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Windows Media Center: Kampf im Wohnzimmer

«Die Verkabelung scheint problemfrei zu sein, ich drücke den Einschaltknopf, und dann: Nichts passiert.»

Explodierende Hardware, abstürzende Software: ein Selbstversuch mit dem Media Center von Microsoft, dem Windows fürs Wohnzimmer.

Von Marc Kowalsky
17.05.2005

Bei Bill Gates sieht alles so mühelos aus. Entspannt sitzt er da auf seinem roten Sofa auf der Bühne, an seiner Seite die Sängerin und Schauspielerin Queen Latifah. Es ist der 11. Oktober 2004, im Shrine Auditorium in Los Angeles beobachten ein paar tausend Zuschauer Bill Gates und seine optische Sättigungsbeilage, wie er sich mit der Fernbedienung in der Hand durch das Unterhaltungsprogramm zappt. Musik hören (natürlich von Queen Latifah), Filme und TV schauen, dazwischen ein paar Familienfotos einblenden – alles ganz easy und ganz normal. Ausser dass für all dieses Entertainment ein Windows-PC zuständig ist statt der üblichen Gerätelandschaft aus Videorecorder, Radioempfänger, DVD-Player usw.
Im persönlichen Gespräch nach seinem Auftritt schwärmt mir Gates vor, der Computer im Wohnzimmer werde bald zu einem Massenphänomen. Das neue, dafür konzipierte Windows Media Center sei der Wendepunkt, und überhaupt: «Das ist die Zukunft der Unterhaltungselektronik!»

Zukunft ist immer gut, zumal für einen Journalisten. Also bestelle ich gleich nach der Rückkehr nach Zürich ein Testgerät. Schliesslich wird so ein Modell in der Schweiz ja schon verkauft. In ein paar Tagen soll es da sein, verspricht Microsoft, geliefert vom bisher weitgehend unbekannten Schweizer Hersteller Reycom, der das Gerät – man höre und staune – auch hierzulande zusammenbaut. Es dauert ein bisschen, dann noch ein bisschen, schliesslich brennt die zweite Adventskerze, bis ich das Gerät in den Händen halte.

Äusserlich sieht das Reycom Media Center (RMC) aus wie ein normales, wenn auch teures Stück Unterhaltungselektronik: Das silberne – wahlweise auch schwarze – Gehäuse aus gebürstetem Aluminium wirkt sehr edel; dass sich dahinter ein PC verbirgt, ahnt man erst, wenn man die dezente Kippleiste an der Front umklappt und dahinter jene Schnittstellen findet, die eine Stereoanlage nie bieten würde. Mit seinen 43 Zentimetern Breite passt das Stück zudem genau zwischen die anderen Geräte eines Hi-Fi-Turms. Die erste Verteidigungsposition auf dem Weg ins Wohnzimmer, die auf Behaglichkeit bedachte Ehefrau – «Iiiihh, ein Computer! So was kannst du im Büro haben, aber nicht in unserer Stube!» –, unterläuft Microsoft damit sehr geschickt.

Die Verkabelung scheint problemfrei zu sein, ich drücke den Einschaltknopf, der Lüfter im RMC nimmt seine Arbeit auf, und dann: Nichts passiert. Kein Bild auf dem TV. Vielleicht ein Stupid User Error? Normalerweise spare ich mir die Lektüre der Handbücher; hier muss ich es, denn eine Bedienungsanleitung liegt nicht bei (dies soll bei den Seriengeräten anders sein, verspricht der Hersteller). Dass die Anschlüsse an der Rückseite des Gerätes nicht beschriftet sind, ist auch nicht hilfreich. Vielleicht funktioniert das RMC nur auf einem Monitor? Aber das kann ja nicht sein: Wer hat denn schon einen Computermonitor im Wohnzimmer stehen? Nicht mal ich, und ich habe verdammt viel Zeugs im Wohnzimmer stehen.

Ich bin noch am Nachdenken, als es plötzlich einen lauten Knall gibt. Funken sprühen aus dem Gerät, gleichzeitig fliegt die Sicherung raus, die Lichter und alle anderen elektrischen Verbraucher in der Wohnung gehen aus. Rauchwolken steigen aus dem Gerät, Verbrennungsgeruch macht sich breit. Wow! Bill Gates muss es wirklich ernst gemeint haben, als er den «Kampf ums Wohnzimmer» ausrief. Bei mir allerdings hat das Wohnzimmer die erste Runde gewonnen: Das Testgerät ist Schrott. Nach der Obduktion erklärt der Hersteller, das Netzteil habe irrtümlich Strom auf die Hauptplatine geleitet und so einen Kurzschluss ausgelöst.

Künstlerpech. Aber Ersatz kommt bereits nach einer Woche, schliesslich ist ja alles made in Switzerland. Die gute Nachricht: Das Gerät explodiert nicht. Die schlechte: Es tut sich auch sonst nichts. Wenn ich den Ein-/Aus-Schalter drücke, laufen zwar Harddisk und Lüfter an, aber kein Bild erscheint auf dem TV, kein Wank tut sich auf dem eingebauten LCD-Display («Welcome to XP Media Center»). Bei Bill Gates sah das alles so mühelos aus. Aber ich bin ja auch nicht Bill Gates.

