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Wachstum: Versicherungen: Zu träge, unsere Versicherer

Ausser Swiss Re und Zurich Financial Services wird kaum einer der grösseren Schweizer Versicherer in seiner heutigen Form überleben. Eine Folge vieler fahrlässig verpasster Chancen.

Von Harald Fritschi
20.09.2005

Die «Financial Times Deutschland» hat die Zeitungsente in die Welt gesetzt: Die französische AXA, mit einem Börsenwert von 33 Milliarden Euro der weltweit grösste Versicherungskonzern, übernehme die CS-Tochter «Winterthur», berichtete sie. Seither sind zehn Monate vergangen. Passiert ist nichts. Die Zukunft der Nummer drei im Schweizer Lebensversicherungsmarkt bleibt ungewiss. Klar ist nur, dass die Grossbank ihren Versicherungszweig loswerden will. Das deutsche Wirtschaftsblatt hat indessen eines vorweggenommen: Der Branche stehen unruhige Zeiten ins Haus, eine ganze Reihe von Übernahmen und Fusionen werden sie erschüttern.

Die globale Versicherungsbranche steht vor einer gewaltigen Konsolidierungsphase. Und nur wenige Schweizer Versicherungen werden zu den Profiteuren zählen. Dies sagt eine Studie der Beratungsfirma A.T. Kearney voraus. Diese nahm den internationalen Versicherungsmarkt der letzten fünf Jahre unter die Lupe. Sie untersuchte jede Gesellschaft danach, wie sich der Gewinn vor Steuern und die Prämien entwickelten. Resultat: Sowohl beim Wert- als auch beim Prämienwachstum schnitten die Schweizer Versicherer mehrheitlich unterdurchschnittlich ab. Sie werden von europäischen und angloamerikanischen Konkurrenten schlicht abserviert. Unter dem Spitzenquintett AIG (USA), Generali (Italien), ING (Holland), Legal & General (England) und Münchener Rück befindet sich keine Versicherung aus Helvetiens Gefilden.

«Die Schweizer Versicherer wachsen zu wenig schnell und zu wenig profitabel», sagt Karl J. Deutsch, Vice-President von A.T. Kearney. In den letzten drei Jahren ist der Schweizer Versicherungsmarkt gar geschrumpft. Die Prämieneinnahmen sanken um 2,7 Prozent auf 52,2 Milliarden Franken. Und um den kleiner werdenden Markt rangeln immer mehr Versicherer, der Wettbewerb intensiviert sich. In den letzten 14 Jahren stieg die Anzahl der Direktversicherer von 115 auf 141 an. Gleichzeitig herrscht ein hoher Konzentrationsgrad. Im Nichtlebengeschäft verfügen die zehn grössten Firmen über einen Marktanteil von 84 Prozent, im Lebenbereich kommen sie gar auf über 91 Prozent der ausstehenden Prämien. Da wird es schwierig, Profil zu gewinnen.

Der Schweizer Versicherungsmarkt gilt als hoch gesättigt. Das Prämienvolumen pro Kopf der Bevölkerung ist mit 5600 US-Dollar weltweit einsame Spitze vor England und Irland. Aber auch beim Prämienaufkommen in Prozent des BIP liegt die Schweiz mit rund elf Prozent weit vorne, an zweiter Stelle nach den Angelsachsen. Auch gemäss der neusten Studie der Basler Privatbank Sarasin vom letzten Mai ist der helvetische Versicherungsmarkt «keine Wachstumsstory». Das Nichtlebengeschäft dürfte stagnieren oder sich gar rückläufig entwickeln, das Lebengeschäft bestenfalls stabilisierend wirken.

Zu einem ähnlichen Resultat wie die Untersuchung von A.T. Kearney kam eine Studie der Investment-Gesellschaft CSFB im letzten Dezember. Sie diagnostizierte eine «Kosten- und Ertragskrise der Versicherungswirtschaft». Sollte wie im Bankenbereich eine Konsolidierungswelle anrollen, dann sehe es «mit der Selbstständigkeit der Versicherer nicht gut aus». Dringend sei es, höhere Erträge zu erwirtschaften, um den eigenen Wert zu steigern und damit Übernahmebarrieren zu schaffen.

