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Nichts ist unmöglich: Rinspeed

Mit seinen Showcars für den Autosalon erweist sich Frank Rinderknecht als Avantgardist der Branche. Gute Werbung für seine Firma Rinspeed, die Serienfahrzeuge mit individuellem Luxus ausstattet.

Von Francis Müller
28.02.2006

Mit dem Automobil sei es wie mit der Mode, sagt Frank Rinderknecht, Gründer und Chef der Firma Rinspeed in Zumikon bei Zürich. «Es gibt Regulative: Wir haben zwei Arme und zwei Beine. Der Bauchnabel kann gezeigt werden oder nicht.»

Aufs Auto übertragen, bedeute dies, dass das Rad sich eben nicht zweimal erfinden lasse.

Eine erstaunliche Aussage für einen Mann, der jeweils am Genfer Autosalon Fahrzeuge präsentiert, mit denen man über die Wasseroberfläche fliegt und in denen Hardrock zu dröhnen beginnt, wenn der Fahrer schläfrig wird. Die Autowelt erwarte einfach, dass er etwas Innovatives und auch Buntes bringe, sagt Rinderknecht. Eine Erwartung, die er bereitwillig erfüllt. Schliesslich wolle er auch mal polarisieren, sagt er. Da habe er weitaus mehr Möglichkeiten als die Grosshersteller. «Wir wollen doch nicht in Schönheit sterben.»

Einmal präsentierte er den Ego Mono, den er mit dem Couturier Jean-Charles de Castelbajac konstruiert hatte, dann den E-Go Rocket, der ähnlich aussieht wie die Fahrzeuge, die auf amerikanischen Salzseen Geschwindigkeitsrekorde brechen, danach den Presto, der sich vom zweisitzigen Cityflitzer in ein viersitziges A-Klasse-Auto verwandelt. Rinderknecht entwickelt diese Autos mit Unternehmen wie Erdgas oder Bayer. Er hat experimentellen Spielraum. Er hat Freiheit. Und er nutzt sie.

Wenn er Innovationen entwickle, denke er nicht in der Dimension der technologischen Machbarkeit, sagt er. «Der Mensch steht im Mittelpunkt, ich gehe von gesellschaftlichen Strömungen aus, die eine Periode prägen.» So präsentiert er dieses Jahr ein Fahrzeug namens Zazen, benannt nach der Meditationspraxis im japanischen Buddhismus. «Wir alle rennen durchs Leben, sind ständig auf Hochtouren», sagt Rinderknecht. Wir stecken im Stau und leben auf beschränktem Raum. Es fehle Zeit für uns selbst.

Da gibt es für ihn eine Gegenfigur: den buddhistischen Mönch. Dieser Mönch habe den Materialismus überwunden und sei näher dran an «wahren Werten» – was immer sie sein mögen. Dieser Mönch sei ein Sinnbild für die Überwindung der materialistischen Welt. Dieser Mönch verkörpere Reduktionismus. Offenheit, Verzicht auf Schnörkel, Wohlfühlen, warme Farbgebung – dies sind die Assoziationen, die dem Wagen zu Grunde liegen. In dieser Reduktion sieht Frank Rinderknecht Potenzial. «Die Automobilindustrie meint, dass der Konsument unendlich viele Funktionen will, aber dies ist falsch.» Es sei dasselbe wie beim Handy. Er warte sehnsüchtig auf ein hochwertiges Handy mit ganz wenigen Funktionen. Er glaubt, dies wäre ein Markt. Beim Automobil sei dies nicht anders.

Frank Rinderknecht spricht von einer neuen «automobilen Erleuchtung». Zazen hat ein transparentes Dach, sodass man sich beim Fahren wie in einem Cabriolet fühlt – und kein einziges Windchen spürt. Die Sitze sind transparent. Im Lack funkeln bei intensivem Licht Swarovski-Kristalle. Eigentlich hätte das Dach sich per Knopfdruck in Milchglas verwandeln sollen, doch dies funktioniert bis jetzt nur auf zweidimensionalen Flächen – nicht auf gewölbten. «Wir befinden uns in einem permanenten Prozess, bei dem sich nicht immer alles minutiös planen lässt», sagt Rinderknecht.

Letztes Jahr präsentierte er den Senso, ein Auto, das fühlt. Auch damals ist er von einem Thema ausgegangen – von der Sicherheit. Die Automobilindustrie nimmt das Thema Sicherheit durch Airbag und Aufprallschutz auf. «Die Ursache von Unfällen ist aber der Mensch», sagt Rinderknecht. Folglich muss die Lösung nicht explizit beim Auto gesucht werden. Je unausgeglichener der Mensch, desto höher das Unfallrisiko. Eine biometrische Polaruhr misst im Senso die Pulsfrequenz des Fahrers und wirkt mit sinnlichen Mitteln auf ihn ein. Bei Müdigkeit wird der Fahrer mit im Sitz eingebauten Elektromotoren und durch gelbe Farben auf LCD-Bildschirmen revitalisiert, bei Aggressionen leuchten Bildschirme blau. Auch Düfte entfalten ihre Wirkung: Zitrusdüfte beleben den Fahrer, Vanille-Mandarinen-Duft beruhigt ihn. Diesen sinnlichen Einflussfaktoren sind kaum Grenzen gesetzt.

Die Konzeptfahrzeuge der Grosshersteller sind Prototypen, mit denen das Marktpotenzial eingeschätzt wird. Bei Rinderknecht verhält sich dies anders, weil seine Konzeptfahrzeuge nicht den Weg zum Massenmarkt ebnen müssen. Rinderknecht kann freier und weiter denken als Grosshersteller, die letztlich doch das Kriterium der Massenkompatibilität berücksichtigen müssen.

