Mindestens eine viertel Mil­lion Franken muss man schon in guten Beizen verfressen haben», sagte einst der legen­däre Schweizer Gastropapst und «Gault Millau»-Herausgeber Silvio Rizzi auf die Frage, was denn einen Menschen zum Restaurantkritiker qualifiziere. «Nur wer schon ein Dutzend Mal Foie gras in einem guten Restaurant gegessen hat, kann auch beurteilen, was gut ist – denn er weiss, was möglich ist.»

Und so stehen wir an einem regnerischen Montagmorgen in Saalfelden im österreichischen Bundesland Salzburg und treten an zu einer horizontalen ­Verkostung. Nein, nicht von Salzburger ­Nockerln oder den edelsten Produkten der österreichischen Winzerkunst, sondern des Jahrgangs 2010 der gröbsten ­Supersportwagen hier im Fahrsicherheitszentrum. Wir, das ist das Team der österreichischen «Autorevue», dem sicher geistreichsten Automagazin deutscher Sprache, sowie meine Wenigkeit, die schon wiederholt Gast war bei diesem Supertest, den die Österreicher bereits im Jahr 1978 erstmals durchführten.

Flucht vor dem Nass. Zuerst nervt, wie immer, der Fotograf. Er will die zwölf Probanden schön aufgestellt sehen. Und so manövrieren wir dann brav, in alphabethischer Reihenfolge, Blech im Wert von rund 2,5 Millionen Franken über den Parkplatz: Artega GT, Audi R8 Spyder, Bentley Continental Supersports Convertible, KTM X-Bow Gendarmerie, Lamborghini Gallardo LP570-4 Superleggera, Lotus Evora, Mercedes-Benz SLS AMG, Nissan 370Z Roadster, Porsche 911 GT2RS, Porsche 911 Turbo S Cabrio, Porsche Boxster Spyder, Tesla Roadster 2.5. Ja, ­etwas viel Porsche, aber gewisse Hersteller zicken, wenn es um Vergleiche geht, oder sie scheuen die Kosten.

Dann kann es endlich losgehen. Schliesslich müssen wir Autokritiker uns unser Wissen nicht durch Posieren – und auch nicht durch Essen wie der Gastrokritiker – aneignen, sondern durch viele gefahrene Kilometer. Der Reiz der Sache ist, dass jeder jedes Auto bewegen kann, so oft wie möglich, in einer für ihn sinnvollen Reihenfolge, zuerst hier in Saalfelden auf dem Handlingkurs. Den Lotus mit dem Artega vergleichen, den SLS mit dem Porsche Turbo S. Bloss: Es regnet. Es schneit schon fast. Das Wasser steht gummistiefelhoch auf dem Rundkurs, so lässt sich auf keinen Fall auf Zeit fahren. Aber es gibt da eine nette Kurvenkombination: den Berg hoch, links, rechts, auf eine Kuppe, dort scharf und mit genügend Auslauf nach links. Da lässt sich dann schon einiges erfahren und erzählen. Zum Beispiel: dass dem Nissan 370Z ziemlich schnell die Kraft ausgeht, wenn er so quer durch die Linkskurve getrieben wird. Dass der KTM trotz nasser Strecke kaum dazu zu bewegen ist, einen Drift hinzulegen. Dass der Bentley unglaublich schwer ist (und doch sehr einfach zu beherrschen). Dass der Sound des Mercedes herrlich ist. Dass der Lambo trotz Allradantrieb unglaublich querkommt und der Porsche GT2RS ganz gehörig Dampf hat. Und ziemlich abgefahrene Reifen. Und dass der Tesla zwar tönt wie ein kaputter Staubsauger, aber doch jede Menge Spass macht.

Wir beschliessen: Weg hier, an die Sonne! Die scheint in Kärnten, und als Schweizer weiss ich zwar um einige Eigenheiten (Haider!) des südlichsten österreichischen Bundeslandes, doch die Witze der Wiener Redaktoren über die Kärntner sind derb. Ich darf den SLS die 200 Kilometer gegen Süden fahren, doch das Vergnügen ist ein mässiges, denn gut 300 000 Franken durch Regen und Schnee – oben auf dem Hochkaiser! – zu bewegen, da hält sich der Spass in Grenzen. Oh ja, mein Wagen hat ein aussergewöhnliches Design mit seinen Flügeltüren, ist hervorragend verarbeitet, und sein 6,2-Liter-Achtzylinder-Motor fährt mit einem richtig tollen Sound. Doch mitunter ist er etwas kopflastig, jedenfalls auf dieser Fahrt.

Deutsche Perfektion. Ich wechsle auf den Artega GT, der optisch absolut überzeugt, aussen wie innen sehr liebevoll gemacht ist. Doch auf der Strasse ist er ­eine ziemliche Enttäuschung, der 3,6-Liter-Sechszylinder aus dem VW Passat ist nur bedingt ein Triebwerk, wie man es sich in solchen Fahrzeugen wünscht. Das 7-Gang-DSG hat ein Problem. Bei der eher flotten Fahrt hoch auf die Sonnenalp verliere ich immer wieder die Gänge. Und die Bremsen sind ein Graus, schlecht dosierbar. Solches mag der Pilot nicht, wenn er so ein bisschen ans Limit der Geschwindigkeitsbegrenzungen geht.

