Als in ganz Europa die Börsenallianzen angekündigt wurden, befürchteten viele die Marginalisierung der Schweizer Börse SWX. Sie wäre zwar mit ihrem Trumpf, den weltweit stark beachteten Bluechips, überall willkommen gewesen. Doch Antoinette Hunziker-Ebneter, die Chefin der SWX, schlug die Einladungen, im einen oder anderen Verbund mitzumachen, aus. Sie war nicht bereit, die europaweit beste technologische Handelsplattform nur auf Grund des Drucks von aussen preiszugeben. Zur weiteren Zukunft der SWX hielt sie sich bedeckt. Kritiker interpretierten ihr Schweigen als Orientierungslosigkeit. Doch im Hintergrund hatte Hunziker die Fäden längst gesponnen. Inzwischen sind die Kritiker verstummt, denn die Schweizer Börse baut mit der Londoner Tradepoint die vollelektronische und vollintegrierte Börse Virt-x für europäische Bluechips. Und die hat das Zeug, den angekündigten Börsenallianzen London–Frankfurt und Paris–Brüssel–Amsterdam ein Schnippchen zu schlagen.

Die Begeisterung über den Schachzug, zusammen mit Tradepoint ein grenzüberschreitendes virtuelles Unternehmen zu bauen, steht der neuen Virt-x-Chefin ins Gesicht geschrieben. «Etwas Neues zu verwirklichen, ist in der Regel einfacher, als Bestehendes miteinander zu fusionieren», sagt Hunziker. Virt-x wird denn auch als erste der angekündigten europäischen Handelsplattformen starten. Auf Grund des Zeitvorsprungs auf die Konkurrenz und angesichts der potenten Tradepoint-Aktionäre – unter anderem acht namhafte Investmentbanken – hofft sie auf hohe Handelsvolumen. Denn die werden entscheiden, ob Virt-x im Bluechip-Handel die Nase vorn behält.

Die Geburtshelfer
Bei Virt-x wird Jörg Fischer, Präsident der SWX und Chef der Vontobel-Gruppe, zwar ins zweite Glied zurücktreten. Doch dass die SWX überhaupt zu diesem zukunftsgerichteten Befreiungsschlag ansetzen konnte, ist in wesentlichen Teilen Fischers Verdienst. Schon 1992 war ihm klar, dass ein elektronischer Börsenhandel in mehreren Währungen möglich und mit der Abwicklung verknüpft sein müsste. Mit der Einführung der elektronischen Börse EBS 1996 wurden diese Kriterien in der Schweiz erfüllt. Damit war auch der Grundstein zur schnellen Verwirklichung von Virt-x gelegt. Antoinette Hunziker und Jörg Fischer zählen wie schon beim Zusammenschluss der Soffex mit der Deutschen Terminbörse zur Eurex auf die Dienste von Wirtschaftsanwalt Peter Nobel. Schnell handelseinig war sich Antoinette Hunziker mit Richard Kilsby, dem Leiter der elektronischen Börse Tradepoint. Kilsby, der potente Investmentbanken im Rücken hat, konnte mit seiner bislang nur auf britische Wertpapiere beschränkten elektronischen Börse noch nicht so recht abheben. Die Kombination mit der SWX-Technologie hingegen eröffnet neue Wege. Kilsby wird bei Virt-x Vizepräsident.

Die Grosskunden
 Entscheidend über Erfolg oder Misserfolg ist das Volumen, das Virt-x dereinst bündeln kann. Hunziker hat deshalb die Bedürfnisse der Investmentbanken ausgelotet. Im Sommer letzten Jahres führte sie Gespräche mit UBS-Warburg-Chef Markus Granziol, der sie ermutigte, die SWX-Plattform auf europäisches Niveau zu heben. In die gleiche Kerbe schlugen Walter Berchtold, Managing Director bei der Credit Suisse First Boston, E-Broker wie Janusch Raft von Instinet oder Vertreter von Charles Schwab. Dass die Schweizer Grossbanken im Investmentbanking zu den renommierten Instituten gehören, bezeichnet Hunziker als Glücksfall. Mit in der Kerngruppe waren auch die beiden US-Häuser Morgan Stanley Dean Witter und Merrill Lynch. Bei Merrill Lynch war Sergio Ermotti, Head of Equity Markets Europa, Naher Osten und Afrika, Hunzikers Ansprechpartner.