Eine Studie der Swiss Re, die Ende August erschienen ist, stösst in dasselbe Horn. Sie untersuchte Kapitalkosten und Unternehmenswert bei Versicherungen und kommt zum Schluss, dass Investoren einen Versicherer offensichtlich «höher bewerten, wenn es ihm gelingt, gleichzeitig rentabel zu sein und zu wachsen». Mit den Schweizer Gesellschaften sieht es genau in dieser Hinsicht düster aus. Entweder wachsen sie, sind aber zu wenig rentabel, oder umgekehrt. Kein Wunder, sind sie gegenüber den anderen europäischen Versicherungsgesellschaften mit einem KGV von acht um rund 30 Prozent unterbewertet.

Düster sieht es auch in anderer Hinsicht aus. Die erfolgverwöhnten Schweizer Versicherer sind träge und arrogant geworden. «Der Schweizer Markt war in Europa immer einer der rentabelsten und attraktivsten», sagt Vontobel-Analyst Viktor Dammann. Resultat: Die Firmen haben sich aufs einheimische Geschäft konzentriert und die Auslandexpansion verpasst. Zum Teil haben sie sich wie die Bâloise, die Swiss Life oder die «Zürich» auf Grund strategischer Fehlpositionierungen auf den Auslandmärkten wieder zurückziehen müssen. Die Swiss Life tätigt derzeit 55 Prozent ihres Geschäftes im Inland, die Bâloise 57 und die National gar 66 Prozent. Die Vaudoise kommt auf 80 Prozent Heimmarkt, und die Mobiliar ist im Ausland überhaupt nicht präsent.

Aber auch die Firmen mit einem höheren Auslandanteil wie die «Winterthur» mit 55 Prozent oder die Helvetia Patria mit wenigstens 50 Prozent gehören laut der A.T.-Kearney-Studie nicht zu den Value-Growers. «Sie sind», sagt Deutsch, «vorwiegend in einigen wenigen westeuropäischen Märkten aktiv, und diese wachsen nur noch schwach. Im Bereich Leben lag das Wachstum im letzten Jahr drei Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt, im Sachversicherungsbereich mehr als ein Prozent. In den stark wachsenden Emerging Markets von Osteuropa, Asien und Südamerika hingegen sind die Schweizer praktisch nicht vertreten. «Der Anschluss ist zum grössten Teil schon verpasst», sagt Thomas Schudel, Analyst der Zürcher Vermögensverwaltungsbank Leu, «ihnen bleibt allenfalls noch eine Nischenstrategie.»

Dabei nimmt die Bedeutung der Emerging Markets permanent zu. Dort leben 86 Prozent der Bevölkerung, die 23 Prozent der Weltwirtschaftsleistung erbringen. 2003 entfielen auf sie zehn Prozent der weltweiten Sachversicherungs- und elf Prozent der Lebensversicherungsprämien. Untersuchungen der Schweizer Rück belegen ein eindrückliches Prämienwachstum von zehn und mehr Prozent in den sich entwickelnden Märkten. Im letzten Jahr stiegen die Prämien in Taiwan um 14 Prozent, in Ägypten um 19 und in Slowenien um 18 Prozent, Brasilien und Mexiko legten um 11 Prozent zu. Angesichts solcher Zahlen konstatiert Vontobel-Analyst Dammann: «Eine weltweit tätige Gesellschaft muss mittelfristig eine namhafte Präsenz in Ländern wie China, Indien oder Brasilien haben.»

Value-Growers wie die holländische ING haben in den letzten Jahren die Voraussetzungen dazu geschaffen – im Gegensatz zu den meisten Schweizern. Das Auslandgeschäft von ING erreicht 79 Prozent, das Prämienwachstum lag zwischen 1999 und 2004 bei annualisierten 16 Prozent. ING betreibt bewusst ein Managing for Value – ein Vorgehen, das Gewinn und Wachstum im Visier hat. Sie baut strategische Positionen in ausgewählten Märkten in Asien und im Pazifik auf, indem sie Partnerschaften eingeht und Allianzen ausbaut. Die Niederländer gehen auch beim Vertrieb neue Wege. Sie kombinieren verschiedene Produkte und Dienstleistungen, die sie lokalen Firmen verkaufen. Damit generiert die Firma grosse Volumina.