Der Audi R8 Spyder dagegen ist bei­nahe perfekt. Sehr präzise Lenkung (wenn auch etwas schwergängig), hervorragende Bremsen, fetter Antrieb, sensationelle Bodenhaftung, das Ding wankt kaum. Das Getriebe macht weniger Freude, doch das ist in allen R8 so. Warum kommt da nicht endlich ein gescheites DSG? Und für manche Tester ist die ganze Geschichte etwas emotionslos. Aber da gibt es natürlich unterschiedliche Ansichten. Manche Fahrer schätzen die hohe Ingenieurskunst aus Ingolstadt, andere – nennen wir sie die Lamborghini-Fraktion – empfinden sie als eher langweilig.

Die Lambo-Fraktion ist klein, lediglich zu zweit sind wir. So ganz taufrisch ist der Lamborghini Gallardo ja nicht mehr, doch die Italiener haben ­ihrem Sportler jetzt jede Menge teurer Kohle­fasern mit auf den Weg gegeben, ein paar PS mehr und 90 Kilogramm weniger Gewicht (1340 Kilo sind es, und das ist sensationell). So braucht sich der Superleggera beim besten Willen nicht zu verstecken. Ja, selbstverständlich hat der Lamborghini etwas Obszönes (das ­Alcantara-Interieur), Vulgäres (dieser Krach), doch genau dieses Animalische macht den Unterschied. Und dazu ist der Lambo noch schnell, so ­richtig schnell, weil er 570 wilde Pferde auf den Asphalt knallt und sich trotzdem extrem präzis lenken und bestens bremsen lässt.

Auto mit Waffenschein. In dieser Hinsicht sind wohl nur noch die beiden Porsche 911 besser. Der Turbo S ist ein sensationelles Fahrzeug, extrem souverän, ein feiner Cruiser, doch wenn man den Hammer fallen lässt, geht er wunderbar. Und er ist immer freundlich zum Piloten, der Grenzbereich ist dank Allrad­antrieb dort, wo die meisten Fahrer Mut und vor allem Talent längst verlassen haben. Da ist der GT2RS ein etwas anderes Kaliber, viel nervöser, aber auch viel sensibler. Und wie dieses Gerät abgeht, ist nicht von dieser Welt (3,35 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h!). Die Wahl ist klar: Unter den zwölf Fahrzeugen kann nur der GT2RS der wahre Supersportwagen sein.

Das bestätigt sich dann auch auf dem Salzburgring, den wir am dritten Tag des Supertests ansteuern, an dem Ex-Formel-1-Rennfahrer Karl Wendlinger mit jedem Fahrzeug ein paar schnelle Runden auf Zeit dreht. Im GT2RS schafft er den schwierigen Kurs in 1:29,2,was eine ausgezeichnete Zeit für ein Strassenfahrzeug ist. Wendlinger: «Für dieses Auto braucht es einen Waffenschein.» Der Lambo schafft erstaunlicherweise den zweiten Rang, noch vor dem komplett wahnsinnigen KTM X-Bow und deutlich vor dem Porsche 911 Turbo S. Der SLS tut keinen Stich, ist aber schneller als der R8. Dass der 2,4 Tonnen schwere Bentley auf der Rennstrecke so viel schneller ist als der Artega, der Lotus, der Nissan, das wundert auch Karl Wendlinger, aber 630 PS sind halt schon eine gute Ansage.

Spassiger Elektroflitzer. Und was ist denn nun mit dem Tesla? Kann das Elektroauto einigermassen mithalten mit den Konkurrenten? Ja. Und nein. Was den Fahrspass angeht, da ist der kleine Roadster ganz vorne mit dabei, vor allem dank seiner hervorragenden Kraftentfaltung. Die 370 Nm maximales Drehmoment stehen schon ab Drehzahl 1 voll und ganz zur Verfügung. Mit 1235 Kilo ist der Stromer auch das leichteste Fahrzeug im Feld, was bei der Kurvenhatz sicher kein Nachteil ist. Auf der Rennstrecke ist der Tesla aber trotzdem chancenlos, auch deshalb, weil seine Höchstgeschwindigkeit auf 200 km/h limitiert ist. Und dann gibt es das Problem mit der Reichweite: Wird der Roadster etwas flotter bewegt, dann ist nach 150 Kilometern Schluss mit lustig. Doch eines ist sicher: Das Konzept des Tesla hat Zukunft. Wahrscheinlich wird der Fahrspass nie so grossartig werden wie in einem GT2RS, nie so cool wie im Bentley, nie so ­archaisch wie im Gallardo. Aber die Freude am Fahren, sie bleibt bestehen.

Peter Ruch ist freier Autojournalist und Mitglied der Jury von Car of the Year.

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