Auf den grossen Deal hat er lange gewartet. Mit Sarasin klappte es letzten Herbst nicht. Doch jetzt schafft Boris Collardi den Quantensprung: Der Kauf des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts von Merrill Lynch soll der Bank Julius Bär im günstigsten Fall in den nächsten Jahren bis zu 72 Milliarden Franken an neuen Kundengeldern bringen. Der Kauf und die Integration von Firmen sind das bevorzugte Spielfeld von Collardi. Auch wenn er Chef einer Privatbank ist, so ist er doch im Grunde kein Kundenbanker.

Was er kennt und was er kann, von seinen Zeiten als Stabschef bei der Credit Suisse her bis zu seiner – nicht zufällig als COO gestarteten – Karriere bei Bär, ist die ­interne Organisation. Das neu gekaufte Geschäft ist unprofitabel, die Kulturen sind verschieden, die Kundenberater unstet.

Die Sache zum Erfolg zu bringen, wird für Collardi zur Herkulesaufgabe. Viele glauben denn auch, er habe sich diesmal zu viel vorgenommen – allen voran die Aktionäre, die den Kurs der Bank in der Woche der Bekanntgabe um zehn Prozent nach unten schickten. Einen Klaps auf die Finger gab es ebenfalls: Zusätzliches Spielgeld von 250 Millionen «für künftige strategische Flexibilität» will ihm der VR nach «Reaktionen aus dem Aktionariat» nicht gewähren. Das Bezugsrechtsangebot wird auf die 500 Millionen für den Merrill-Lynch-Deal beschränkt.

Die Banken-Connection

Den obersten Mann kannte er bereits: Brian Moynihan, den mächtigen CEO der Bank of America, hat Collardi am World Economic Forum in Davos kennen gelernt. Als Moynihan Ende April auf die ­Suche nach einem Käufer für die Wealth-Management-Sparte seiner Tochter Merrill Lynch ging, griff er auf diesen Kontakt zurück. Die erste Stufe der Verhandlungen führte Collardi gleich mit Moynihan. Hauptgesprächspartner beim Deal war dann aber Dan Cummings, Chef der Sparte. Gregory Gatesman hat für die Amerikaner die Due Diligence koordiniert. Collardi ist von ihm so angetan, dass er ihn nun zu Julius Bär geholt und zum Chief Operating Officer gemacht hat.

Als einer der Ersten zum Deal gratuliert hat ihm Rainer-Marc Frey, ehemals Hedge-Fund-Pionier und heute UBS-Verwaltungsrat. Frey war früher selber in Diensten von Merrill Lynch. Freundschaftliche Kontakte pflegt Collardi mit CS-Präsident Urs Rohner, UBS-Chefjurist Markus Diethelm und UBS-Bereichschef Ulrich Körner, wie er ein Ex-CS-Mann. Eng ist sein Kontakt zu Patrick Odier, Präsident der Bankiersvereinigung – die beiden Westschweizer tauschen sich gerne über die Anliegen auf dem Zürcher Bankenplatz aus. Eher lose sind Collardis Bande zu den Granden der Wirtschaftspolitik. Nationalbank-Chef Thomas Jordan hat er noch nie getroffen. Für solche Kontakte war bei seiner Bank vor allem Raymond Bär zuständig, der sich diesen Frühling als Verwaltungsratspräsident zurückzog.

Die Gegenspieler

Mit Joachim Strähle, CEO der Bank Sarasin, wirkte Collardi einst zusammen im Private Banking der Credit Suisse. Dann aber kam es zum Machtgerangel zwischen Strähle und Alex Widmer, dem Mentor von Collardi bei der CS. Seither gilt das Vertrauen als getrübt. Als Bär 2011 um Sarasin warb, wehrte sich das Management ­unter Strähle gegen den Zusammenschluss. In der fusionierten Bank hätte die grös­sere Bär das Sagen gehabt und wohl auch den Chefposten bestellt. Konkurrent im Werben um Sarasin war die Raffeisenbank unter Pierin Vincenz, die den Aufbruch ins Private Banking suchte. Man respektiert sich, doch der polternde Vincenz und der geschmeidige Collardi sind sich im Grunde wesensfremd. Ins Visier genommen wurde Julius Bär im Steuerstreit mit den USA. Steuerbehördenchef Douglas Shulman gilt als unerbittlicher Kämpfer gegen Steuerflucht. Julius Bär gehört zu den elf Schweizer Banken, gegen welche die US-Behörden wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung und anderer Vergehen ermitteln.

Die interne Stosstruppe

Intern baut Collardi seine Macht stetig aus. Kennzeichen dafür ist eine grosse Truppe von Vertrauten, mit denen sich der CEO umgibt. Eine Schlüsselposition hat neu Nic Dreckmann als Leiter Integration inne. Ebenso wichtig ist der Amerikaner Gregory Gatesman als neuer COO. Der bisherige, Bernhard Hodler, konzentriert sich auf seine Aufgabe als Chief Risk ­Officer. Sacha Bodenehr leitet neu das CEO Office. Zwei Weggefährten aus alten CS-Tagen sind Yves Robert-Charrue, künftig für die externen Vermögensverwalter zuständig, sowie der als Chef von Clariden Leu gestrauchelte Olivier Jaquet, der für Robert-Charrue als Berater arbeitet.

Die Karriere

Karrieretreiber war sein Mentor Alex Widmer. Der Ex-Chef der Bank Julius Bär, der Ende 2008 aus dem Leben schied, machte Collardi schon in seiner Zeit als Private-Banking-Chef der Credit Suisse zu seiner rechten Hand. Als Widmer 2005 zu Bär wechselte, zog er seinen ehemaligen Stabschef nach – 2006 trat Collardi als COO ein. Schub bekommen hatte seine Karriere bei der CS im Jahr 2000, als ihn Ex-CS-Chef Oswald Grübel zum ­persönlichen Assistenten machte. Noch heute treffen sie sich regelmässig zum Lunch. Engen Kontakt hatte Collardi stets mit Raymond Bär, bis im vergangenen Frühling Präsident von Julius Bär. Auch mit dessen Nachfolger Daniel Sauter soll er ein gutes Einvernehmen haben. Allerdings ist der Kontakt ­loser als zu Zeiten Raymond Bärs, dessen Präsenz in der Bank stärker war und der ein Bindeglied zu den Kunden herstellte. Ein Vertrauter im Verwaltungsrat war auch Peter ­Küpfer, der wie Bär jüngst ausgeschieden ist.

Die Familie

Seine Frau Cherin Collardi-Wong stammt aus Singapur. Sie ist ebenfalls Private Bankerin. Die beiden lernten sich bei der Credit ­Suisse in Asien kennen. Cherin war Beraterin im Indonesien-Team, Boris Projektleiter. Das Paar ist kinderlos. Vor ihrer Zeit bei der CS war sie Kundenbetreuerin bei Goldman Sachs, später beim Vermögensverwalter Dara Capital in ­Zollikon ZH. Heute kümmert sie sich vor allem um die Verwaltung der persönlichen Assets. Aufgewachsen ist Collardi in Nyon. Sein Vater emigrierte ­Anfang der siebziger Jahre aus Süditalien in die Schweiz und arbeitet als Verkaufsleiter. Seine Mutter, eine Journalistin, ist Genferin mit italienischen Wurzeln. Collardi spricht flies­send Fran­zösisch, Italienisch, Englisch und Deutsch.

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