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Nachhaltigkeit: Rendezvous ­unter Strom

Ein heisser Schlitten und ein schnelles Boot. «Miami ­Vice» am Zürichsee? Nein, ein Blick in die Zukunft des Automobil- und Bootsbaus.

Von Dieter Liechti
22.10.2010

Ich gebe es ja zu: Mitte der achtziger Jahre war ich eifersüchtig auf Don Johnson, der als Sonny Crockett in der TV-Serie «Miami Vice» mit Ferrari und Cigarette-Boot auf Verbrecherjagd ging. Mit seiner Fönfrisur, den grellen T-Shirts, den teuren Massanzügen und seinen luxuriösen Rennern zu Land und zu Wasser brach er auf der Jagd nach den Drogendealern nicht nur Geschwindigkeitsrekorde, sondern auch die Herzen der Frauen. Und das nicht nur im Film, sondern auch in meinem realen Umfeld. «Nein, ich habe leider keine Zeit heute», hiess es damals oft, «um 21 Uhr kommt ‹Miami Vice›.»

Also musste ich reagieren. Und so wie Frauen heute Nespresso-Kapseln in der Hoffnung kaufen, George Clooney höchstpersönlich im Shop anzutreffen, habe ich mir damals ein Boot gekauft. Oder vielmehr geleast. Dealer wollte ich keine jagen, Herzen brechen aber durchaus. Für ein langes Cigarette-Boot war die Zahlenkombination auf meinem Kontoauszug zu kurz. Aber für ein acht Meter langes Offshore-Boot reichte es. Aussen weiss, innen rot, acht Zylinder, 370 PS – damit stand ich auf dem Thunersee in der Pole Position.

«Ja, das waren noch Zeiten», lacht Markus Boesch (39), während wir lautlos mit einem edlen Holzboot aus der Werft in Kilchberg hinaus auf den Zürichsee gleiten. «Damals mussten die amerikanischen Boote vor allem laut sein. Und schnell.» – «So wie eine Corvette auf der Strasse?», frage ich. «Das kommt hin», nickt Boesch und lächelt, «ein Versuch jedenfalls, die Männlichkeit zu multiplizieren.»

Viel Sinn und Spass. Er muss es wissen. Denn immerhin verkörpert Markus Boesch bereits die vierte Generation auf der Kommandobrücke der edlen Zürcher Bootsmanufaktur. Während sein Gross­vater Walter Boesch das sogenannte ­«Horizon Gliding» erfunden hat, sein ­Vater Klaus und sein Onkel Urs diese ­Fähigkeit der Holzboote verfeinert haben, setzt die jüngste Generation die Firma ­unter Strom. Die Automobil­industrie ­flirtet erst seit ein paar Jahren mit der Kraft aus der Steckdose, doch bei Boesch blickt man bereits auf eine längere Erfahrung zurück.

«Wir rüsten unsere klassischen Run­abouts auf Wunsch schon seit über 15 Jahren mit Elektro-Aggregaten aus», erzählt Markus Boesch. «Denn wir sind überzeugt, dass elektrische Antriebe ein ­immenses Potenzial haben.» Mit dieser Meinung steht der Youngster nicht alleine da. Schiffsbauingenieur Klaus Boesch, der ­zusammen mit seinem Bruder Urs die dritte Generation an der Spitze des Unternehmens bildet, glaubt fest an eine elektrische Zukunft, denn das Elektroaggregat ist auch auf dem Wasser viel effizienter als der Verbrennungsmotor. «Bei einer durchschnittlichen Fahrzeit von 30 Stunden pro Saison verbraucht ein Elektroboot ungefähr 1500 Kilowattstunden, die Verbrennerversion mehr als das Zweieinhalb­fache», so Urs Boesch. «Zudem steht das maximale Drehmoment praktisch über den ganzen Drehzahlbereich zur Verfügung, und der hohe Wirkungsgrad des Elektromotors von über 90 Prozent ist ­annähernd konstant.»

Was theoretisch Sinn ergibt, macht praktisch eine Menge Spass: Statt das Donnergrollen eines Achtzylinders macht im 620 Acapulco de Luxe Electric Power nur ein grünes Lämpchen im Cockpit darauf aufmerksam, dass der Motor läuft. Lautlos gleitet das 6,5 Meter lange und 2,2 Meter breite Motorboot auf den fast leeren Zürichsee. Ohne das sonore Grollen der V8-Motoren von Boesch fühlt sich das an wie Segeln. Nur der Wind und das Wasser kumulieren sich zu einer dezenten Geräuschkulisse.

«Mit ‹Miami Vice› hat das gar nichts zu tun», stelle ich fest. Markus Boesch lacht. Er drückt den Schalthebel nach vorne, und das rund 1400 Kilogramm schwere Boot schnellt mit seiner 120-Kilowatt-Anlage (163 PS) hoch wie Usain Bolt bei seinem Weltrekordspurt über 100 Meter aus den Startblöcken in Berlin. Nach drei Sekunden hat der Boesch Acapulco de Luxe 620 Electric Power die Gleitfahrt bei 30 Kilometern pro Stunde souverän und locker erreicht. «Wenn es sein müsste, würden wir sogar Tempo 63 schaffen», freut sich Markus Boesch. «Doch dann würde die Speicherkapazität der Lithium-Ionen-Polymer-Akkus nicht ganz für die Fahrt von Zürich nach Rapperswil und ­retour reichen.»

