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Machtnetz von Aymo Brunetti: Der Denkakrobat

Aymo Brunetti.

Aymo Brunetti, ehemaliger Chefökonom des Bundes, soll die bundesrätliche Strategie für den Finanzmarkt vorantreiben. Und das ohne Branchenvertreter.

Von Ueli Kneubühler
12.04.2013

Ob ihm seine Funktion behagt? Da beauftragte das Finanz­departement im Dezember eine Expertengruppe zum strate­gischen Denken über den Finanzplatz, just fünf Tage bevor der Bundesrat seinen Bericht zur Finanzmarktpolitik vorstellte. Das ist eher eigenartig. Aymo Brunetti, langjähriger Chef­ökonom des Bundes, seit einem Jahr Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie an der Universität Bern, leitet nun auf Wunsch von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf besagte Expertengruppe, der der Gesamtbundesrat die Zustimmung verweigerte und die schon vor Denkbeginn Schelte einstecken musste. Der 50-jährige Brunetti, er gilt als nüchterner und sachlicher Analytiker, führt eine Behördengruppe ohne Branchenvertreter.

Ob Widmer-Schlumpf über das Gremium die Weichen hin zum automatischen Informationsaustauch stellen will? Zumindest sei das kein Tabu mehr, sagte sie unlängst. Und nun distanzieren sich auch noch die letzten Verbündeten von der Schweiz. Luxemburg hat sich eben vom Bankgeheimnis verabschiedet, Österreich dürfte folgen. Brunetti enthält sich «angesichts der Brisanz der Themen» eines Kommentars. Es gibt noch viel zu diskutieren. Im April oder Mai bittet die Expertengruppe die Branchenvertreter an den Tisch. Mitte Jahr soll der Bericht vorliegen.

Die Freunde

Brunetti ist wenig vernetzt in der Wirtschaft, aber umso stärker in der Berner Verwaltung. Engen Kontakt pflegte er mit Staatssekretär Michael Ambühl. Die beiden sassen viele Jahre in der Geschäftsleitung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Gut verstand er sich auch mit seiner Chefin, Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, und deren Vorgänger, dem heutigem CS-VR Jean-Daniel ­Gerber. Das Heu auf der gleichen Bühne hatte er mit Nationalbankpräsident Thomas Jordan und dessen Vorgänger Philipp Hildebrand wie auch mit Fritz Zurbrügg, Ex-Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung und heutiges Direktoriumsmitglied der Nationalbank. Manchmal sprühten die Funken, wenn der «neoliberale» Brunetti auf den ehemaligen Gewerkschafter Serge Gaillard traf. Persönlich versteht er sich mit dem heutigen Chef der Finanzverwaltung aber gut. Ausgangspunkt für Brunettis Karriere sind das Studium und die ­Assistenztätigkeit in Basel unter Wirtschaftsprofessor Silvio Borner. Aus diesem Kreis entstanden Freundschaften mit Eric Scheidegger, seinem Nachfolger als Seco-Chefökonom, dem Wirtschaftsprofessor Rolf Weder und mit Beatrice Weder di Mauro. Heute sitzt diese in den Verwaltungsräten von UBS und Roche. Anfang der neunziger Jahre reiste sie mit Brunetti und Borner für Forschungsprojekte nach Nicaragua. Wichtig für Brunetti ist auch Peter Egger, in dessen Hep Verlag er seine zahlreichen Lehrbücher publiziert.

