Als die Uhr zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ihren Weg aus der Tasche heraus fand und fortan ums Handgelenk gebunden wurde, stempelte die Fachwelt von damals die ersten Armbanduhren als Modetorheit und Verirrung des Geschmacks ab, und zwar des weiblichen. Tatsächlich setzte sich damals die neue Art, eine Uhr zu tragen, zuerst und vor allem bei den Frauen durch.

In den folgenden Jahrzehnten profitierten die Damenmodelle von allen Entwicklungen in der Uhrentechnik der Herrenmodelle mit. Und als in den siebziger Jahren das Quarzwerk die Uhrenindustrie revolutionierte, eroberten diese supergenauen und praktischen batteriebetriebenen Uhrwerke natürlich auch die Zeitmesser für Frauen, doch von da an war es aus mit der gemeinsamen Geschichte der weiblichen und männlichen Ticker. Denn die Ende der achtziger Jahre einsetzende Renaissance der mechanischen Armbanduhr war die grosse Passion eines rein männlichen Publikums.

Damenuhren werden inzwischen zigmillionenfach mit Quarzwerken bestückt, die in der Herstellung einfach und billig sind, genauestens arbeiten, nicht Tag für Tag aufgezogen oder kontinuierlich bewegt werden müssen. Da die Kundinnen damit glücklich schienen, waren es auch die meisten Hersteller. Doch in den neunziger Jahren wagten immer mehr Uhren-Aficionadas zu murren, es gebe zu wenig Damenuhren mit mechanischen Werken. Und heute? Kein Zweifel, in der Branche tut sich etwas.

Bis vor kurzem gab sich die vornehmste aller Marken, Patek Philippe, in Bezug auf Damenuhren mit Mechanik recht zurückhaltend. «Unsere Damen verlangen Quarzuhren», tönte es kategorisch aus dem noblen Haus. «Mechanik ist kaum gefragt. Nicht einmal fünf Prozent der Damenmodelle rüsten wir damit aus.» Nun bietet das edle Genfer Haus jedoch, «um dem wachsenden weiblichen Interesse an mechanischen Meisterleistungen zu entsprechen», in diesem Jahr mit der Réf. 4936 eine Damenausführung seines 1996 patentierten Jahreskalenders an. Ein wenig kleiner als das Herrenmodell, ausgestattet mit Diamanten und Perlmutt, zeigt dieser neue Zeitmesser den typischen Weg auf, den der Mechaniktrend bei Damenuhren zurzeit nimmt.

Für die Traditionsmarke Jaeger-LeCoultre in Le Sentier liegt es auf der Hand, dass sie ihre Damenuhren mit Mechanik ausrüstet. Als echte Manufaktur, die alle ihre Uhrwerke selber bauen kann, schöpft sie aus dem Vollen. Bei vielen der bekannten Reverso-Wendeuhren lässt man der Kundin die Wahl, ob sie ihre Uhr quarzgesteuert oder mit einem Mechanikwerk ausgerüstet haben will. In der Regel kostet die Mechanik gut zwölf Prozent mehr. Auch bei der jüngsten Damenkollektion Idéale werden Quarz- und Mechanikvarianten angeboten.

Auch in den modischen Damenmodellen von Zenith ticken mechanische Werke aus dem eigenen Haus, das flaches Elite und der Chronograph El Primero. Nach der Übernahme der Marke durch den LVMH-Luxusgüterkonzern vor ein paar Jahren hat CEO Thierry Nataf der langsam etwas verstaubten Sammlermarke in kürzester Zeit ein Top-Lifestyle-Image verpasst und die Kundschaft konsequent ausgewechselt. Dazu gehören nun auch Frauen, die Uhren mit sehr femininer, verspielter Schale wünschen, deren Kern allerdings nicht banal sein sollte, die Golden Star zum Beispiel. Weniger interessieren dürften diese neuen Kundinnen jedoch Zeitmesser wie etwa die kürzlich vorgestellte Starissime, ein mit Diamanten beladenes Vorzeigestück, das mit einem Tourbillon und einem Preisetikett von 350 000 Franken versehen wurde.

Dank der eigenen Uhrwerkmanufaktur kann auch Girard-Perregaux ihre Damenuhren grosszügig mit mechanischen Werken ausstatten. Die Produktion der unabhängigen, exklusiven Edelmarke im neuenburgischen La Chaux-de-Fonds umfasst 76 Prozent Herrenuhren und 24 Prozent Damenuhren. Von den Letzteren sind 90 Prozent mit hauseigenen Mechanikwerken ausgerüstet, und lediglich in 10 Prozent ticken Quarzwerke.

Der «Männermarke» aus La Chaux-de-Fonds ist es ganz besonders gut gelungen, ihre Damenkollektion ausgesprochen feminin zu gestalten und mit spielerischen Details zu versehen. Jüngstes Beispiel ist die Cat’s Eye, die im November mit dem Grand Prix d’Horlogerie de Genève für die schönste Damenuhr des Jahres ausgezeichnet wurde. Spätestens beim Betrachten des emsig arbeitenden Uhrwerkes, das durch den gläsernen Gehäuseboden möglich ist, werden auch diejenigen Käuferinnen schwach, die bislang für die Herrenmodelle von Girard-Perregaux geschwärmt haben.

Auch viele kleinere Marken oder solche mit wenig Damenuhren-Anteil springen auf den anfahrenden Zug auf. Mit dem folgenden Dutzend sind längst nicht alle aufgezählt, aber die unterschiedlichsten: Maurice Lacroix, Bulgari, Vacheron Constantin, Delaneau, Glashütte Original, Hermès, de Grisogono, Hublot, Harry Winston, Franck Muller, Cartier, Milus. Einige davon haben sich gar mit den neuerdings billiger und leichter auf dem Markt zu findenden Tourbillons eingedeckt und bauen auch diese in Damenmodelle ein.

