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Um Himmels Villa

Schon immer wohnten Reiche gut, Superreiche besser – oder zumindest teurer. Auch mancher aus dem neu entstandenen Schweizer Geldadel träumt vom Kingsize-Traumhaus. Am Kapital fehlt es dabei nicht, oft aber am Mut zur architektonisch überzeugenden Lösung.

César W. Lüthi zieht bald in sein Schloss um. Mit dem Neubau in Ermatingen TG setzt der Erfinder der Bandenwerbung ein Monument in die Landschaft. 1400 Quadratmeter Wohnfläche, zwei Wintergärten, drei Kaminzimmer, unzählige Salons, alles auf einem Grundstück von 7500 Quadratmetern. Mathis Cabiallavetta hat seine neue Residenz in Rüschlikon bereits bezogen. Auch sein klotziges Landhaus ist nicht eben bescheiden ausgefallen und mit rund sechs Millionen Franken ebenfalls kostspielig. Jack Schmuckli lässt sich Ende Jahr in Stäfa nieder. Der ehemalige Sony-Manager hat sich direkt am Zürichsee eine Luxusvilla bauen lassen. Von Le Corbusier und Mies van der Rohe inspiriert, verfügt der strenge Bau ebenfalls über spektakuläre Ausmasse: über 1000 Quadratmeter Wohnfläche mitsamt einem Gästehaus. Understatement verleiht diesem Anwesen einzig die schlichte Sandsteinfassade.

Schloss, Landhaus, moderne Villa: Der Geldadel investiert ins Eigenheim wie selten zuvor. Ob Sportvermarkter, Banker oder Elektronikmanager – alle verfügen über Geld im Übermass. Doch abgesehen vom horrenden Budget und der begehrenswerten Lage verbindet die Häuser überhaupt nichts, die Baustile könnten nicht unterschiedlicher sein. Anything goes.

Ganz anders die Ausgangslage für die alten Kapitalisten. Noch für die Bührles, Boveris und Geigys galten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts klare Anstandsregeln für den Bau ihrer Villen. Wie kam es unterdessen zu dieser Vielfalt, zu diesem stilistischen Durcheinander?

Hier hilft ein Blick auf den Stammbaum der Villa weiter. Denn die Herrschaftsbauten lassen sich auf drei Dynastien zurückführen – die Klassiker, die Romantiker und die Modernen. Fangen wir mit den Modernen an. Nach dem Ersten Weltkrieg war die gebildete Welt bankrott. Es musste etwas Neues, noch nie Dagewesenes her: Schluss mit dem Stilplunder, wir fangen ganz von vorne an. Vier Gründerväter prägten die Formen der repräsentativen Wohnhäuser, Frank Lloyd Wright (1867–1959), Le Corbusier (1887–1965), Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) und Alvar Aalto (1898–1976). In jeder modernen Villa steckt von einem dieser vier ein Rest.

Zum Beispiel im neuen Haus von Michael Ringier. Der Verleger hat sich in Küsnacht von den Zürcher Architekten Meili & Peter eine Zehnzimmervilla bauen lassen. Ringier setzt bewusst auf Zeitgenössisches. «Die Schweiz hat hervorragende Architekten hervorgebracht, aber fast keine hervorragende Architektur. Deshalb wollte ich etwas architektonisch Wertvolles schaffen.» Noch ist das Werk des Mäzens der Baukunst eingerüstet, bis nächsten Frühling soll es bezugsbereit sein.

Auch Uwe Holy setzt auf Spitzenarchitektur. Zu diesem Zweck hat der deutsche Textilunternehmer die Stararchitekten Herzog & de Meuron engagiert. In Ermatingen TG lässt sich Holy für 20 Millionen ein Anwesen bauen. Ein gläserner Körper, das Hauptgebäude, wird umgeben von einer Vielzahl kleinerer Bauten, um dem Ganzen das Aussehen eines kleinen Weilers zu geben. Damit soll die Überbauung in die Streusiedlung der Umgebung eingebettet werden. Zwar steht sie teilweise im Naturschutzgebiet, doch lassen sich mit Geld auch Ausnahmebewilligungen erkaufen.