Die Karriere

Mit 36 heuerte Brunetti beim Bund an. Maximal zwei Jahre wollte er im Staatsdienst bleiben. Doch erst 13 Jahre später wechselte er letztes Jahr wieder ins akademische Fach: als Professor an die Universität Bern unter Rektor Martin Täuber. Im März 1999 stiess Brunetti zum Seco, erst als Vizedirektor des Bundesamtes für Wirtschaft und Arbeit, ab Juli in der Geschäftsleitung des Seco. 2003 stieg er unter dem ­damaligen Seco-Chef David Syz zum Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik auf, wo er bis 2012 blieb. In seiner Zeit führten die Bundesräte Pascal Couchepin, Joseph Deiss, Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann das zuständige Volkswirtschaftsdepartement. Eng war die Zusammenarbeit auch mit Walter Thurnherr, unter Leuthard Generalsekretär im Volkswirtschaftsdepartement. Lanciert hatte Brunetti seine Karriere an der Universität Basel. Dort studierte er bei Silvio Borner Nationalökonomie, doktorierte 1992 und habilitierte sich 1996. 1994/95 verbrachte er ein Jahr in Harvard, gleichzeitig mit dem heutigen Nationalbank-Präsidenten Thomas Jordan. Später war er Lehrstuhlvertreter an der Universität Saarbrücken, wo er eng mit Christian Keuschnigg zusammenarbeitete. Dieser lehrt heute an der Universität St. Gallen und führt das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Die Familie

Trotz seiner langen Berner Karriere ist Brunetti nie in die Hauptstadt übergesiedelt. Er wohnt mit seiner Frau ­Corinna und den zwei Kindern in Biel-Benken BL und pendelt täglich nach Bern. Aufgewachsen ist er in ­Reinach BL, gerade mal sechs Kilomter entfernt von seinem heutigen Wohnort. Brunetti arbeitet zwar viel. Aber er gab sich immer Mühe, alle Ferien zu beziehen und an Wochenenden wenn möglich nicht zu arbeiten. «Leider klappte das nicht immer», sagt er. Seinen Job gleicht Aymo Brunetti mit Sport aus. In früheren Jahren war er ambitionierter Volleyballer. Mit Reinach schaffte er es ­immerhin in die 1. Liga interregional. Wenn die Zeit reicht, spielt er Tennis. Ausserdem mag er ein gutes Glas Wein und gutes Essen. Und er liest. Aber vor allem schreibt er. Brunetti verfasste zahleiche Bücher, darunter das Lehrbuch «Volkswirtschaftslehre». Dieses habe er nur geschrieben, weil er kein passendes Buch für seine Vorlesungen gefunden habe. Denn «eigentlich schreibe ich nicht wirklich gerne».

Die Gegenspieler

Der parteilose Brunetti stand in seiner Zeit im Seco für liberale Positionen. In die Kritik geriet er kaum, er vertrat die Interessen des Bundesrates und nicht seine persönlichen. Verleugnet habe er sich nicht, «aber man hat ­einen Filter im Kopf», sagt er. Der Filter hinderte den früheren Preisüberwacher Rudolf Strahm nicht daran, sich auf Brunetti einzuschiessen. SP-Mann Strahm kanzelte den Seco-Direktor für Wirtschaftspolitik als «neoliberalen Dogmatiker ohne praktische Erfahrung» ab, der «mit ökonomischen Modetheorien unzählige Rechtfertigungsgründe für das Nichtstun» liefere. Wer nach dem Staat schreit, der ist Brunetti suspekt. Forderte Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, staatliche Interventionen, sträubten sich Brunetti die Nackenhaare. Nicht anders erging es ihm, als etwa Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann eine Zwei-Milliarden-Franken-Hilfe auf die Export- und Tourismusbranche niedergehen lassen wollte. Auch «gewisse Positionen» des Bauernverbands mit dessen einstigem Präsidenten Hansjörg Walter goutierte er nicht. Persönlich bezeichnet er Walter aber als «guten Typ».

Die Finanzplatz-Experten

Im Seco gehe mit Brunettis Abgang das ökonomische Gewissen verloren, trauerte ihm die Verwaltung beim Weggang nach. Ein solches war schon bald wieder gefragt: im Finanzdepartement. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf setzte den Professor der Uni Bern an die Spitze einer Expertengruppe, um «Grundlagen zur Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie des Bundes zu erarbeiten». Im Behördengremium sitzen Serge Gaillard, Chef der Finanzverwaltung, der ­Zürcher Professor Urs Birchler, SNB-Vizepräsident Jean-Pierre Danthine, Brunettis Nachfolger Eric Scheidegger oder der Ex-Chef der Eidgenössischen Bankenkommission Daniel Zuberbühler.

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