Als sie Ende Mai ihre Kandidatur für die Nachfolge von Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) bekanntgab, war niemand überrascht. Die französische Finanzministerin Christine Lagarde fällt ihre Entscheide pragmatisch, aber mit festem Fundament. Im ­Gegensatz zu vielen ihrer europäischen Finanzministerkollegen war ihr Management während der Finanzkrise tadellos. Die «Financial Times» zeichnete sie dafür sogar aus.

Wenn sie den Chefposten beim IWF erklimmen sollte, dann wird ihre Krisenfähigkeit aufs Neue getestet. Die Milliardenhilfen für die hoch verschuldeten EU-Staaten befürwortete sie stets. Zuletzt plädierte sie für den Ankauf von griechischen Staatsanleihen. Wie Präsident Nicolas Sarkozy will sie dem IWF mehr Macht verleihen und so eine Art Weltwirtschaftsregierung schaffen.

Lagarde ist eine überzeugte Europäerin, aber keine Bürokratin. «Ich bin zutiefst liberal», sagt sie über sich selbst – und weiss, dass sie damit in Frankreich aneckt. Genauso ­direkt macht sie Schweizer Politikern, die es überhaupt nicht hören wollen, klar, was sie vom Schwarzgeldgeschäft der hiesigen Banken hält: «Abschaffen!» Mit einem sympathischen Lächeln sagt sie jedem, was sie denkt.

Die Freunde

Nun sonnt sich der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy im Glanz seiner weltberühmten Finanzministerin. Doch abhängig 
von ihm ist Christine Lagarde keineswegs. «Wenn du willst, dass ich ­gehe, gehe ich sofort», stellte Lagarde Premier Sarkozy zur Rede, als ­Ablösungsgerüchte kursierten. Als Finanzministerin schockierte sie ihre Beamten, als eine Telefonkonferenz mit den wichtigsten EU-­Ministern organisiert werden sollte. «Ich mache das, ich habe alle Nummern in meinem Handy», sagte die resolute Chefin.

Ihr Kontaktnetz reicht bis nach China. So ist Lagarde mit dem ­Vize-Premierminister Wang Qishan befreundet, der in Peking in der Industrie- und Finanzwelt die Fäden zieht. In den USA zählt sie den Computerunternehmer Michael Dell zu ihren Freunden. Und in der Schweiz sitzt sie im Stiftungsrat des World Economic Forum (WEF), neben Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Uno-General­sekretär Kofi Annan und Nestlé-Präsident Peter Brabeck. Der Österreicher Brabeck lud sie 2007 zu den Salzburger Festspielen als Ehrengast ein. Und in ­Zürich kann sie auf den Staranwalt Urs Schenker zählen, mit dem sie seit ihren Anwaltsjahren bei der internationalen Kanzlei Baker & McKenzie befreundet ist. «Sie war der Chairman, der das höchste Ansehen bei uns genoss», schwärmt Schenker noch heute. Für eine weitere Amtszeit von Lagarde als Präsidentin hätten die Anwälte ­sogar ihre Statuten geändert.

Die Gegner

Atommanager Henri Proglio, der einflussreiche Vorsteher von Electricité de France (EDF), attackierte Lagarde jüngst heftig. Er ist mit seinem gros­sen Ego schon ­einige Male bei der «Iron Lady» aufgelaufen und deshalb nicht gut auf sie zu sprechen.

Die härteste politische Gegnerin hat Christine Lagarde naturgemäss in der Sozialistin Ségolène Royal,die zwar sehr für Frauenrechte eintritt, die IWF-Kandidatur Lagardes allerdings «sowohl politisch wie persönlich» für eine «sehr schlechte Sache» hält. Auch die Rechtsextremistin Marine Le Pen lässt kein gutes Haar an der Finanzministerin.

Zu den Intimfeinden Lagardes gehört auch Jean-Marc Ayrault, Fraktionschef der Sozialisten in der französischen ­Nationalversammlung, der gegen sie ein Gerichtsverfahren wegen Amtsmissbrauch anzetteln will. Die parteilose Ministerin 
hat aber auch in ihrem eigenen politischen Lager Feinde. Arbeitsminister Xavier Bertrand oder Budgetminister François ­Baroin schielen auf ihren Posten.

Die Frauen-Connection

Christine Lagarde ist keine Feministin. Doch sie vertritt die Rechte der Geschäftsfrauen mit Leidenschaft. Ihre engsten Kampfgenossinnen und Freundinnen sind Patricia Barbizet, VR-Vizepräsidentin beim ­PPR-Konzern (Pinault, Printemps, La Redoute, Puma u.a.), Dominique Hériard-Dubreuil, ­Direktorin des grossen französischen Getränkekonzerns Rémy Cointreau, und vor allem Anne Lauvergeon, Vorsteherin von Areva, dem weltgrössten Atomkonzern. Lau­vergeon unterstützt Lagarde immer wieder in innenpolitischen Auseinandersetzungen.

Die Karriere

In Paris hat Lagarde in den letzten drei Jahren nicht nur das Vertrauen der zwei mächtigsten Männer, Nicolas Sarkozy und Premierminister François Fillon,sondern auch deren Sympathie gewonnen. Das ist in Paris mehr wert als ein dickes Adressbuch – solange die beiden Politiker an der Macht sind. Sie kann in ihrer Heimat auf Förderer aus dem ersten Machtzirkel der Wirtschaft zählen, wie zum Beispiel den Industriekapitän Gérard Mestrallet, Chef des Energiekonzerns GDF Suez.

Lagarde wird in Frankreich auch dafür bewundert, dass sie nicht zu den hochnäsigen Karrieristen der Elitehochschule Ecole nationale d’administration (ENA) gehört. Sie ging ihren Weg über ein College in den USA, ein Praktikum beim republikanischen Abgeordneten William Cohenin Washington, der später Verteidigungsminister unter Bill Clinton wurde. Als ­solide Anwältin arbeitete sie in Chicago und Paris, dann als kosmopolitische Repräsentantin ihres Anwaltskonzerns ­Baker & McKenzie mit nahezu 4000 Mitarbeitern. Ihr 
Führungsinstrument war der Laptop.

Familien-Patchwork

An Lagarde lebt mit dem Marseiller Unternehmer Xavier Giocantizusammen. Wobei «zusammenleben» etwas viel gesagt ist: Ihr Kontakt beschränkt sich oft tagelang auf den Austauch von SMS. Giocanti ist 55, ein Jahr älter als Lagarde; sie kennen sich aus der Zeit ­ihres Jus-Studiums in Paris-Nanterre. «Wir waren uns sympathisch, aber nicht mehr», blickt Lagarde zurück. Beide gingen erst je eigene Wege, heirateten, ­hatten zwei Kinder – Lagardes Söhne Pierre-Henri (25) und Thomas Lagarde (23) studieren heute – und liessen sich scheiden. Als sich Christine und ­Xavier wieder ­trafen, war das «schon eher ein Coup de foudre», wie sie meint.

Anzeige
Anzeige