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Werner Merzbacher: «Ich folgte immer meinem Gefühl»

Die Sammlung Merzbacher-Mayer ist Publikumsmagnet im Zürcher Kunsthaus. Wie Werner Merzbacher Kunstsammler wurde und was der Pelzhändler über Irrtümer und Auktionen denkt.

Von Brigitte Ulmer
2006-02-27

Jeder Auktionator kennt den Mann mit der üppigen Mähne. Auch die Bilder von Werner und Gabrielle Merzbacher tragen ein untrügliches Merkmal: Ein typisches «Merzbacher-Bild», heisst es, steche durch seine starke Farbigkeit und Dynamik hervor.

Werner Merzbacher (78) trug seit den sechziger Jahren zusammen mit seiner Frau über hundert Werke zusammen, darunter Schlüsselwerke des Fauvismus, der abstrakten Kunst und des deutschen Expressionismus, wie Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky. Grundstock der Sammlung waren die Bilder seines Schwiegergrossvaters (Picasso, van Gogh, Matisse).

Die Sammlung, vom Kunsthaus Zürich als «Fest der Farbe» präsentiert, erscheint als ästhetische Verdichtung eines starken Überlebenswillens. Merzbacher kam 1939 als Flüchtlingskind mittellos in die Schweiz; seine Eltern starben später im Holocaust. Als Mittelschüler arbeitete er als Statist und Stuhlaufsteller am Schauspielhaus Zürich. Mit Hilfe eines Stipendiums finanzierte er sich die Ausbildung und emigrierte 1949 in die USA. Dort lernte er seine Frau kennen und wurde Teilhaber im Pelzhandelsgeschäft des Schwiegervaters, zuerst in New York, dann in der Schweiz. Er ist noch immer als Pelzkaufmann aktiv.

BILANZ: Ihre Sammlung spannt den Bogen von den Impressionisten über Fauvismus, Expressionismus bis zu den Zürcher Konkreten. Sammeln Sie nach einer bestimmten Strategie?

Werner Merzbacher: Als Privatperson hat man den Vorteil, dass man seinem Charakter entsprechend sammeln kann. Ich liess mich immer von meinen Gefühlen leiten.

Spielte der Intellekt bei der Wahl keine Rolle?

Ich schaue. Ich habe ja nie Kunstgeschichte studiert. Ich komme vom Visuellen. Natürlich weiss man mittlerweile recht viel. Mich interessiert, warum der Fauvismus in Südfrankreich, der Expressionismus in Deutschland, der Futurismus in Italien entstanden ist und was das mit der Seele der Menschen zu tun hat.

Was halten Sie von Kuratoren als persönlichen Beratern?

Wer sammelt, sollte seinem eigenen Empfinden folgen und nicht nur dem von Beratern. Man merkt dann nach einiger Zeit, ob ein Werk an einem wächst.

Verschiedene Schwerpunkte fallen auf, etwa Kandinsky und Kirchner. Bei andern Künstlern beschränkten Sie sich auf Einzelwerke. Wo liegt Ihr grösstes Interesse?

Nach Monet, Sisley, Toulouse-Lautrec bin ich sehr bald auf meine grosse Liebe gestossen: die Fauvisten und Expressionisten. Derain ist einer meiner Lieblingsmaler. Es kamen Matisse, nachher die deutschen Expressionisten, Nolde, Kirchner. Und dann die nächste grosse Liebe: Jawlensky, Kandinsky …

Die Kunst Ihrer Zeit, Minimal Art, Pop-Art, hat Sie nie interessiert?

Minimal Art – das bin einfach nicht ich. Ich verfolgte zwar auch diese Strömung. Aber die Bilder, mit denen ich zusammenlebe, müssen untereinander eine Harmonie bilden.

Dieses Kriterium erfüllt Sam Francis, der Abstrakte Expressionist? Und Glarner, Lohse und Bill, die Konkreten?

Ja, aber ich habe mich diesen erst in den siebziger Jahren geöffnet. Von Sam Francis habe ich fünf Werke. Ich liebe seine Arbeiten. Und die drei wunderschönen Glarner. Und Tinguely. Ein Prachtsstück.

Was ist eigentlich die innere Motivation für das Sammeln? Wonach suchen Sie?

