1. Home
  2. People
  3. Corinne Mauch: In USA steuerpflichtig

 
Corinne Mauch: In USA steuerpflichtig

Corine Mauch

Corine Mauch, Stadtpräsidentin von Zürich und erste Botschafterin der Schweizer Wirtschaftsmetropole, sucht noch immer ihre Rolle. Als Schweizerisch-Amerikanische Doppelbürgerin reicht sie jährlich in Amerika eine Steuererklärung ein.

Von Stefan Barmettler
28.06.2011

Die Chief Executive der mächtigsten Schweizer Stadt – Budget: acht Milliarden Franken – ist der personifizierte Widerspruch. Die SP-Politikerin ist oberste Repräsentantin eines Finanzplatzes mit globaler Strahlkraft, doch seit Jahren ist sie eine beherzte Kritikerin des Bankgeheimnisses. Sie sitzt ex officio im Verwaltungsrat des Flughafens Zürich, doch die Verfechterin der 2000-Watt-Gesellschaft fliegt sehr ungern und sehr selten. Sie sollte als oberste Standortpromoterin das lokale Gewerbe fördern, doch bei Treffen mit Wirtschaftsexponenten der Stadt reicht sie das Wort oft ziemlich schnell an FDP-Finanzchef Martin Vollenwyder, eine eloquente Saftwurzel, weiter. Und während ihr Vorgänger, der umtriebige SP-Exponent Elmar Ledergerber, mit Telefonaten in die Chefetagen der Zürcher Firmen verhinderte, dass Sponsoringgelder aus der Stadt abflossen, gehen Mauch diese persönlichen Kontakte und das beherzte bis dreiste Zupacken noch ab.

Ungleich wohler als unter Krawattenträgern fühlt sie sich bei ihrer Peer Group – Verkehrsexperten, Drittwelt-Aktivisten, SP-Mitgliedern, Kunsttätigen, Gay-Pride-Besuchern. Eine weitere Herausforderung: Bei Amtsantritt im Jahr 2009 brachte die heute 51-Jährige null Exekutiverfahrung mit. Heute leitet sie ein buntes ­Departement mit über 500 Mitarbeitenden.

Die Freunde

Exponenten der Wirtschaft gehören nicht zur engeren Entourage der obersten Repräsentantin der Schweizer Wirtschaftsmetropole. Ausnahmen sind Versicherungsberater János Blum,SP-Mitglied und Beirat der Zürcher Kantonalbank, sowie Walter Kielholz, VR-Präsident der Swiss Re. Mit ihm sitzt sie von Amtes wegen im Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft, Betreiberin des Kunsthauses Zürich.

Ansonsten ist sie in der linken Polit- und Umweltszene beheimatet, die der Wirtschaft bisweilen das Leben schwer macht. Seit 20 Jahren wirkt sie im Vorstand der Erklärung von Bern (EvB), die gegen das Bankgeheimnis und für Solidarität mit der Dritten Welt kämpft. Bis zu ihrer Wahl in die Zürcher Exekutive war sie EvB-Vize unter ­Präsident Michael Herzka;nun ist sie einfaches Vorstandsmitglied.

Mauchs wichtigste Ansprechpartnerin wird ab Herbst die Juristin Michèle Kathriner,die neue Departementssekretärin im Präsidialamt wird. Die 57-Jährige ist derzeit Generalsekretärin im Bildungs­departement des Kantons Zug. Als zweiter Departementsekretär wirkt ­Pius Landolt,zuständig für Personal und Finanzen.

Diffizil ist das Verhältnis zu Amtsvorgänger Elmar Leder­gerber. Der ehemalige SP-Nationalrat gilt als Über-Verkäufer von sich selber und von «Downtown Switzerland», wie sich Zürich nennt. Die bei ­öffentlichen Auftritten noch unsichere Mauch konnte sich ­bislang nicht aus seinem Schatten lösen. Ledergerber hatte 1975 zusammen mit Mauchs Eltern die Beratungsfirma Infras gegründet.