Natürlich kommt es vor, dass eine Innovation kopiert wird und im Massenmarkt landet. Ideen alleine lassen sich bekanntlich nicht patentieren, sondern allenfalls eine spezifische technologische Umsetzung. Rinderknecht hat beispielsweise vor zwanzig Jahren die Fernsteuerung am Lenkrad erfunden, die heute in fast jedem Mittelklassewagen angebracht ist.

Er setzt sich nur kurz- bis höchstens mittelfristige Ziele. «Fragen Sie mich nicht, was ich in fünf Jahren tun werde, keine Ahnung», sagt er. Weil er ein ungeduldiger Mensch sei, habe er sein Maschinenbaustudium an der ETH nach wenigen Semestern abgebrochen. Er sei nun mal kein Theoretiker. Im Alter von 21 Jahren begann er mit dem Import von Sonnendächern aus den USA und mit dem Bau von Behindertenfahrzeugen, zwei Jahre danach gründete er die Rinspeed. Einige Jahre später präsentierte er seinen ersten adaptierten Porsche 939 Targa am Automobilsalon in Genf.

Den Traum vom auf dem Wasser fahrenden Automobil hatte er schon lange, allerdings misslang sein erster Versuch, einen VW Golf in ein Hovercraft zu verwandeln. Umso glücklicher ist Rinderknecht, dass er diesen Traum mit seinem Splash nun doch noch verwirklichen konnte. Nachdem er den Splash vor zwei Jahren in Genf präsentiert hatte, meinten alle, er solle ein tauchendes Auto herstellen. Aber das wollte er nicht. Er fängt immer wieder auf weissem Papier an. Er wolle nicht einen Splash 1 und dann einen Splash 2 herstellen, weil dann die beiden miteinander verglichen würden. Und dann werde er kannibalisiert und könne nur verlieren, sagt er.

Ideen könne man nicht erzwingen. Sie kämen einfach so, unter der Dusche oder beim Autofahren. Da müsse man auch alle Grenzen vergessen und loslassen. Dass die Amerikaner nach wie vor Autos im Retro-Look herstellen, kann Rinderknecht nicht verstehen. Dies sei passé, ein Neunziger-Jahre-Phänomen.

Die Entwicklung eines Konzeptautos koste einen siebenstelligen Betrag, den Rinderknecht nicht präzisieren will – ein ökonomischer Irrsinn eigentlich, da zumindest finanziell nichts zurückkommt. Es brauche Tausende von Arbeitsstunden, bis so ein Unikat gebaut sei. Seine Konzeptautos dienen der Kommunikation.

Eigentlich fliesst das Marketingbudget in die Entwicklung dieser Autos.
Den grossen Umsatz macht Rinderknecht mit Spezialanfertigungen für Private und Importeure. So kann er beispielsweise einen Porsche bequemer, schöner oder auch schneller machen. Kunden bedient er aus aller Welt, und diese seien frei: ausser wenn etwas technisch nicht möglich oder ethisch nicht vertretbar sei – einen Sitzbezug aus Leopardenfell würde er ablehnen. Meist handelt es sich um Interieurs, denn Änderungen beim Chassis, einmal von der Farbe abgesehen, bedeuten einen enormen Kostenaufwand. Manche Kunden möchten beispielsweise alle Bedienelemente mit einheitlich farbigem Leder überzogen haben. Andere wollen bei den Rücksitzen eine Bar oder einen DVD-Player eingebaut haben.

In der Schweiz sei man ziemlich konservativ, was das Auto angehe. In anderen Kulturen sei dies anders. In Russland sei man sehr exhibitionistisch: Wer Geld hat, will es zeigen. Und in der arabischen Welt habe das Auto oftmals den Charakter eines Spielzeuges, mit dem man den Kollegen ausstechen wolle. Ein Araber liess einst das ganze Interieur mit Swarovski-Kristallen ausstatten.

Natürlich könne man darüber philosophieren, ob die Menschheit dies alles brauche, sagt Rinderknecht. Aber Funktionalität sei ja nicht alles. «Wir brauchen vieles nicht und haben es trotzdem. Wir könnten theoretisch prima in einer Einzimmerwohnung leben und eine Uhr für dreissig Franken tragen, aber wir tun es nicht», sagt Rinderknecht. Dies sei weder gut noch schlecht, es sei einfach so. Und wenn es nicht so wäre, dann hätte man halt den Kommunismus, in dem alles gleichgeschaltet ist.

Mit nur sieben Angestellten ist Rinspeed eine kleine Firma, doch kooperiert sie mit einem grossen Netzwerk von Spezialisten. Die Konzeptfahrzeuge werden hauptsächlich mit herkömmlichen Handwerksbetrieben konstruiert, die meisten davon in der Schweiz. Ihm gehe es nicht um den Umsatz oder die Betriebsgrösse, sagt Rinderknecht; lieber mehr Ertrag mit weniger Umsatz als umgekehrt. Man habe eine sehr dynamische Unternehmenskultur, was bei Grossunternehmen in dieser Form gar nicht möglich wäre. Vieles gehe schnell. Er sei sehr entscheidungsfreudig. Zeitdruck nütze ihm, produktiv zu bleiben. Geschwindigkeit ist seine Welt – Speed eben: Rinspeed.

Geschwindigkeit wird notwendig sein, wenn Rinderknecht einen Weltrekord brechen will: Zurzeit hält Virgin-Boss Richard Branson die Bestzeit für die Überquerung der Strasse von Dover – mit dem Auto, versteht sich! Rinderknechts Ziel ist es, diesen Weltrekord zu brechen. Dazu muss er die Strasse von Dover in weniger als hundert Minuten und fünf Sekunden überqueren. Eine echte Herausforderung – «da gehts um mehr, als einfach Bierdeckel aufeinander zu stellen».

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