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Philatelie 
Philatelie: Wenig Papier für viele Millionen

Teuerste Schweizer Briefmarke: Rayon I mit der vollständigen Kreuzfassung für 348 000 Franken.

Für Briefmarkenhändler sind schlechte Zeiten gute Zeiten: Auch derzeit werden rare Stücke zu Toppreisen ersteigert – mitunter von Prominenten.

Von Bernhard Raos
19.10.2011

Für Philatelisten war die Ausstellung vom September im Berliner Museum für Kommunikation wie Weihnachten und Ostern zugleich: 18 der insgesamt 27 noch existierenden Blauen und Roten Mauritius-Briefmarken mit dem Aufdruck «Post Office» wurden präsentiert. Hinter Sicherheitsglas, rund um die Uhr bewacht und für rund 50 Millionen Euro versichert.

Juwel der Berliner Schau war der sogenannte Bordeaux-Brief, frankiert mit einem blauen und einem orange-roten Exemplar. Wem dieses wohl teuerste philatelistische Stück gehört, ist ein gut ­gehütetes Geheimnis. Sein Besitzer hatte es 1993 beim Genfer Auktionshaus David Feldman für die Rekordsumme von 6,1 Millionen Franken ersteigert. Den Wert schätzen Experten auf 10 Millionen Euro.

Um Millionen für ganz wenig Papier wird es Ende November auch an der Rapp-Auktion im sankt-gallischen Wil gehen. Seit Jahren ist es das Haus mit den grössten Umsätzen im Markt. Zwischen 15 und 17 Millionen waren es jeweils bei den letzten drei Auktionen. Die 33 Millionen aus dem Jahr 1980, der bisherige Auktionsweltrekord, blieben aber in weiter Ferne. Auktionator Peter Rapp will dieses Mal keine Prognose wagen: «Der Unsicherheitsfaktor ist die Währungs-situation. Sammler aus dem Euroraum konnten an der letzten Auktion mit 700 Euro für 1000 Franken rechnen. Aktuell sind es noch 840.»

Die gute Nachicht: Es gebe nach der Lehman-Pleite und wegen der derzeitigen Unsicherheiten an den Kapitalmärkten einen Trend zu Sachwerten, sagt Rapp. Er wisse von Kunden, die viel Geld mit ­Aktien verloren hätten und nun in Briefmarken investierten: «Rare Stücke mit guter Qualität kennen keine Baisse. Ihr Wert steigt oder bleibt zumindest stabil.»

Seltene Trouvaillen. Doch wer ein paar Millionen in Briefmarken anlegen will, kann dies nicht wie an der Börse innert Sekunden online tun. Er muss sich meist über Jahre gedulden und in der Regel an Auktionen mitbieten. Und will er wieder verkaufen, braucht es ebenfalls Zeit. Eher die Ausnahme sind Leute, die sich nur eine bestimmte berühmte Marke zulegen. Wie jener reiche Geschäftsmann aus Hongkong, der sich diesen Sommer an der Auktion der Galerie Dreyfus in Basel eine Rote Mauritius zu 400 000 Franken leistete. Die schwedische Gelbe Treskilling gilt mit 2,9 Millionen Franken als teuerste Einzelmarke der Welt. Sie wurde 2010 laut dem Genfer Auktionshaus Feldman für einen ungenannten Millionenbetrag als «solide Investition in turbulenten ­Zeiten» an ein «internationales Konsortium» verkauft.

Wer irgendwo ein paar alte Briefmarkenalben findet und auf reichen Geld­segen hofft, wird meist enttäuscht. «Die Trouvaillen vom Estrich sind die ganz grosse Ausnahme. Es gibt keine wertvollen Sammlungen, wenn früher nicht einiges Geld investiert wurde», weiss Rapp. Auktionshäuser und Händler sichten ­regelmässig Sammlungen. Rapp veranstaltet zudem Expertentage, wo Leute ihre Schätze unverbindlich taxieren lassen.

In der Firma von Peter Rapp sind die Rollen verteilt. Der eher introvertierte Papa ist für den Inhalt verantwortlich, seine extrovertierte Tochter für die Verpackung: Peter Rapp (65) kümmert sich um alles Philatelistische und das Finanzielle, Marianne Rapp Ohmann (35) verantwortet als Geschäftsführerin vor allem das Marketing. Das stete Trommeln in eigener Sache weckt die Neider in der Branche – viel Feind, viel Ehr. Im Gespräch spielen sich die beiden Rapps die Bälle routiniert zu. Sie kennen den Effekt der grossen Zahl – wie der 450 Millionen Franken, die das Unternehmen seit seiner Gründung 1970 mit seinen Auktionen umgesetzt hat.

Auktionshäuser sind die wichtigsten Marktplayer und bilden den Preisindikator für Topware. Die kleineren Brötchen backen der Fachhandel und das Internet-Business, hier vor allem über eBay.

Drei der grössten Auktionshäuser weltweit haben ihren Sitz in der Schweiz. Neben dem Familienunternehmen Rapp gibt es David Feldman aus Genf mit Dependancen in Hongkong und New York sowie Corinphila in Zürich. Feldman wurde vor vier Jahren von der ­Investmentgesellschaft SIAG des Zürcher Financiers Markus A. Frey übernommen. Corinphila gehört als Tochterfirma zur börsenkotierten Spectrum Group International aus den USA. Weitere grosse Auktionshäuser sind Siegel in den USA, Spink in Grossbritannien sowie Mohrmann und Köhler in Deutschland. Letztgenanntes ist ebenfalls eine Tochter der Spectrum Group International.

Imageprobleme. Eine grobe Schätzung zum Gesamtumsatz von Auktionshäusern und Briefmarkengeschäften in der Schweiz macht Jean-Paul Bach, Präsident des Schweizer Briefmarken-Händler-Verbandes: «Es sind jährlich zwischen 100 und 150 Millionen Franken, wovon der Löwenanteil auf die Auktionen fällt.» Was Bach, selber Händler in Basel, mehr umtreibt als schwankende Umsatzzahlen, ist das verstaubte Image der Märkeler-Szene: «Wir ändern das. Es gibt wieder mehr jüngere Händler im Verband, die moderne elektronische Mittel nützen, um ihre Kunden anzusprechen. Wir brauchen die iPad-Generation.»

Der Trend bewegt sich auf den ersten Blick weg von der Briefmarke. In den letzten fünf Jahren ist nicht nur die Zahl der adressierten Briefe um knapp 15 Prozent zurückgegangen, es werden auch immer mehr Briefe ohne Marken oder mit individuellen Webstamps frankiert, und die Zahl der Abonnenten von Schweizer Briefmarken hat sich seit 2000 von 130 000 auf 60 000 mehr als halbiert. In Schweden und Dänemark wird zurzeit ein SMS-Dienst eingeführt, der Briefmarken schrittweise ersetzen soll. Kunden senden eine SMS an die Post und erhalten einen Code, den sie dann auf ihren Brief notieren. Für das Briefmarken-Business muss das nicht schlecht sein: Nur was selten ist, wird von Sammlern begehrt und steigt im Preis. Dann sind die wenigen neuen Briefmarken die Mauritius von morgen.

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