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J.M. Weston: Sein Paar fürs Leben

Massarbeit in Granatrot: Olivier Toublan leistete sich Schuhe, die sonst kaum einer trägt.
Massarbeit in Granatrot: Olivier Toublan leistete sich Schuhe, die sonst kaum einer trägt.

Für Männer sind die Schuhe eines der letzten Accessoires, bei denen sie sich eine Portion Extravaganz leisten können, ohne dass dies ihrer Eleganz abträglich wäre. Den Beweis liefert ein Massschuh, den die Luxusmarke J.M. Weston für FIRST angefertigt hat.

Von Olivier Toublan
17.03.2011

Ich gebe zu, ich bin ein Schuhfreak. Zum Glück bei weitem nicht der einzige. Schuhe zählen nämlich zusammen mit Uhren zu den letzten Accessoires, bei denen sich die Männer etwas Ausgefallenes erlauben dürfen, ohne an Eleganz einzubüssen oder zu schockieren. Wie bei allen Accessoires wächst auch bei den Schuhen die Leidenschaft mit der Zeit. Zu Beginn begnügt man sich mit Mainstream. ­Anschliessend wagt man sich an etwas exzentrischere Formen oder Farben heran, wofür wir uns den gehobeneren Marken zuwenden müssen. Schliesslich kommt der Moment für einen Massschuh. Für einen echten Liebhaber ist das der heilige Gral. Stellen Sie sich vor, Sie schlüpfen in einen Schuh, der nur für einen Fuss entworfen, zugeschnitten und genäht wurde: den Ihren. Mit einer Auswahl an Materialien, Farben und Verzierungen, die man üblicherweise bei der Massenware nicht findet. Kurz, ein Traum!

Also vereinbare ich einen Termin in der Weston-Boutique in Genf. Die Marke Weston ist trotz ihrem englisch klingenden Namen eine ­legendäre französische Schuhmarke, die bereits seit über hundert Jahren besteht und dafür berühmt ist, dass sie das Goodyear-Verfahren nach Kontinentaleuropa gebracht hat. Dieses Verfahren für rahmengenähte Schuhe wird von allen Luxusmarken verwendet, weil damit die Schuhe leichter wiederbesohlt werden können. Und weil es einen unvergleichlich guten Tragekomfort garantiert.

Angélique Calleja, die Geschäftsführerin der Boutique, empfängt mich mit einem freundlichen Lächeln. Sehr zahlreich sind die Kunden, die sich Massschuhe anfertigen lassen, in Anbetracht des Preises dieses Pläsierchens nicht – «ungefähr ein halbes Dutzend pro Monat». Dieses wird ausführlich beraten und bei der Auswahl begleitet. Der erste Schritt ist einfach: Mass nehmen. Und schon stellt sich eine Überraschung ein. Bekanntlich sind unsere Füsse nicht genau gleich gross. In der Regel beträgt die Differenz wenige Millimeter. Nicht so bei mir: Mein linker Fuss benötigt eine halbe Breite mehr als mein rechter. Bei Schuhen ab der Stange wäre das eine Unmöglichkeit, bei Massschuhen ist das kein Problem.

Auslegeordnung muss sein. Da Weston ein vereinfachtes Verfahren der Massanfertigung anwendet, wird von meinem Fuss kein Holzleisten hergestellt wie etwa bei Berlutti. «Ein solcher wurde fast nur noch von Leuten mit Fussproblemen verlangt», sagt Angélique Calleja. Wir begnügen uns daher mit dem, was die Marke Halbmass nennt. Mit fünf oder sechs Breiten pro Halbgrösse wird dennoch eine sehr hohe Genauigkeit erzielt. Das reicht für alle Arten von Füssen. Zudem ist es deutlich günstiger, nämlich nur 40 Prozent teurer als «Prêt-à-chausser»-Schuhe, das heisst 1300 Franken pro Paar der Art, von der wir sprechen. Nach dem Massnehmen geht es an die Auswahl der Form. Im Laden kann ich unter zehn Modellen auswählen, die mir gefallen. Mehrheitlich sind es Richelieu-Modelle, die eleganter sind als die Derby.

Ich lege sie vor mir aus, betrachte sie, zögere, bis zum grausamen Moment der definitiven Entscheidung. Am liebsten hätte ich ein Paar von jedem Modell. Schliesslich entscheide ich mich für einen ziemlich schlichten Richelieu, bei dem sich mit der Farb- und Materialwahl einige schöne Effekte erzielen lassen.

