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Ruckstuhl: Run auf den Filz

Ruckstuhl-Teppiche zieren bereits heute die Fussböden berühmter Museen, mächtiger Firmen und edler Ladenlokale weltweit. Nun hat der Designstar Alfredo Häberli für die Langenthaler eine Kreation entworfen.

Von Regina Decoppet
12.07.2005

Es gibt sie hochflorig oder kurz geschoren, gewoben oder geknüpft, uni oder bunt. Doch während Jahrzehnten waren die weichen Fussunterlagen aus dem «modernen Wohnen» verschwunden – sie galten als Inbegriff von Biederkeit. Heute ist alles anders: Der Teppich erlebt ein Revival und erobert den Wohnbereich zurück.

Einen wesentlichen Gestaltungsbeitrag in Sachen Bodenbelag leistet der Schweizer Designstar Alfredo Häberli. Für den Teppichhersteller Ruckstuhl aus Langenthal hat er eine Filzteppich-Kollektion realisiert. Die Kreationen erstrahlen in einem elektrisierenden Blau oder einem intensiven Rot, haben ein mit Lasern geschnittenes Muster oder sind mit Schnallen, Scharnieren und Reissverschlüssen bestückt. «Alfredo ist eine Persönlichkeit, die neue Wege geht. Er hat dabei viel Gefühl und Sinn für moderne Formen und eine grosse Beharrlichkeit, wenn es darum geht, auftretende Schwierigkeiten zu meistern. Mit ihm hatten wir auch den Mut, diese Kollektion auf den Markt zu bringen», sagt Peter Ruckstuhl, Inhaber der gleichnamigen Schweizer Teppichfabrik.

Tatsächlich sind zurzeit Teppiche aus Filz der Renner schlechthin. Der Run auf die filzigen Fussschmeichler ist allerdings relativ neu. «In den neunziger Jahren waren wir mit unseren Teppichen noch Avantgarde, und die Nachfrage war klein», sagt der Unternehmer.

Wenn es um Teppiche geht, weiss Peter Ruckstuhl, worüber er spricht. Seit über hundert Jahren produziert das Familienunternehmen aus Langenthal hochwertige Bodenbeläge aus Naturfasern. Fussböden in der Tate Modern in London, im Metropolitan Museum in New York oder in den Showrooms für die Luxuslimousine Maybach von DaimlerChrysler sind mit den Teppichen aus Langenthal belegt. Auch in den Hauptsitzen von Nokia und L’Oréal sowie in den Läden von Hèrmes, Zegna, Hugo Boss und Giorgio Armani betritt man Ruckstuhl-Qualität.

Know-how und die Qualität haben Tradition. 1881 gründete Moritz Ruckstuhl das Unternehmen in Langenthal. Seither stellt die Firma ihre Teppiche ausschliesslich aus Naturfasern wie Wolle, Sisal, Leinen, Kokos, Flachs, Hanf, Baumwolle, Jute, Papier oder Haargarn her. Während des Zweiten Weltkrieges kam die grosse Krise. Infolge Materialknappheit stellte das Unternehmen Teppiche aus Papier her. «Laut meinem Vater waren sie sehr resistent, was er ein bisschen bedauerte», erinnert sich Ruckstuhl lächelnd. Ende der sechziger Jahre hatte die Textilindustrie ein etwas ramponiertes Image, und das Loblied des Kunststoffs wurde gesungen. «Mein Vater begann, in einen artfremden Zweig zu investieren, und stellte Behälter aus Polyester her», erklärt Ruckstuhl. Dieser Tanz auf zwei Hochzeiten war allerdings nicht sehr erfolgreich, das Kunststoffbusiness wurde wieder verkauft.

Im Jahr 1977 trat Peter Ruckstuhl ins Unternehmen ein. Die Teppichherstellung kannte er von der Pike auf, hatte er sich doch bereits als Schüler im väterlichen Betrieb das Sackgeld verdient. 1984 wurde er Geschäftsführer und machte neben der exklusiven Qualität auch das Design zu einem wichtigen Thema. Nach wie vor werden nur Produkte aus reinen Naturfasern hergestellt. Produziert wird bei Ruckstuhl streng nach ökologischen Kriterien. Der Unternehmer meint dazu: «Zwar bin ich kein Öko-Fundi, die 68er-Bewegung hat aber auch mich geprägt, und ich bin der Meinung, dass die Ressourcen bewusst eingesetzt werden müssen.» 1991 lagerte er einen Teil der Produktion nach Dänemark aus. Ein bisschen reumütig kehrte Ruckstuhl 1999 zurück, schuf in Langenthal 50 neue Arbeitsplätze und investierte sieben Millionen Franken. «Ich bin stolz, dass wir unsere gesamte Produktion hier konzentrieren konnten.» Heute glaubt Peter Ruckstuhl fest an den Standort: «Man lernt die Vorzüge der Schweiz erst kennen, wenn man im Ausland gewesen ist.»

Die wirtschaftlich nicht so rosigen Zeiten bemerkt man allerdings auch in Langenthal. Der Umsatz ist leicht zurückgegangen. Ungefähr 20 Millionen werden von 90 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen erwirtschaftet. 70 Prozent der Produktion gehen in den Export. Deutschland ist stark rückläufig, dafür entwickeln sich Spanien, aber auch Russland und Finnland gut. In Italien kann das Unternehmen sogar ein Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielen. Seit 1996 läuft die Ruckstuhl-Strategie unter dem Motto Fokussierung. Das Sortiment wurde bereinigt und ist nur noch bei Händlern platziert, welche die anspruchsvollen Produkte auch verstehen. Die Besinnung auf das Wesentliche trägt Früchte. Die edlen Produkte finden ihr Publikum, und auch die Zahlen bei der Häberli-Kollektion sehen viel versprechend aus. «Begehrt sind die Teile natürlich vor allem bei einem Publikum mit Designaffinität», meint Peter Ruckstuhl, «in die Arvenstube passen die exklusiven Teile definitiv nicht.»

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