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Paola Ghillani über die Kinder der Zukunft: Ernährerinnen an die Macht!

Es geht nicht nur darum, welchen Planeten wir unseren Kindern hinterlassen wollen, sondern auch, welche Kinder wir unserem Planeten hinterlassen möchten.

Von Paola Ghillani
27.07.2007

«Welche Kinder wollen wir unserem Planeten hinterlassen?» So könnte man auch fragen, selbst wenn Ihnen die Umkehr dieser Frage geläufiger sein sollte: «Welchen Planeten wollen wir unseren Kindern hinterlassen?» Nun, über den Planeten sprechen wir genug. Sie sind gewiss wie ich der Ansicht, dass Begriffe wie Klimawechsel, soziale Verantwortung oder nachhaltige Entwicklung derart häufig wiederholt, aufgewärmt und wiedergekäut werden, dass uns umgehend eine gewisse Müdigkeit übermannt. Je nachdem, wer das Wort «Nachhaltigkeit» in den Mund nimmt, kann damit sogar die Profitmaximierung gemeint sein, zu welchem Preis auch immer. Dabei wird die Zitrone ausgepresst, bis die Schale bitter wird. Oder bis gewisse Leute glauben, eine nachhaltige Landwirtschaft sei nur mit genetisch veränderten Organismen möglich.

Doch lassen Sie uns, bevor wir uns mit den Kindern befassen, über diejenigen reden, welche die Kinder auf die Welt bringen. Eine Freundin – sie arbeitet in der Zertifizierung für die Gleichheit der Löhne zwischen den Geschlechtern – stellte mir kürzlich folgende Frage: «Bist du nicht auch der Meinung, das Leben könne sich nur nachhaltig entwickeln, wenn die Frauen zur Hälfte an den Entscheidungsprozessen beteiligt sind – in der Politik und in der Wirtschaft?»

Die Frage hat in meinem Kopf einen Film ausgelöst. Er begann mit den Frauen in gewissen Ländern, die sich nicht einmal frei ausdrücken dürfen. Ich kriege Bauchschmerzen, wenn ich in TV-Reportagen den Satz höre: «Die Bevölkerung ging auf die Strasse, um gegen die Entscheide der Regierung zu protestieren.» Jedes Mal möchte ich korrigieren: «Die Hälfte der Bevölkerung ging auf die Strasse …» Es ist sattsam bekannt, dass die Frauen lieber kochen als über Dinge mitreden, die sie betreffen. Jedenfalls wenn man den Männern Glauben schenkt, welche die Frauen vor dem grossen bösen Wolf beschützen: vor der Freiheit.

Oh ja, die Frauen lieben es selbst in unserem Land so sehr, hinter ihrem Herd zu stehen, dass keine von ihnen eingeladen ist, offiziell am ersten Weltforum zum Klimawechsel zu sprechen, das ab September in der Schweiz stattfindet. Biodiversität? Ach, die gilt nicht für das menschliche Wesen, sie ist etwas, das für Tiere und Pflanzen gedacht ist. Ja, ich denke mir: Vielleicht hat man keine Frau für kompetent genug gehalten, sich über den Klimawechsel zu äussern. Oder die Frauen sind an diesem Thema überhaupt nicht interessiert. Was bekanntermassen rasch ändern kann – Al Gore ist ja auch sozusagen über Nacht zum Klimaguru geworden. No problem für ihn.

Bei kulinarischen Fragen sind die Frauen um einiges kompetenter. Seit Menschengedenken schenken sie Leben und haben folglich eine natürliche Rolle als Ernährerinnen und Ernährungs-Erzieherinnen ihrer Kinder. Das heisst nicht, dass alle gut kochen. Aber, Marktforschungsinstitute wissen dies, nach wie vor sind es die Frauen, meistens Mütter, die für den Grossteil der Nahrungsmitteleinkäufe zuständig sind. Kann mir da jemand erklären, warum so wenig Frauen Schlüsselpositionen in der Nahrungsmittelindustrie innehaben? Würden wir andernfalls nicht viel gesünder essen? Das Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Qualitäten an den Schaltstellen der Wirtschaft ist ein Aspekt der Nachhaltigkeit, über den zu sprechen man gerne vergisst. Jedenfalls, um nur ein Beispiel zu nennen, waren es Mütter, die den kommerziellen Erfolg der Max-Havelaar-zertifizierten Bananen begründet haben. Ihr Ziel war es, den Kindern die besten und gesündesten Bananen zu geben. Was nicht heisst, dass auch Männer danach lechzen.

Wir sind uns bewusster geworden, dass man ist, was man isst. Und so lautet die Frage eben, welche Kinder wir unserem Planeten hinterlassen wollen. Übergewichtige und Mutanten? Ich kann nicht glauben, dass wir das wollen. Nahrungsmittelskandale wegen Dioxin im Huhn, genmanipulierter Substanzen im Mais, die bei Ratten Leber- und Nierenschäden verursachen, oder übermässiger Mengen Zucker und Salz in den Speisen sind deutliche Zeichen dafür: Wir brauchen mehr Frauen mit dem Gewissen von Ernährerinnen an Schlüsselstellen – in Leitungsgremien und Verwaltungsräten der Nahrungsmittelindustrie. Unsere Kinder und wir Erwachsenen werden die Gewinner sein.


Paola Ghillani war von 1999 bis 2005 CEO der Max-Havelaar-Stiftung. 2005 gründete sie die Paola Ghillani & Friends AG, deren Ziel es ist, die Welt durch nachhaltiges Wirtschaften besser zu machen.

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