Nicht als Ausrede für fehlende Mechanik-Damenuhren eignet sich die Begründung, es sei aus Platzgründen einfacher, kleine, zierliche Schmuckuhren mit Quarz zu bestücken. Wahre Könner beweisen das Gegenteil. So die reizende, mehrfach ausgezeichnete Reine de Naples von Breguet – ein Zeitmesser mit historischem Hintergrund und einem Handaufzugwerk von Breguet/Lemania. Oder die Diamantissimo von Audemars Piguet: Das winzige Zifferblatt lässt sich unter der glitzernden Diamantenpracht bloss erahnen; in der einzigartigen neuen Schmuckuhr tickt das hauseigene Handaufzugwerk AP 2046. Und in dieses Kapitel gehört natürlich auch die legendäre Reverso Rivière von Jaeger-LeCoultre mit dem kleinsten jemals in Serie produzierten mechanischen Uhrwerk der Welt.

Blancpain nimmt eine Sonderstellung ein, weil dieser Hersteller zu den wenigen gehört, die nie Quarzwerke in ihre Uhren eingebaut haben. Als Marketing-Ass Jean-Claude Biver im Jahr 1982 Blancpain übernahm, erstreckten sich seine Ambitionen als Protagonist der Mechanik-Renaissance natürlich auch auf das Damenprogramm. So präsentierte er schon 1984 als Weltpremiere eine Mondphasen-Damenarmbanduhr mit vollständigem Kalendarium und automatischem Aufzug. Kurz darauf folgte ein Uhrenmodell mit Minutenrepetition, das flachste Werk mit einer solchen Komplikation, welche die Stunden, Viertelstunden und Minuten schlagen kann. Und bei Blancpain bleibt man sich selber treu: Im neuen Damenmodell Villeret zum Beispiel, das mit fünf auswechselbaren Armbändern im Angebot geführt wird, arbeitet ein ultraflaches Mechanikwerk mit automatischem Aufzug.

Ganz anders stellt sich die Frage rund um Mechanik-Damenuhren bei einer Uhrenmarke wie Baume & Mercier, die keine Manufaktur-Ambitionen hegt, jedoch eine Produktion von jährlich ungefähr 200 000 Uhren auflegt. 50 Prozent davon sind Damenmodelle, deren Anteil mittelfristig gar auf 60 bis 65 erhöht werden soll. Alle sind mit Quarz ausgerüstet. Aber selbst Michel Nieto, CEO von Baume & Mercier, gibt zu verstehen: «Seit sechs oder sieben Jahren ist ein leichter Trend zur Mechanik in Damenuhren wahrnehmbar, auch ich werde prüfen, ob wir wenigstens einige Modelle entsprechend ausrüsten wollen. Bei unserer hohen Produktion wird es sich bei diesem Angebot allerdings mit Sicherheit immer lediglich um eine winzige Nische handeln.»

Nochmals ein anderes Verhältnis zur mechanischen Damenuhr hat Piaget, wo man sich nicht nur auf die Uhrmacherei versteht, sondern von jeher auch auf die Künste als Juwelier stolz ist. Ganze 90 Prozent der Damenmodelle sind Quarzuhren. Nicht dass man es nicht besser verstünde: In der Manufaktur in La Côte-aux-Fées wurden schon vor fünfzig Jahren mit den Kalibern 9 P und 12 P exklusive, besonders flache Mechanikwerke für Damenuhren hergestellt. Heute hat man unter anderem die extraflache Herrenkollektion Altiplano äusserlich feminisiert und bietet sie für Damen an, ausgerüstet mit dem mechanischen Handaufzugwerk 430 P. Der CEO von Piaget, Philippe Léopold-Metzger, betont, dass er ein zunehmendes Interesse an mechanischen Damenuhren feststellt, interessanterweise insbesondere in Asien. «Wir nehmen zwar nicht an, dass sich die Nachfrage dramatisch ändern wird, aber auf eine steigende Tendenz bereiten wir uns vor.» Léopold-Metzger weist allerdings auch darauf hin, dass Frauen bei Piaget schon immer auch unter den Herrenmodellen fündig geworden seien. «Ich denke da zum Beispiel an die prächtige diamantenbesetzte Emperador, die bei den Damen sehr begehrt ist.»

Ins gleiche Horn bläst Stephen Urquhart von Omega. Zwar ist das Angebot an mechanischen Damenmodellen, meist Automaten, mit rund 40 Prozent bei der Bieler Marke sehr hoch, und dieser Tradition des Hauses gehorchend, hat man kürzlich zum Beispiel auch ein Damenmodell der Kollektion de Ville mit dem vom britischen Meisteruhrmacher Georges Daniels entwickelten Werk mit Koaxialhemmung ausgerüstet. CEO Urquhart meint aber: «Wir reden von einem Problem, das keines ist. Unsere Kundinnen haben, obwohl wir eine grosse Auswahl an Damenuhren mit Mechanik anbieten, schon seit langem und immer wieder auch bei unseren Herrenmodellen zugegriffen.»

Recht hat er. Tatsächlich steht den Käuferinnen neben der überraschend reichen Auswahl an mechanischen Damenuhren, die klar zunimmt, auch noch das ganze Angebot an Herrenuhren zur Verfügung – und die sind am femininen Handgelenk immer noch im Trend. Wenn das keine Bevorzugung ist! Denn umgekehrt geht es ja nun wirklich nicht.

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