Der Haefliger-Clan
Weit verzweigt ist der Haefliger-Clan. Michael ist der Sohn des Tenors Ernst Haefliger, der trotz seinen 80 Jahren noch Meisterkurse in Japan und den USA gibt. Mutter Anna Hadorn Haefliger stammt aus der Bernburger Familie Hadorn. Der jüngere Bruder Andreas Haefliger ist Pianist und lebt in New York, Schwester Christina Marecek ist mit dem Schauspieler Heinz Marecek in Wien verheiratet. Zu Russland hat Michael Haefliger, der Russisch spricht, engen Kontakt. Er ist mit der russischen Pianistin Irina Nikitina, der Intendantin des Festivals Musical Olympus in St. Petersburg verheiratet, die zurzeit an der Universität in Moskau ein MBA-Studium absolviert. Jüngste im Clan ist die neunjährige Tochter Annika, die in Zug die Schule besucht.

Der Konkurrenten
«Willkommen im Klub», begrüsste der Schweizer Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, die SWX, als sie die Kooperation mit Tradepoint ankündigte. Während Hunziker eine neue Firma baut, kämpft Seifert mit den Tücken einer Fusion. Gute Beziehungen pflegt Antoinette Hunziker zu Jean-François Théodore, dem Präsidenten der Pariser Börse. Anerkennung hat Hunziker von den Börsenchefs in Italien und Spanien geerntet. Im Powerplay um die Bündelung der Liquidität an den Börsen werden aber auch die US-Wertpapiermärkte mitspielen. Frank Zarb, der Chef der Nasdaq, hat mit dem Verbund London–Deutschland angebandelt. Und die New York Stock Exchange will es mit acht Parkettbörsen in Europa, Lateinamerika, Kanada und Japan versuchen.

Die Berner-Connection
Bundesrat Kaspar Villiger und sein Finanzdepartement dürften dafür mitverantwortlich sein, dass Jörg Fischer und Antoinette Hunziker nach neuen Lösungen gesucht haben. Der Börsenstempel auf dem Handel mit Wertpapieren hat jährlich knapp zwei Milliarden Franken in die Bundeskasse gespült. Eine Abschaffung dieser lukrativen Einnahmequelle stand trotz intensivem Lobbying lange Zeit nicht zur Diskussion. Das hat die SWX massiv Handelsvolumen gekostet, denn auch die Schweizer Investmentbanken fühlten sich frei, den Stempel zu umgehen, indem sie den Handel von Schweizer Aktien nach London verschoben. Villiger wurde früh über das Virt-x-Vorhaben informiert. Intensiven Kontakt pflegte Antoinette Hunziker auch zu Konrad Stocker von der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Gleichzeitig sicherte sie sich in Gesprächen mit Franz Stirnimann die Unterstützung des Vorhabens durch die Eidgenössische Bankenkommission.

Die Vernetzer
Dass die Technologie der SWX heute als führend gilt, ist einerseits das Verdienst von Informatikchef Jürg Spillmann und seiner Crew. SWX-Präsident Jörg Fischer hat stets Wert auf ein solides IT-Know-how gelegt. Andererseits konnte Hunziker schon in den Verhandlungen mit Tradepoint voll auf die Rückendeckung der schweizerischen Clearing- und Settlement-Organisation zählen. Dass mit einem einzigen Mausklick Handel, Clearing und Abwicklung bewerkstelligt werden können, macht die Effizienz des Systems aus. Christoph Ammann, VR-Präsident der SIS SegaInterSettle, ist Mitglied der Geschäftsleitung der Credit Suisse Private Banking und hat so auch wichtiges Know-how von Seiten der Banken eingebracht. SIS-Chef Heinz Häberli verhandelte gleichzeitig mit der Londoner Crest, die dort für das Settlement zuständig ist. Auch mit den anderen europäischen Clearingorganisationen wird eine Anbindung an Virt-x angestrebt.
Anzeige
Anzeige