Kalbsleder, das klassische. Aber damit nicht genug. Jetzt muss ich noch das Leder auswählen. Nicht einfach, da Weston gegen hundert Ledersorten anbietet. Die klassischen. Die exotischen, wie Eidechsen-, Kroko- oder Straussenleder. Die seltenen, wie Hai, Aal, Antilope oder Meerschweinchen. Die Manufaktur in Limoges hat sogar noch einige Stück Elefantenleder an Lager. Ein Paar in Straussenleder käme wohl am besten zur Geltung. Aber Angélique Calleja rät mir davon ab. Dieses in der Regel sehr feine Leder ist zwar sehr schön, aber auch ausgesprochen heikel. Und da ich diese Schuhe schliesslich auch tragen und nicht nur zu Hause ausstellen möchte, entscheide ich mich für etwas Klassisches, Solides und Bewährtes: weiches und strapazierfähiges, beinahe unzerstörbares Kalbsleder. Es ist ausserdem auch viel billiger als Krokodilleder. Kleiner Mathe-Exkurs: Um ein Paar Schuhe anzufertigen, braucht es zwei Stück Krokodilleder zu 650 Franken das Stück, mindestens. Rechnen Sie selbst. Und das ist erst das Material, die Arbeit kommt noch dazu. Ein Stück Kalbsleder hingegen kostet etwas mehr als 200 Franken und reicht für fünf Paar Schuhe.

Kehren wir zurück zu etwas weniger materialistischen Betrachtungen, wir sind ja nicht hergekommen, um über Geld zu sprechen. Nach der Art des Leders muss ich nun dessen Farbe und Lackierung bestimmen. Auch hier habe ich die Qual der Wahl. Natürlich könnte ich etwas Klassisches wählen aus der Palette, die von Schwarz bis Dunkelbraun reicht und an den Füssen aller gestressten und wichtigen Männer anzutreffen ist. Doch wenn man sich schon ein Paar Massschuhe schustern lässt, weshalb nicht eine seltene Farbe wählen? Dieses schöne, zarte Granatrot zum Beispiel. Nicht wirklich diskret, aber dennoch sehr elegant. Aus ästhetischen Gründen und um den Schuhmachern die Arbeit etwas zu erschweren, wähle ich für die beiden Teile des Schuhs nicht nur verschiedene Farben, sondern auch unterschiedliche Materialien: ein granatrotes Wildleder für die äusseren Quartiere (Oberteil) und ein Anilou Toucan, ein beinahe himbeerfarbenes Rot, für die Plateaus.

Noch ein letztes Detail: die Dicke und Farbe der Nähte. 23 verschiedene Varianten stehen zur Auswahl. Dieses Mal fällt mir die Entscheidung leicht: Weil meine Schuhe rot sein werden, wähle ich weisse Nähte. Das schaut dann ein bisschen nach Schweizer Fahne aus!

So, die Auswahl ist getroffen. Auf dem Papier. Angesichts der aussergewöhnlichen Farben und der unterschiedlichen Materialien ­sehe ich dem Ergebnis mit gemischten Gefühlen entgegen. Gut zwei ­Monate lang frage ich mich immer wieder, ob ich wirklich die richtige Wahl getroffen habe. So lange brauchen die Schuhmacher von Weston nämlich, um die 180 bis 200 Arbeitsschritte auszuführen, die für die Herstellung von einem Paar Massschuhen erforderlich sind.

Zu Besuch in der Vergangenheit. Und dann, eines schönen Morgens, klingelt das Telefon: Die Schuhe sind fertig. Am einfachsten wäre es, sie in die Schweiz liefern zu lassen, doch ich möchte wissen, wie sie hergestellt wurden. Also vereinbare ich einen Termin in der Manufaktur in Limoges für einen Besuch, der mich in die Vergangenheit zurückversetzt.

Wir beginnen den Rundgang an einem klirrend kalten Morgen in der Gerberei, wo das Leder für die Sohlen vorbereitet wird. Dicke und solide altgrubengegerbte Sohlen, die man nirgendwo sonst findet. Die Herstellung eines so dicken Leders mittels einer jahrhundertealten rein pflanzlichen Technik, mit welcher man ein widerstandsfähigeres Leder erhält als mit den heutigen chemischen Verfahren, dauert beinahe ein Jahr. Eine Arbeit, die unter härtesten Bedingungen ausgeführt wird und deren Technik sich seit der Gründung der Gerberei vor zwei Jahrhunderten praktisch nicht verändert hat.