Laut Hersteller soll das RMC mit jedem Fernseher laufen. Da mein Gerät sich aber nicht darum kümmert, was sein Erzeuger sagt, schickt Reycom leihweise noch einen Monitor hinterher. Hochgefühl breitet sich aus: Zumindest mal bis zum Begrüssungsschirm komme ich. Nach insgesamt einer Stunde mit gutem Zureden, Neuinitialisieren, Batterienaustausch und Funkfrequenzsynchronisation bringe ich auch die Maus zum Arbeiten, die wie die Tastatur kabellos funktioniert, damit man auch vom Sofa aus seine Eingaben machen kann.

Zum ersten Mal erscheint die blaue Media-Center-Oberfläche auf dem Bildschirm. Freudig schiebe ich eine DVD in den Laufwerkschacht. Windows spielt sie sofort klaglos ab, nach einigen Konfigurationsübungen sogar im 7.1-Raumkanalton. Aber dann: Als ich versuche, mit dem RMC fernzusehen, kommt die Fehlermeldung «Die Tunerhardware weist eine Fehlfunktion auf oder ist nicht installiert». Aua! Ich versuche, stattdessen Radiokanäle zu programmieren. Auf dem Schirm erscheint, Sie ahnen es: «Auf dem Computer ist keine Tunerhardware installiert, die FM-Radio unterstützt. Wenden Sie sich an den Hardwarehersteller.» Dem Gerät ist ein Flyer beigelegt mit der Nummer einer Helpline. Sie kostet 2.50 Franken pro Minute. Wenn das Vermögen von Bill Gates dieses Jahr wieder um ein paar Milliarden Dollar wächst, weiss ich, warum.

Der Hersteller hilft prompt: Ich solle doch bitte den Decoder in der Windows-Systemsteuerung deinstallieren, dann mit Hilfe eines FTP-Client die neuste Version vom Server herunterladen, dazu bitte den folgenden, 34-stelligen Aktivierungsschlüssel eingeben und so weiter und so fort. Wer als Laie von seinem RMC eigentlich nur unterhalten werden wollte, dürfte sich spätestens hier sein altes Röhrenradio zurückwünschen. Ich gebe erst auf, als sich herausstellt, dass die für den Download vorgesehene Website ausser Betrieb ist. Der Hersteller schlägt vor, das Gerät zurückzuschicken. Microsoft–Wohnzimmer 0:2.

Zwei Monate später, Anfang April, Demonstration im Showroom von Reycom in Stallikon ZH. Das Sofa ist nicht ganz so schön wie bei Bill Gates, und statt Queen Latifah sitzt der Key-Account-Manager darauf, aber die Präsentation des Media Center ist eindrücklich. Wieder sieht alles so mühelos aus. Optimistisch nehme ich das dritte Testgerät nach Hause. Und siehe da: Es funktioniert! Mit einem knappen halben Jahr Verspätung zwar, aber in der Stunde des Triumphes darf man nicht kleinlich sein.

Denn jetzt fängt das Ganze an, Spass zu machen. Fernsehen beispielsweise, weil zur gezeigten Sendung auch noch Informationen über die Dauer, den Inhalt, die Schauspieler usw. angezeigt werden. Die nötigen Daten lädt sich der Electronic Programm Guide (EPG) aus dem Internet herunter. Auch mehrere Tage im Voraus.

Um eine Sendung auf der 200 Gigabyte grossen Festplatte aufzuzeichnen, reicht es aus, sie im EPG entsprechend zu markieren. Schade nur, dass das RMC kein VPS-Signal empfangen kann und auch Teletext nicht funktioniert. Dennoch eine äusserst komfortable Funktion, die man bereits von Satellitentunern und Harddisk-Recordern her kennt.

Überhaupt hat man die meisten Funktionen des Windows Media Center schon mal irgendwo gesehen – etwa jene, die zu einer eingelegten CD die Songtitel und die CD-Hülle anzeigt, oder jene, welche die Urlaubsfotos zur Diashow mit professionellen Überblendeffekten und musikalischer Untermalung ab Festplatte arrangiert. Aber die Kombination in einem Gerät und die einfache Bedienung sind einzigartig. Und wer Angst hat, seine Stereoanlage minutenlang booten zu müssen, bevor er etwas hören kann, der sei beruhigt: Ein Druck auf den Powerknopf schickt das Gerät in Sekundenschnelle in den Stand-by-Modus, aus dem es beim nächsten Knopfdruck auch genauso schnell wieder aufwacht.

Es ist Samstag, heute kann Bayern München deutscher Fussballmeister werden. Das will ich mir nicht entgehen lassen und programmiere im EPG die «Sportschau» in der ARD und das «Aktuelle Sportstudio» im ZDF. Spätabends komme ich nach Hause. Das RMC empfängt mich mit der Botschaft: «Die Sendung konnte nicht aufgezeichnet werden, weil auf Kanal 82 keine Signalinformationen empfangen werden konnten. Überprüfen Sie das Antennensignal.» Kanal 82? Hallo, ZDF steht für Zweites Deutsches Fernsehen, nicht für zweiundachtzigstes!