Nicht nur ING, alle Value-Growers wie die American International Group oder Generali verfolgen dieselben oder zumindest ähnliche Strategien: Sie mischen die Märkte in Asien, Osteuropa und Südamerika auf, setzen bei der Distribution auf verschiedene Kanäle, eine so genannte Multi-Channel-Strategie, und wachsen beim Umsatz wie auch beim Gewinn. «Nur den Gewinn allein zu mehren, genügt heute nicht mehr», sagt A.T.-Kearney-Berater Deutsch. Es gelte, Umsatzwachstum und gleichzeitig eine hohe Rentabilität über Skaleneffekte zu erreichen. «Value-Growers», so Deutsch, «erzielen ein überdurchschnittliches Wachstum über einen hohen Auslandanteil in Wachstumsmärkten und mit der daraus resultierenden Grösse auch eine überdurchschnittliche Rentabilität.» Hinzu kommt, dass Versicherer mit starker internationaler Präsenz einen besseren Risikomix im Schadengeschäft haben. Ihre Combined Ratio, also das Verhältnis von Schäden und Kosten zu den Prämieneinnahmen, unterliegt auf Grund des regionalen Ausgleichs weniger Schwankungen. Diese relative Stabilität wiederum garantiert stetige Zuschüsse zu den Kapitalanlagen und dadurch auch mehr Kontinuität auf der Anlegerseite.

Mithalten im Kampf ums Überleben im globalisierten Versicherungsmarkt können gemäss A.T. Kearney nur zwei Schweizer Gesellschaften: Swiss Re und Zurich Financial Services (ZFS). Beide haben einen enorm hohen Auslandanteil – 97 Prozent die Rück, die ZFS weist das Schweizer Geschäft gar nicht mehr separat aus. Beide Firmen haben sich dezidierte Wachstumsstrategien verordnet, zudem ist die ZFS im Wachstumsmarkt USA stark vertreten und mit 30 Prozent an China Life beteiligt. «Unser Szenario», so Deutsch, «besteht darin, dass ‹Zürich› und Swiss Re von globalen Simple Growers zu Value-Growers werden und sich in der kommenden Konsolidierungsphase, dem so genannten Endgame, behaupten können.»
Für die anderen Schweizer Gesellschaften sieht es laut A.T. Kearney weniger rosig aus. Insbesondere Swiss Life, «Winterthur», Bâloise und möglicherweise auch Helvetia Patria stecken mit ihrem beschränkten Fokus auf das benachbarte westeuropäische Ausland als mittelgrosse Player fest und sind damit gefährdet. Eine weitere grosse Herausforderung lokal helvetisch ausgerichteter Versicherungen ist das hiesige Geschäftsmodell in der Lebensversicherung. Hohe Garantien für die Policenhalter erfordern mehr Eigenkapital und mindern die Aktionärsrendite drastisch. Die Verunsicherung in den Finanzmärkten, insbesondere die seit Jahren anhaltende Niedrigzinsperiode bei Anleihen, führte dazu, dass mit Neuanlagen nur noch Renditen erzielbar sind, die zum Teil deutlich unter den langfristigen Garantieversprechen für die Versicherten liegen; hier gibt es noch massive Risiken, denen die Versicherungsaufsicht unter anderem mit den erhöhten Eigenkapitalvorschriften laut Solvency II – etwa analog Basel II der Banken – begegnet. Dies könnte im Übrigen ein Grund sein, weshalb AXA sich bei der «Winterthur» letztlich zurückgezogen hat.

Das Fazit für die mittelgrossen Versicherer liegt auf der Hand: Entweder schliessen sich diese in Gruppen zusammen und erreichen die erforderliche kritische Grösse für ein globales Wachstum, oder sie werden zu Übernahmekandidaten für ausländische Gesellschaften, die in der Schweiz Fuss fassen möchten – wenig erheiternde Perspektiven.

BILANZ-Serie Wachstum

Seit den neunziger Jahren leidet die Schweiz an einer chronischen Wachstumsschwäche, eine Besserung ist nicht in Sicht. Liegt es an den sich verschlechternden staatlichen Rahmenbedingungen, oder ist die Schweizer Wirtschaft im internationalen Vergleich zu wenig agil? BILANZ hat zusammen mit der internationalen Beratungsfirma A.T. Kearney eine Diagnose über die internationale Konkurrenzfähigkeit der Schweiz und ihrer Schlüsselbranchen versucht.

In dieser Ausgabe: Die Schweizer Wirtschaft mit schwindendem Potenzialwachstum – die Gründe. Und: Schweizer Versicherungen haben den Vorstoss in die Wachstumsmärkte verschlafen – die Analyse.

In der nächsten Ausgabe: Weshalb die Schweizer Banken im internationalen Konkurrenzkampf nicht auf den vorderen Plätzen agieren.

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