Ringier und Holy zum Trotz: Mutige Beispiele bleiben die Ausnahme. In der Schweiz regiert der Durchschnitt. Egal ob am Zürich-, am Vierwaldstädter- oder am Genfersee – in allen Nobelquartieren dieselbe Tristesse: teuerste Wohnlagen, die meisten mit einfallsloser Architektur zugepflastert.

Der Gegensatz könnte nicht grösser sein: Da gehen die Bosse im Geschäftsalltag wegweisende Fusionen ein, entscheiden sich für visionäre Partnerschaften. Doch sobald es ums Private geht, verlässt sie der Mut. Beim eigenen Haus werden die Architekten der globalen Wirtschaft zu ausgemachten lokalen Biedermännern.

Zurück zum Stammbaum der Villa. Der Urvater der vornehmsten Dynastie, derjenigen der Klassiker, heisst Plinius der Jüngere. Er zeugte die Villa um 100 nach Christus als Text. Er beschrieb seine grossartige «villa suburbana», die schon damals alles bot, was sich heutiger Geldadel wünschen kann. «Ein herrliches Bassin mit warmem Wasser, wo man beim Schwimmen aufs Meer hinausblickt» zum Beispiel. Diesen Text gruben die Romverehrer der Renaissance wieder aus und machten ihn zum Bauprogramm für den heiteren Prunk der Sommersitze. Offen, unbefestigt, ins Land hinausgreifend: Locus amoenus, der angenehme Ort. Die Villa als ein Instrument für mehr Lebensgenuss von Anfang an.

Der wichtigste Architekt der Klassik heisst Andrea Palladio (1508–1580). Er war zwar nur ein Maurer, der Latein gelernt hatte, doch erfand er für den Adel der venezianischen Stadt Vicenza die Villa neu. Prägendes Vorbild wurde die Villa Rotonda, das Lusthaus eines Kardinals. Palladio lieferte eine illustrierte Rezeptsammlung zum Villenbau, «I quattro libri dell’architettura». Palladianismus verbreitete sich in Europa und den Kolonien. Die klassische Villa war das Herrenhaus eines grossen Landwirtschaftsbetriebs, von der adligen Familie nur im Sommer bewohnt – der wahre Adel hat immer Stallgeruch.

Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, weshalb Microsoft-Manager Peter Blum unlängst in Hinteregg ZH ein Bauernhaus ungemein aufwändig hat renovieren lassen. Hier soll der Charme ländlicher Tradition weiterleben. Wobei der Pool nicht fehlen darf, der beim Schwimmen zwar nicht einen Blick aufs Meer, aber immerhin auf den nahen Greifensee bietet.

Im 19. Jahrhundert kommt eine neue Klasse zu Geld, die Kapitalisten. Die Industriebarone rochen nicht nach Landwirtschaft, sondern nach Dampfkraft. Ihre Häuser waren die Krönung ihrer Fabriklandschaft, und sie lagen in der Stadt. Erst später flohen sie vor dem Russ und dem Lärm der Industriestadt, die sie selber geschaffen hatten, in die ländliche Umgebung, wo sie fortan ihre Villen bauten.

Die bürgerlichen Herrschaften waren die ersten Pendler und hatten einen Drang nach oben: Ihre Häuser waren Aufstiegsvehikel. Hier konnten die Industriellen zeigen, was Besitz und Bildung heisst. Besitz verlangt ein grosses Grundstück an aussichtsreicher Lage – das kann man kaufen. Bildung hingegen muss man lernen. Am gründlichsten im humanistischen Gymnasium oder wenigstens in einer Stiftsschule für höhere Töchter. Die Häuser wurden zu Repetitorien der Kunstgeschichte, in Stein werden alle Stile durchbuchstabiert. Die Söhne höchst praktisch veranlagter Väter lernen Latein, die Töchter das Klavierspiel. Für die Hausmusik gibt es neben dem Billard- auch ein Musikzimmer wie etwa in der «Langmatt» der Boveris oder im «Römerholz» Oskar Reinharts.