Ich hatte eine sehr schwierige Jugend. Meine Eltern kamen im Holocaust um, ich wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Das Schöne, das Ästhetische, dem ich später begegnete, hat wahrscheinlich meinen Grundcharakter wieder in mir hervorgebracht. Er ist so beschaffen, dass ich das Schöne in der Welt sehen möchte.

Als Sammler muss man neben den nötigen Mitteln über ein fein geflochtenes Netzwerk von Informanten verfügen. Baron Thyssen hatte Roman Norbert Ketterer. Wen hatten Sie?

Es ist eher umgekehrt: Es gibt ungefähr fünf Galeristen, die mich regelmässig um Rat fragen. Und dann gibt es ein paar Sammler in der Welt, mit denen ich gute Beziehungen pflege und mit denen ich Informationen austausche.

Sie haben sehr oft auf Auktionen gekauft. Worin sehen Sie den Vorteil von Auktionen im Vergleich zum diskreteren Kunsthandel?

Sie finden nirgendwo eine bessere Auswahl. Ob es uns gefällt oder nicht, die Auktionen sind über die letzten Jahre unumgänglich geworden. Sie haben Transparenz in ein schwer durchschaubares Gebiet gebracht. Der Grossvater meiner Frau hatte es viel schwieriger als ich, ohne Farbkopien, Ektachromes und Fax. Und er bekam auch nicht die Hunderte von Katalogen der Auktionshäuser ins Haus geschickt.

Kommt Ihnen auf Auktionen das Know-how als Pelzkaufmann zugute?

Ich bin geübter als die meisten Sammler, in Auktionen zu bieten, und kann auch sehr schnell Entscheide treffen. Ich habe keine inneren Widerstände, einen höheren Preis zu zahlen als den Schätzwert, wenn es sein muss – vorausgesetzt, die Mittel erlauben es mir.

Haben Sie beim Kunstkauf trotzdem Irrtümer begangen?

Jeder Mensch, der sich als Kunstsammler betätigt, kennt Bilder, die er aus irgendwelchen Gründen nicht erwerben konnte. Ich jedenfalls könnte Ihnen eine ganze Liste geben. Aber man muss ja nicht alles haben. Ich muss dem lieben Gott dankbar sein, dass ich mit den Werken leben darf, die in unserer Sammlung sind.

Gab es auch Fehlkäufe?

Ja, durchaus. Oder sagen wir, es gibt Bilder, bei denen ich mir sage: «This didn’t have to be.»

Thyssen sagte, zur Qualitätssteigerung der Sammlung müsse man verkaufen. Das sei wie Unkrautrupfen im Garten.

Thyssen hat Recht. Aber ich habe praktisch nie verkauft. Über die Werke, die nicht an mir wachsen, sage ich mir einfach: Das musste nicht sein.

Die jüngere Generation von Kunstkäufern bringt ihre Werke schon nach kurzer Zeit auf Auktionen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Sie haben die innere Glut nicht.

War Kunst für Sie nie Investment?

Nein. Meine Bilder haben keinen Preis. Wenn Leute meinen Katalog sehen werden, kann es schon den einen oder anderen geben, der sich für ein Werk interessiert. Aber wenn ich nicht muss, werde ich mich nie von den Bildern trennen.

Ludwig, Beyeler, Burda, sie alle haben ihre eigenen Museen. Ist das auch Ihr Ziel?

Natürlich wünsche ich mir, dass die Kunst zusammenbleibt. Aber man sieht bei Beyeler, mit welchen finanziellen Schwierigkeiten der Museumsbetrieb verbunden ist. Meine Wunschlösung wäre, dass die wichtigsten Werke zusammenblieben und gemeinsam ausgestellt würden. Und ich wünsche mir, dass die Menschen, welche die jetzige Ausstellung verlassen, von dem Gesehenen beglückt sind.

Fest der Farbe – Die Sammlung Merzbacher-Mayer. Kunsthaus Zürich, bis 14. Mai, www.kunsthaus.ch.

ArtTalk

Das Darstellungsbedürfnis der Elite war lange das Brot der Kunst. Wie sich Fürsten und Bürgerliche zwischen 1450 und 1550 inzenierten, lässt sich an Werken aus den Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein und des Kunstmuseums Basel ablesen.

«Das frühe Porträt», bis 2. Juli, www.kunstmuseumbasel.ch.

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