Aber ich habe ja noch die ARD-«Sportschau», als Backup sozusagen. Aber aus irgendeinem Grund wurden davon nur die ersten fünf Minuten aufgezeichnet. Die Bayern sind ohne mich Meister geworden. Bei Bill Gates sah das alles so mühelos aus. Vielleicht würde es ja helfen, wenn Queen Latifah auf meinem Sofa sässe?

Immerhin kann man dank Doppeltuner eine Sendung anschauen und gleichzeitig eine andere aufzeichnen oder sogar gleichzeitig zwei verschiedene Kanäle aufnehmen. Der Prozessor, ein Pentium 4 mit drei Gigahertz, ist grosszügig genug dimensioniert, damit Sie während so einer Doppelaufzeichnung gleichzeitig noch eine DVD anschauen können. Allerdings wird die Oberfläche des RMC so heiss, dass man Spiegeleier darauf braten könnte. Der Hersteller rät davon ab und empfiehlt stattdessen, das Gerät frei stehend aufzustellen. Der eingebaute Ventilator ist zwar hörbar, zerstört aber nicht die Wohnzimmeridylle.

Nur das Radio finde ich auf einmal nicht mehr. Der Hersteller lässt auf Nachfrage ausrichten: «Die Radiofunktion wurde vorübergehend deaktiviert, da es bei grösserer Auslastung zu Störgeräuschen kam.» Ein Wohnzimmer ohne Radio? Das darf nicht sein. Reycom schickt mir ein Programm, mit dem ich das Radio wieder zum Vorschein bringe. Es reagiert unglaublich tranig auf Kommandos. Die automatische Sendererkennung RDS gibt es nicht, nicht einmal manuell kann ich die Stationsnamen eingeben. Der Hörtest: Vanilla Ninja klingen, als hätte man ihren Song durch den Häcksler gejagt. Das tun sie öfter. Senderwechsel. Nachrichtensprecher Hans Ineichen klingt, als hätte man seinen Text durch den Häcksler gejagt. Das tut er sonst nicht.

Zwei Tage später reagieren Funkmaus und -tastatur nicht mehr. Ich synchronisiere die Geräte neu, danach funktioniert die Tastatur wieder. Die Maus bleibt tot. An den Batterien liegt es nicht. In meinem privaten Technologiefriedhof finde ich noch eine alte Kabelmaus. Seither muss ich, will ich den Cursor bewegen, die drei Meter vom Sofa bis zum RMC gehen. Das ist gut für die Fitness.

Normalerweise braucht man die Maus aber nicht – das Media Center ist so aufgebaut, dass sich im Normalbetrieb fast alles mit der Fernbedienung steuern lässt, und das klappt trotz dem gewaltigen Funktionsumfang schnell und überraschend komfortabel. Aber leider ist der Normalbetrieb nicht immer der Normalfall. Immer wieder wird die Benutzeroberfläche durchbrochen von einer Fehlermeldung, die aus den Tiefen des Windows-Betriebssystems nach oben steigt: Da stürzt das Fernsehprogramm plötzlich ab mit der Meldung, «Windows Media Player kann die Datei nicht wiedergeben.» Da versucht das System den Internetbrowser zu starten, wenn ich einen Song aus dem virtuellen Microsoft-Plattenladen kaufen will, und hängt sich auf dabei. Da hilft nur ein beherzter Druck auf den Reset-Knopf. Aber ehrlich: Finden Sie es lustig, Ihre Stereoanlage neu booten zu müssen? Hinzu kommen die bekannten Windows-Warnmeldungen wie «Sie sind dabei, eine nicht sichere Internetverbindung aufzurufen». Diese ständigen Mahnungen sind schon auf
einem Büro-PC nervig – im Heimkino sind sie inakzeptabel.

Das ist das Grundproblem vom Windows Media Center: Ein PC ist ein zu komplexes System für die verhältnismässig simplen Anwendungen der Unterhaltung. Auch wenn die Benutzeroberfläche den User von dieser Komplexität sehr geschickt abschirmt, die damit verbundene Fehleranfälligkeit bleibt.

Abgesehen von den technischen Unzulänglichkeiten, ist das Konzept gut durchdacht und faszinierend einfach zu bedienen. Ein Media Center ersetzt Radio, CD- und DVD-Player beziehungsweise -Recorder, Harddisk-Recorder samt EPG und Diaprojektor und bietet darüber hinaus Mehrwert wie den aktuellen Wetterbericht per Internet und Ähnliches. Mit 4500 Franken kostet das RMC aber auch mindestens so viel wie all diese Geräte zusammen.

Böse Zungen behaupten, dass Microsoft-Produkte häufig erst in der dritten Version richtig ausgereift sind. In den USA sind Media-Center-Geräte bereits seit 2002 erhältlich. Wenn man für Europa den Zähler zurückstellt, wird es noch eine Weile dauern, bis Bill Gates mein Wohnzimmer erobern kann. Bis dahin überlasse ich den Freaks den Vortritt.

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