Das Industriebürgertum ahmt zuerst den Adel nach und führt die Tradition der klassischen Villa weiter. Doch dann erwacht die zweite Dynastie, die der Romantiker. Zuerst bauen sie neugotische Villen wie Ritterburgen, die einzige Nebenlinie des Stammbaums, die ausgestorben ist. Den Romantikern ist das Deklinieren der Säulenordnungen zu staubig, sie verlangen nach Natur und Gefühl. Das finden sie bei den unverfälschten Landbewohnern, zum Beispiel bei den Schweizer Sennen. Das Chalet beginnt seinen Siegeszug, vom Schweizerhaus bis zum Jumbo-Chalet.

Aber auch andere landwirtschaftliche Vorbilder eignen sich hervorragend als Projektionsfläche für die neu erwachte Sehnsucht nach Natur: the Cottage (nicht nur Onkel Toms Hütte), ein Typ, der als Bungalow eine zweite Jugend erlebt. Ob Maison bretonne, Appenzeller Heimetli, nordfriesisches Bauernhaus, ob Stroh-, Reet- oder Biberschwanzziegeldach, ob Engadiner Trichterfenster, Unterländer Fachwerk, Crépi jurassien: Nichts Landwirtschaftliches ist uns fremd. Bis heute. Die sittlich-ländlichen Bauordnungen der Schweizer Gemeinden sind Vorschrift gewordene Natursehnsucht und angewandte Romantik.

Der erfolgreichste Abkömmling der romantischen Dynastie ist das englische Landhaus. Das war garantiert adelig und erst noch natürlich. Nicht länger Symmetrie und rechthaberische Kunstgeschichte dominierten, sondern gezähmte Natur, asymmetrisch, verspielt und organisch.

Unterdessen haben sich die Regeln aufgelöst, herrscht das Chaos. Alles ist möglich, keine Idee zu ausgefallen, um nicht verwirklicht zu werden. Und genau so wird gebaut: englisch inspirierte Landhäuser, französische Schlösser, südländische Haziendas, alpine Chalets. Den früheren Herrschaftsanspruch vermögen die Bauten nicht mehr einzulösen. Herrschaftlich sind nur die Preise – auch schlechte Architektur kostet.

Klassisch, romantisch oder modern: Richtige Villen müssen teuer sein. Der Luzerner Architekt Walter Tschopp hat zurzeit nicht weniger als vier Häuser zwischen sieben und neun Millionen Franken im Bau. «Das Geschäft läuft extrem gut», frohlockt der Architekt, der sich auf Prunkbauten in Meggen und Kastanienbaum spezialisiert hat. Auch der ETH-Professor Dolf Schnebli ist als Villenarchitekt begehrt. Jack Schmucklis Domizil in Stäfa hat er entworfen, und auch die gigantische Villa von CS-Banker Lukas Mühlemann in Erlenbach hat Schnebli realisiert. Die dreistöckige Überbauung – Wohnfläche über 1000 Quadratmeter – garantiert den freien Blick auf den Zürichsee. Mühlemann liess aber auch in die Tiefe bauen: Die Tiefgarage bietet zehn Autos Platz, so wollte es der Oldtimer-Sammler.

Nicht überall in der Schweiz wird allerdings derart grossspurig gebaut. So hat UBS-Chef Marcel Ospel die Pläne für sein neues Haus im Gellertpark in Basel mehrfach abspecken lassen. «Man wohnt nicht so teuer», hat er die Sparübung begründet. Nicht teuer heisst für den CEO einer Grossbank fünf Millionen Franken. Das meiste Geld gab Ospel für das 6000 Quadratmeter grosse Grundstück aus, der Rest wurde in den Umbau eines bestehenden Hauses gesteckt. Ospel hat sein Ziel erreicht. «Es ist ein einfaches Haus mit Vorhängen», sagt Paul Waldner, Projektleiter bei Burckhardt & Partner. In einer Architekturzeitschrift werde der Bau wohl nie erscheinen, glaubt er. Die Fachleute sind sich einig: ein spiessiges, kleinbürgerliches Haus.

Ospel Zurückhaltung ist charakteristisch für Basel. «Hier pflegt die Oberschicht seit je das Understatement», erklärt Thomas Lutz von der Basler Denkmalpflege. So überrascht es nicht, dass auch Vera Oeri-Hoffmann und Alex Krauer bescheiden wohnen, die Roche-Erbin an der St.-Alban-Vorstadt, der abtretende UBS-Verwaltungsratspräsident in einem prunklosen Einfamilienhaus in Riehen.