Schweizer Vorreiter. Was zuerst nach einem Nachteil klingt, wird vom Fachmann schnell relativiert: «Die meisten Motorbootfahrer legen pro Tag nie ­eine so lange Strecke zurück», so der Fachmann. «Zudem sind unsere Boote ja nicht primär für Vollgasfahrten konstruiert.» Dass ein Boot heute mit Vollstrom beinahe die Strecke von Zürich nach Rapperswil und zurück schafft, hätte man vor zehn Jahren noch nicht geglaubt. «Erst der Umstieg auf die leistungsfähigen, aber teuren Lithium-Ionen-Polymer-Akkus 2005 machte das möglich», sagt Boesch. «Das war ein Quantensprung für unsere elektrische Antriebstechnologie.»

Doch obwohl die Kilchberger Spezialisten bei der Elektrifizierung der Motorboote international eine Vorreiterrolle spielen und ihre Electric-Power-Boote in ganz Europa verkaufen, fahren selbst auf dem heimischen Zürichsee noch keine Stromer in Kundenhand. «Solange es auf Schweizer Seen keine Beschränkungen für Motorboote mit Verbrennungsmotoren gibt, wird das wohl auch so bleiben», vermutet Markus Boesch. «Zumal die Preisdifferenz zwischen einer elektrischen Anlage und den herkömmlichen Motoren noch sehr gross ist.»

Das kennt man auch aus der Auto­mobilindustrie. Doch dort lassen sich die Schweizer Autofahrer nicht von dem ­hohen Preis beeindrucken. Bestes Beispiel dafür ist der elektrische Roadster von ­Tesla, der seit diesem Jahr in der Schweiz angeboten wird. Der Tesla, der auf dem ­Lotus Elise basiert und wie dieser in England gebaut wird, kostet mindestens 138  300 Franken, während der Lotus als Benziner mit maximal 73  500 Franken in der Preisliste steht. Trotzdem wurden hierzulande bereits über 50 Roadster ausgeliefert. «Die Schweiz ist das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Markt für Tesla Motors», bestätigt denn auch Sales Manager Jochen Rudat.

Dabei basiert die Faszination des Tesla Roadster 2.5 mit seinen 288 PS auf den gleichen Faktoren wie das Boesch-Stromboot: beinahe lautlose Fortbewegung, dramatische Beschleunigung – und ein gutes Umweltgewissen obendrein.

Daran dachte Mitte der achtziger Jahre noch niemand. Doch den einen oder anderen Dealer hätte Sonny Crockett mit einem Tesla Roadster und einem Boesch Acapulco 620 Electric Power wohl zusätzlich geschnappt. Denn statt mit lautem Getöse Verfolgungsjagden zu Lande und zu Wasser zu inszenieren, hätte er sich mit diesen Luxusfahrzeugen lautlos an die Verbrecher anpirschen können.

Ob das den Frauen ebenso imponiert hätte wie die donnernden Ritte im Cigarette-Boot oder im Ferrari? Kaum. Deshalb setzte sich Don Johnson nach dem Aus von «Miami Vice» als Detective Nash Bridges ab 1996 ja auch ans Steuer eines gelben 71er Plymouth Hemi Cuda Convertible – des amerikanischen Muscle Car schlechthin. Und jetzt hat der einstige Cop die Seiten gewechselt: In Roberto Rodriguez’ Film «Machete» ist Johnson ab November als unberechenbarer Anführer einer privaten Grenzarmee zu sehen. Und dazu passen die beiden Stromer definitiv nicht.

Und ich? Ich habe Johnson in meiner persönlichen Hitliste längst durch Bruce Willis ersetzt – dessen Mangel an Haarpracht passt besser zu mir. Zudem hat er in «The Fifth Element» Milla Jovovich nicht nur mit einem Elektro-­Taxi gerettet, sondern sogar erobert. Und das schon 1997. Das ist visionär. So wie der Tesla Roadster und die elektrischen Boesch-Boote.

Boesch 620 Acapulco de Luxe Electric Power

  • Modell: Formschönes Runabout mit grosser ­Liegefläche, zugelassen für 6 Personen, ­CE-Kategorie D
  • Masse: Länge 6,5 Meter, Breite 2,2 Meter
  • Gewicht: 1400 Kilogramm
  • Motor: Elektromotoren mit 50/80/100 kW ­Dauerleistung, ­Lithium-Ionen-Polymer-Akkus mit 120/159 Ah Kapazität
  • Reichweite: 20 bis 80 Kilometer, je nach Akku und ­Geschwindigkeit
  • Preis: ab 256  300 Franken
  • Showroom: Boesch Motorboote, Seestrasse 197, 8802 Kilchberg ZH, +41 (0)44 711 75 75
  • Informationen: www.boesch-boats.ch

Tesla Roadster Sport 2.5

  • Modell: Zweiplätziger Roadster mit Elektromotor
  • Masse: Länge 3,95 Meter, Breite 1,85 Meter, Höhe 1,13 Meter, Radstand 2,35 Meter
  • Gewicht: 1238 Kilogramm
  • Motor: Elektromotor mit 288 PS (215 kW)
  • Fahrleistungen: von 0 auf Tempo 96 in 3,7 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 201 km/h, ­maximales Drehmoment 370 Nm
  • Reichweite: 340 Kilometer
  • Preis: ab 138  300 Franken; Sport 2.5 mit 400 Nm ab 162  200 Franken
  • Showroom: Tesla Motors, ­Pelikanstrasse 10, 8001 Zürich, +41 (0)43 344 73 50
  • Informationen: www.teslamotors.com
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