Das Sackmesser, das Spielzeug der Armee, ist auf der ganzen Welt beliebt bei Erwachsenen. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts zur Ausrüstung von Soldaten entwickelt und ist als Soldatenmesser ausschliesslich silbergrau, fürs breite Publikum rot. All die Jahre hindurch hat es einen schönen Erfolg eingeheimst. Es wurde zu einem Wahrzeichen unseres Landes und mit seiner Schweizerkreuz-Prägung zum Symbol für Schweizer Erfindergeist und Qualität. Mit seiner Vielfalt an Funktionen avancierte es zu einem fast unerlässlichen Werkzeug. Es ist ein beliebtes «Gadget» für Touristen und wird in aller Welt verkauft. Das Sackmesser verkörpert – wie Uhren und Schokolade – die Marke Schweizer Fabrikat.

Heute geht die Angst um im «Swiss Knife Valley», wo man seit 1891 Sackmesser herstellt. China könnte ihm den Rang ablaufen. Die Armee hat vor einigen Wochen angekündigt, das Armeemodell von 1961 solle durch ein neues ersetzt werden: Es soll sicherer sein und zudem von grüner Farbe. Plötzlich muss die Armee, um Bestimmungen der Welthandelsorganisation einzuhalten, den Auftrag ausschreiben. Wird bald «Made in China» auf den Schweizer Sackmessern stehen? «Unmöglich!», sagt ein hoher Armeeangehöriger im «Tagi». Nicht alle scheinen davon gleichermassen überzeugt zu sein. Es wurde gar eine Petition lanciert, dass unsere Sackmesser Schweizer Messer blieben.

Was aber versteht die WTO unter Konkurrenz? Produzieren, ja lieber noch Überproduzieren zum tiefstmöglichen Preis? Bis hin zum Preis, der internationales Arbeitsrecht, die Menschenrechte sowie elementare Sicherheitsnormen missachtet? Fragen Sie Mattel, ob die Aktion «Einkaufen zum tiefstmöglichen Preis» tatsächlich preiswerter und rentabler ist.

Die einen Spielzeuge enthalten Blei, von anderen lösen sich Magnetteilchen. Mattel hat 18,6 Millionen in China hergestellte Spielzeuge zurückgerufen, weil sie für die Gesundheit der Kinder gefährlich sein können. Schon im November 2006 gab es Rückrufe, nachdem drei Kinder wegen Darmschädigungen hatten operiert werden müssen. Sie hatten beim Spielen mit ihren Puppen Magnetteilchen verschluckt. Blei im Körper kann seinerseits zu Kopfschmerzen, Unterleibsschmerzen, zu Erbrechen und Blutarmut führen, sagen Experten. Gut: Es sind nicht Kinder, es ist die Armee, die mit dem «Swiss Army Knife» spielen wird. Wenn sie nicht saft- und kraftlos werden will, wäre es vielleicht auch für sie besser, das Sackmesser bliebe Swiss made.

Zur Preisfrage: Qualität, Verantwortung gegenüber Menschen und Umwelt haben auch ihren Preis. Diejenigen, die das heute vernachlässigen, werden nicht bestehen. Mattel hat vor wenigen Wochen bereits mehr als eine Million in China hergestellte Fisher-Price-Produkte, die bleiverschmutzt waren, zurückgezogen.

Wenige Tage später beschuldigte Mattel die chinesische Firma Lee Industrial, die defekten Spielzeuge hergestellt zu haben. Die chinesische Regierung leitete umgehend eine Untersuchung der Firma ein und verbot dieser den Export. Der Besitzer, Zhang Shuong, auf dessen Firma mit dem Finger gezeigt wurde, hat sich in einem seiner Lager erhängt. Ob sein Suizid mit dem massiven Spielzeugrückruf zu tun hat? Man wird es wohl nie wissen.

Das alles beunruhigt Staaten, Firmen und Konsumenten. Laut mehreren Konsumentenorganisationen tragen aber nicht allein die Chinesen die Verantwortung. Und auch wir als Konsumenten haben vielleicht Rechenschaft abzulegen. Sind wir doch ganz zufrieden, eine Vielzahl billiger Spielzeuge kaufen zu können. Mattel hat sich inzwischen bei den Lieferanten entschuldigt. Es handle sich um ein Problem bei Mattel. Zurück bleibt aber eine Verunsicherung: Wer kontrolliert das alles?

Wenn Reputation und Verkaufszahlen von Mattel ihrer chinesischen Lieferanten wegen den Bach runtergehen, so ist der Ruf chinesischer Produkte zurzeit ernsthaft in Frage gestellt. Defekte Pneus, Hundefutter mit Melanin drin, Zahnpasta mit Verdacht auf Frostschutzmittel wurden aus den Regalen der Läden zurückgezogen. Innerhalb eines Jahres mussten in den USA laut AFP 86 Millionen chinesische Produkte zurückgerufen werden.

Wann also kommt das «Chinese Army Knife» mit der Swiss Flag darauf? Hoffen wir, es mache aus unseren Soldaten keine Zinnsoldaten!

Paola Ghillani war von 1999 bis 2005 CEO der Max-Havelaar-Stiftung. 2005 gründete sie die Paola Ghillani & Friends AG, deren Ziel es ist, die Welt durch nachhaltiges Wirtschaften besser zu machen.

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