Die Gegner

«Ich bin keine Rampensau», sagt Mauch über Mauch. Zum Leidwesen der lokalen Medien, allen voran des «Tages-Anzeigers», der sie als «knochentrocken» beschrieb. Nach medialen Miss­tritten lässt sich Mauch «hin und wieder» von externen Kommunikationsfachleuten beraten. ­Einer der grösseren Fauxpas war es, als sie daherplauderte, sie erlebe täglich Momente, in ­denen sie die Wahl zur Stadtpräsidentin bereue. Eine Steilvorlage für die politische Konkurrenz. Scharf schiesst Mauro Tuena, SVP-Fraktionschef im Zürcher Gemeinderat, besonders in der Verkehrspolitik, einem Steckenpferd von Mauch. Tuena wirft ihr vor, Verkehrsprobleme mit «Verboten, Bussen, Pfosten und hässlichen Betonelementen» zu lösen.

Für die damalige FDP-Stadträtin Kathrin Martelli war bitter, dass ihr die SP-Fraktionschefin den Stadtpräsidentenposten­(Jahressalär: 244 000 Franken) wegschnappte. 2009 verlor Martelli die Stichwahl – und trat bald aus der Politik zurück. Attestiert wird Mauch selbst von ihren Gegnern, dass sie in den Details sattelfest, verlässlich und lernfähig sei. So schrieb die Kritikerin überrissener Managerlöhne letzten Dezember Dankesbrieflein. Adressaten: Millionäre, die über 250 000 Franken an den Fiskus abliefern.

Die US-Connection

Mauch hat zwei Pässe: einen schweizerischen und einen amerikanischen. Dank ihrer Geburt in den USA ist sie Doppelbürgerin. Entsprechend ist sie auch in den USA steuerpflichtig und reicht jährlich, wie sie ­bestätigt, bei der US-Steuerbehörde IRS eine Steuererklärung ein. Die Politikerin gibt sich gerne interna­tional. Sie plädiert für einen EU-Beitritt und widmet sich intensiv Städtenetzwerken, darunter dem ­Covenant of Mayors, der sich in Energieeffizienz austauscht, oder den Euro­cities, einer Plattform von 140 europäischen Städten. Weiter pflegt sie Kontakt mit den Bürgermeistern der Partnerstädte Kunming (Zhang Zulin) und San Francisco (Edwin Lee).

Die Karriere

Mauch studierte an der ETH Zürich Agrarökonomie und absolvierte ein Nachdiplomstudium in Politik und Verwaltungswissenschaften in Lausanne, wo sie auch eine Dissertation begann. Von 1986 bis 1989 arbeitete sie bei der Beratungsfirma Infras, dann war sie Abfall- und Umweltbeauftragte von Uster, was ihr den Namen «Frau Büchs» eintrug. Anschlies­send war sie Oberassistentin am Geografischen Institut der ETH und Leiterin der Geschäftsstelle bei der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft für Umweltforschung und Öko­logie. 2002 bis 2008 verfasste sie für die Luzerner Politikberatungsfirma Interface Studien zu Mobility Pricing oder zum Schutz von Trockenwiesen. Ab 2008 arbeitete sie im 70-Prozent-Pensum bei der Verwaltungskontrolle der Bundesversammlung in Bern, einer Fachgruppe, welche die Wirksamkeit von Politentscheiden misst. Im Intercity Zürich–Bern traf sie oft Parteikollege Moritz Leuenberger, der seine Karriere wie sie – und wie Elmar Ledergeber oder Christine Goll – in der SP des Zürcher Stadtkreises 6 lancierte.

Die Familie

Corine Mauch stammt aus einer Familie der exakten Wissenschaften. Mutter Ursula Mauch war Chemikerin und sass für die SP des ­Kantons Aargau im Nationalrat (1979–1995). Vater Samuel Mauch ist Ingenieur und studierte in den USA. Corine wurde in der Univer­sitätsstadt Iowa City geboren. Sie hat zwei jüngere Brüder. Einer ist ­Architekt, der andere ETH-Ingenieur und Gründer der SAP-Beratungsfirma Thinklab Consulting. Ihre ­Jugend verbrachte die Politikerin aus protestantischem Haus im katholischen Oberlunkhofen AG.

Seit Jahren ist sie mit der Musikerin/Musikorganisatorin Juliana Müller liiert. Mauch, «La rockeuse de Zurich» («24 heures»), spielte Bass in Frauenrockbands.

Anzeige