Aber selbst im protzigen Zürich gibt es Ausnahmen. Feldschlösschen-Chef Christof Zuber hat unlängst ein unscheinbares Fünfzimmerhaus in Zollikon bezogen. «Ich will meine Fixkosten tief halten», argumentiert der Manager. Das gleiche Motiv wird auch für seinen Nachbarn im Doppeleinfamilienhaus, Fritz Fahrni, den ehemaligen Sulzer-Chef, bestimmend gewesen sein.

Warum lassen die Topshots nicht kreativer bauen? Warum beauftragen die meisten einen mittelmässigen Architekten – No-Names, die sie im Geschäft nie als Berater engagieren würden? «Wenn es um Architektur geht, glauben die Manager, sich auf ihr Gefühl verlassen zu können», sagt Ulrike Jehle, Direktorin des Architekturmuseums in Basel. Sachverstand sei nicht gefragt, nur der eigene Geschmack zähle.

Guter Architektur ebenfalls hinderlich ist der Rhythmus bei Planung und Bau, der ganz dem Wirtschaftsleben angepasst ist. Je rascher, desto besser, für die gründliche Auseinandersetzung mit dem Objekt bleibt keine Zeit. «Die Leute wollen einfach ein Haus mit Sicht auf den See», sagt Martin Breitenstein, der in Wollerau SZ luxuriöse Landhäuser baut. Über architektonische Fragen wird nicht lange diskutiert.

Das ist auch gar nicht so wichtig. Wer weiss schon, wie lange er im neuen Haus wohnen wird. Frühere Familiensitze wurden an die nächsten Generationen weitergegeben. Beständigkeit und Tradition waren gefragt. Heute wechseln Wirtschaftsführer ihre Häuser wie die Arbeitsstellen. «Wenn jemand mehr verdient, will er in einem grösseren Haus wohnen», sagt Rudolf Steigrad, Händler exklusiver Liegenschaften rund um den Zürichsee. Das Haus wächst mit dem Einkommen. Da den Chefs die Bildsprache, das Verständnis für Dimension fehlen, bauen sie zumeist bloss wuchtige Volumen. «Aufgeblasenes Landhaus» heissen die Bauten dann im Jargon.

Ziehen wir Bilanz. Der erste Hauptsatz des Villenbaus lautet: Schön ist, was Prestige bringt. Prestige bringt erstens der Hauch von altem Geld. Nichts drückt das besser aus als eine klassische Villa, sprich Palladios verwässertes Erbe. Prestige bringt zweitens Romantisches, allen voran das englische Landhaus und seine Bastarde. Drittens bringt Prestige das Sittlich-Ländliche. Je älter Klassik und Romantik erscheinen, desto besser, entscheidend ist das Eigenschaftswort «echt». Leider ist nur das wirklich Alte echt, also hilft nur die Instant History, das Vortäuschen der nicht erlebten Geschichte, ein Stich an der Wand zum Beispiel.

Aber das falsche Alte hat ohne Zweifel einen unschätzbaren Vorteil. Es ist eine ästhetische Lebensversicherung. Was alt ist, ist geschmackvoll, weil es alt ist. Stil adelt, und sei es auch nur im Stil «Louis toujours». Wer unsicher ist, kein ästhetisches Selbstbewusstsein hat, der flüchtet ins Alte, ins Anerkannte.

Prestige bringt viertens die Moderne, Abkömmlinge der modernen Säulenheiligen, aber mit Technik angereichert und unsichtbar ökologisch. Die Moderne ist allerdings riskanter. Die Flucht ins Anerkannte ist nicht möglich. Der Bauherr betritt Neuland und muss sich fragen lassen, wer er selber sei. Er stellt sich nackt dar. Das kann entlarvend sein, wo das Neureichtum mit schlechtem Geschmack protzt. Es kann aber auch hinreissend sein, wenn das Geld seinen verfeinerten, raffinierten Ausdruck findet.

Aber dafür braucht es ein kulturelles Kapital – das, was man früher Bildung genannt hat.

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