21 Millionen. Tonini, ab 2013 Chef der Tamedia-Gruppe, hat eben Christoph Brand, Ex-CEO der Telekomfirma ­Sunrise, angeheuert. Er soll das Digitalgeschäft von Tamedia auf einen rentablen Wachstumskurs führen. Und den Gross­aktionären rund um die Verlegerfamilie Coninx/Supino weiteren Mehrwert schaffen.

Die Freunde

Christoph Tonini steht im Schatten von CEO Martin Kall. Der Medienmanager aus Nordrhein-Westfalen hat die Schweizer Medienbranche in den letzten zehn Jahren massgeblich geprägt. Tonini, der 2003 als ­Finanzchef bei Tamedia begann, gilt wie sein Ziehvater als zahlenorientiert. Während Kall, smarter Vordenker und gerissener Taktiker, beim Fussvolk distanziert auftritt, ist Tonini der Troupier, der intern mit Dutzenden von Leuten per du ist und an Firmenfesten bis spätabends auf Tuchfühlung mit den Mitarbeitern geht.

Tonini zählt auf den Support von VR-Präsident Pietro Supino, der nach der Ära Kall auf eine interne Nachfolge setzte. Beide Spitzenkräfte sind schweizerisch-italienische Doppelbürger. Tonini wird ­Supino – dem obersten Vertreter des Gründerclans, der in einem ­Aktionärspool-Vertrag bis 2017 gebunden ist – den Auftritt gegen aussen überlassen und operativ gegen innen wirken. Gemeinsam hat das Führungstrio Supino/Kall/Tonini die Grossakquisitionen der Verlagshäuser Edipresse Schweiz («Le Matin», «24 heures») und Espace Media ­(«Berner Zeitung», «Der Bund») aufgegleist und finalisiert. Toninis ­Gesellenstück war die Expansion der Medienmarke «20 ­Minuten» in die Romandie. Als enge Vertraute im Tamedia-Konzern gelten Zeitschriften-Chef Christian Haberbeck und Konzernleitungsmitglied Andreas Schaffner. Beide kennt er aus ­gemeinsamen Ringier-­Tagen. Haberbeck ist wie Tonini gelernter ­Offsetdrucker.

Die Konkurrenten

Tonini gilt zwar als harter, aber angenehmer und verlässlicher Verhandler. Feindschaften sind ihm auch nach Abbau-Übungen auf den Tamedia-Redaktionen keine erwachsen. Mit Ringier-Chef Marc Walder war er kürzlich in New York, wo er mitLee Fixel, Managing Director von Tiger Global Investment, den Kauf der ­Internetplattform Jobs.ch realisierte. Während Ringier im Joint Venture mit Tamedia kooperiert, streitet man sich im Schweizer Immobilien­geschäft. Da ist Tamedia mit Homegate Marktführer, während ImmoScout24 (Ringier hält Scout24 Schweiz) knapp dahinter rangiert. Im News-Bereich kämpfen Blick.ch, 20 Minuten Online und Newsnet um Klicks. Einen weiteren Konkurrenten, «NZZ»-Chef Albert «Polo» Stäheli, kennt Tonini aus ­Tamedia-Zeiten. Nach dem Kauf der Berner Espace Media, damals von Stäheli fast im Alleingang geführt, wurde dieser in die ­Tamedia-Geschäftsleitung unter Kall einsortiert. Stäheli verliess Tamedia 2008 und heuerte bei der bürgerlichen Konkurrenz an der ­Zürcher Falkenstrasse an. Die beiden Verlage Tamedia und NZZ liefern sich auf der Suche nach Synergien einen Kampf um die unabhängige Schweizer Regionalpresse.

Die Hobbys

In der Freizeit steigt der stets gut gelaunte Jungdynamiker gerne aufs Surfbrett oder aufs Rennrad. Die Sommerferien verbringt er an dem von Surfern geschätzten Gardasee in Norditalien. Die vierköpfige ­Familie übernachtet jeweils unprätentiös im VW-Bus auf dem Campingplatz. Den Arbeitsweg ins Büro am Zürcher Stauffacher legt er meist auf seinem alten Rennvelo oder mit einem gebraucht gekauften Karbon­bike ­zurück. In den Mittagspausen schwitzt der Mann mit dem braunen Teint und den eleganten Koteletten ­neben einem Dutzend Tamedia-Mitarbeitern im firmennahen Fitnessstudio. Dieses Jahr hat sich der polyvalente Sportsmann für den Greifenseelauf, Disziplin Halbmarathon, angemeldet.

Die Karriere

Toninis Karriere war anfänglich wenig zielgerichtet. Nach einer Druckerlehre absolvierte er die Fachhochschule für Druck und Verpackung in Lausanne (ESIG). Weil ihn der familieneigene Druckbetrieb nicht reizte, heuerte er für zwei Jahre im Druck­geschäft der Hachette-Gruppe in Paris an. Anschliessend wechselte er zum Druck­betrieb ColorServ in Winterthur, der kurz darauf in der Druckerei Winterthur ­aufging. Letztere schnappte sich 2001 die Basler Mediengruppe unter Peter Sigrist. Zwei Jahre später griff Ringier zu. So landete Tonini, zuvor Finanzchef der Druckerei Winterthur, in der Ringier-Stabstelle Internal Audit. Als Konzernchef Martin Werfeli die ­interne Revision auslagerte, holte Ringier-Osteuropa-Chef Martin Kall den jungen ­Finanzexperten zu sich nach Budapest. Unter Kall stieg Tonini bis zum Finanzchef von Ringier Europa auf. Nebenher absolvierte er in St. Gallen ein MBA-Studium. Als Kall 2002 zu Tamedia wechselte, zog er Tonini als Finanzchef ins Boot. 2007 kürte er ihn zu seinem Stellvertreter; im Januar 2013 wird er ihn als Konzernchef beerben. Kall wechselt im Frühling in den Tamedia-VR.

Die Familie

Tonini stammt aus einer Kleingewerbefamilie, die aus Bozen im ­Südtirol nach Regensdorf ZH einwanderte. Vater Karl Tonini führte eine kleine Druckerei in Dielsdorf, die er vor ein paar Jahren ver­kaufte. Bruder Kurt arbeitete einst für Ringier, derzeit ist er Manager beim Touring Club Schweiz. Christoph Tonini ist ver­heiratet mit Monika Lukmann, einer ehemaligen Flight Attendant der Swissair, die heute noch in Teilzeit für die Swiss unterwegs ist. Nebenher führt sie eine kleine Firma zu Stil- und Auftritt­beratung. Tonini wohnt mit Frau und zwei Kleinkindern in einem Reiheneinfamilienhaus in Herrliberg ZH. Anfang 2010 bezog er ein halbjähriges Sabbatical und bereiste mit seiner Familie Neuseeland und Australien.

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