Anschliessend besuche ich die Fabrik in Begleitung von Chanta Vongkingkéo, dem Büroleiter. Auch hier versetzt mich die Arbeit der Schuhmacher, die mit Scheren, Nadeln, Schabern und Holzleisten hantieren, in die Vergangenheit. Einige der Maschinen sind sogar über hundert Jahre alt. Es ist eine häufig langwierige, harte Arbeit, von welcher schwielige Hände zeugen. Eine Arbeit aber auch, die Leidenschaft in der Stimme jener erkennen lässt, die davon erzählen. Alle sind stolz auf ihr Können, ihr Wissen und ihre Fingerfertigkeit.

Dann folgt der lang ersehnte Augenblick: die Entgegennahme meiner Schuhe. Hier sind sie, endlich, in dieser rechteckigen, grauen Schachtel, die ich fast nicht zu öffnen wage. Doch wie ich den Deckel anhebe, verfliegen alle Zweifel. Sie sind so schön, poliert und weich anzufühlen. Noch etwas steif zwar, als ich sie zum ersten Mal anziehe. Das sei ganz normal, versichert mir Jean-Luc Tharreau, der Leiter der Manufaktur. Das Leder ist ziemlich dick, damit es lange hält. Deshalb muss man die Schuhe rund fünfzehn Mal tragen, bis es schön weich wird. «Dann aber fühlen sie sich an wie Pantoffeln!», lächelt der ­Direktor, der, bevor er uns gehen lässt, mich noch darauf hinweist, die Schuhe nie zwei Tage nacheinander zu tragen. «Das Leder braucht Zeit, um zu atmen, ansonsten geht es schnell kaputt.»

Hier bin ich also, mit meinen Massschuhen an den Füssen. Das Leder ist tatsächlich schnell weicher geworden, trotzdem würde ich die Schuhe nicht gerade mit Pantoffeln vergleichen. Mich nimmt auch wunder, ob sie ihre Wirkung erzielen. Auf der Strasse bemerke ich die schrägen Blicke der amüsierten, erstaunten, manchmal auch etwas neidischen Passanten, die sich nie trauen würden, himbeerfarbene Schuhe zu tragen.

Ein Moment der Nostalgie. Ich erhalte auch viele Komplimente. «Herr Toublan, Sie tragen fantastische Schuhe», gratuliert mir der Oberkellner eines der besten Restaurants der Schweiz voller Bewunderung. Der Chef einer grossen Uhren­marke gibt sich weniger wortreich, betrachtet meine Schuhe dennoch mit einem breiten Lächeln und hebt den Daumen zum Zeichen der Anerkennung. Ein Lausanner Verleger wird bei ihrem Anblick nostalgisch: «Als ich jung war, ­besass ich auch Schuhe in dieser Farbe, aber heute würde ich mich nicht mehr trauen, sie zu tragen.»

Die Bemerkung, die mich am meisten freut, stammt vom Chefredaktor eines asiatischen Uhrenmagazins, einem stets äusserst gut gekleideten Herrn, der soeben von einer Einkaufstour in London zurückgekehrt ist. Sein Anzug verrät mir, dass er wohl einige Stunden in der Savile Row verbracht haben muss. «Wonderful, magnifique, Olivier, deine Schuhe sind amazing», ruft er entzückt in einem Gemisch aus Englisch und Französisch, bevor er sich nach der Marke erkundigt und sich vornimmt, ein Paar für sich zu bestellen. Somit erweist sich die eingangs geäusserte These als zutreffend: Schuhe sind bei den ­Männer-Accessoires eine der letzten Bastionen, bei denen Ausgefallenes auf Akzeptanz, ja Bewunderung stösst.

 

J.M. Weston wurde 1891 von Edouard Blanchard in Limoges in Zentralfrankreich gegründet. 1904 reiste sein Sohn Eugène nach Weston, das in Massachusetts (USA) liegt, wo er die Rahmennähtechnik (Goodyear-Welting-Machart) entdeckte, dank der sich Schuhe einfacher neu besohlen lassen. Diese Technik brachte er nach Frankreich.

Heute ist das Unternehmen zu einer Referenz für Luxusherrenschuhe geworden. Die Hauptproduktions­stätte befindet sich nach wie vor in Limoges, wo pro Jahr ungefähr 75  000 Paar Schuhe hergestellt werden, 210 pro Mitarbeiter, und ein Umsatz von 70 Millionen Franken erzielt wird. Seit 1974 gehört das Unternehmen zur EPI-Gruppe der Familie Descours, die mehrere Kleidermarken besitzt.

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