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Cartier: Nach Art des Hauses

Kostbarkeit: Bracelet aus Platin mit einem Morganit von 43,14 Karat.

«Très Cartier», so bezeichnet Pierre Rainero, der Hüter der künstlerischen Identität, den Stil der Pariser reziosen-Manufaktur. Einen Stil, der Frauenherzen höher schlagen lässt.

Von Pierre-André Schmitt
am 17.03.2011

Der Mann, der alles weiss, heisst Pierre ­Rainero. Gut, ganz alles weiss er nicht, aber fast alles – jedenfalls wenn es um die Kulturgeschichte von Cartier geht. Auf seiner Visitenkarte steht einer dieser ­wunderbaren Titel, auf den nur Franzosen kommen können, und das ist als Kompliment gemeint. «Directeur de l’Image, du Style et du Patrimoine» ist Pierre Rainero bei Cartier, mithin so etwas wie der Gralshüter der künstlerischen Identität.

Für unsere Frage gibt es also keinen besseren Adressaten. Was macht den Stil des Hauses Cartier aus?, wollen wir von ­Pier­re Rainero wissen. Der Mann muss nicht lange überlegen: «Die kreative Herausforderung beim Entwerfen eines Cartier-Stückes besteht darin, dass es ‹très Cartier› und gleichzeitig auch überraschend sein muss.» Mit anderen Worten: Ein Schmuckstück von Cartier muss immer als Schmuckstück von Cartier erkennbar sein, aber es darf niemals gleich aussehen wie ein bereits bestehendes.

Das wollen wir aber etwas genauer wissen. Freunde der Marke hatten dieses Jahr zweimal die Gelegenheit, den Cartier-Stil zu bewundern. In Prag zeigte die Weltmarke an der Ausstellung «Power of Style» die schönsten Stücke aus der grossen Sammlung des Hauses. In Paris, an der Biennale des Antiquaires, wurden aktuelle Stücke in die Vitrinen gestellt: atemberaubende Kunstwerke der Haute Joaillerie, alle unter den wachsamen ­Augen von Pierre Rainero gefertigt. Eine Auswahl zeigen wir auf den folgenden Seiten.

An beiden Anlässen hat Cartier bestätigt, dass das Haus weltweit die Nummer eins in der Haute Joaillerie ist. Keine Marke ist wirtschaftlich potenter. Keine hat mehr Power. Nur wenige haben eine annähernd überzeugende historische und künstlerische Substanz.

Wer keinen der beiden Anlässe erlebt hat, muss übrigens nicht allzu traurig sein. Cartier ist an der alle zwei Jahre stattfindenden Biennale des Antiquaires immer präsent, seit 1964 als einziger Anbieter, der keine Antiquitäten präsentiert. Und auch eine Ausstellung wie die in Prag macht die Maison seit Jahren regelmässig.
Das hat wiederum mit Pierre Rainero zu tun, dem die private Collection des Hauses Cartier unterstellt ist: 1400 Preziosen, die immer wieder als Fundus für Ausstellungen dienen.

Stilbildende Sammlung. Warum macht man aus einer solchen Sammlung kein Mu­seum? «Aus pragmatischen Gründen», sagt Pierre Rainero. «Ein Museum überzeugt uns in Sachen Besucherzahlen zu wenig.» Man kann das verstehen: In Prag haben 50  000 Menschen die Ausstellung auf der Burg besucht, in Peking waren es letztes Jahr deren 300  000. Solche Zahlen kann kein Museum verzeichnen.

Zudem ist die Sammlung so etwas wie die Stilfibel des Hauses, wobei Pierre Rainero den Begriff Stilfibel nie gelten lassen würde. «Wir weigern uns, ein Stilmanual zu erstellen», sagt er ganz kurz, «denn das wäre sehr gefährlich.» Der Stil müsse sich entwickeln wie ein Film, mit einem Manual hin­gegen würde alles wie auf einer Fotografie eingefroren. Lieber spricht Rainero von einer Stilgrammatik. Ein Wörterbuch wäre zu einengend, das würde die Weiterentwicklung des Stils abwürgen, eine Stilgrammatik hingegen setze Regeln, aber sie mache die Designer nicht zu Gefangenen – sie erlaube Entwicklungen. Man dürfe sich nicht zum Sklaven des Erbes machen, doch man müsse dieses in die neuen Kreationen integrieren.

Pierre Rainero spricht aus Erfahrung. Neue Kreationen ­verlassen das Haus nur, wenn er sie für gut befunden hat. Oder anders gesagt: für «très Cartier».

Inspirierender Orient. Und das bringt uns unweigerlich zur Geschichte des Unternehmens. 1875 wird Louis Cartier geboren, sein Grossvater Louis-François hat das Juweliergeschäft 1847 etabliert. Louis, der Enkel, der zwei Brüder hat, wird ein paar wegweisende Entscheide fällen, das Unternehmen prägen und vorantreiben. «In Louis begegnet uns die seltene Synthese eines Ästheten und eines geradezu instinktiven Markt­strategen», schreibt Cartier-Biograf Hans Nadelhoffer in seinem Standardwerk «Cartier».

Louis zügelt das Geschäft an die famose Rue de la Paix 13, an dieser Adresse findet damals das Stelldichein der Eleganten und sehr Reichen in Paris statt. Vor allem aber reisen Louis und seine Brüder Pierre und Jacques viel, sie reisen nach Indien, nach Russland, an den Persischen Golf und in die USA. 1902 wird in London eine Cartier-Filiale eröffnet, sie wird vom jüngsten Bruder, Jacques, geführt. 1909 macht Cartier in New York die Türen auf, Pierre, der «geborene Kaufmann», leitet fortan das Amerikageschäft. Nicht weniger wichtig: Auf ihren Reisen holen sich die Cartiers ihre Inspiration, das Haus entwickelt seinen klaren, hochkarätigen Stil, er ist vor allem auch, wie man heute sagen würde, multikulturell. Vorab Jacques ist begeistert von fernöstlicher Kunst, er macht den Orient zur wichtigen Quelle des vom Art déco geprägten Cartier-Stils.

Noch heute schöpft Cartier daraus die Ingredienz für seine Kreationen. Lange vor dem heute so beliebten Vintage-Geschwafel hat die Marke sich auf ihre Tradition besonnen. Und so diesen Stil geschaffen, der ganz bewusst nicht auf einzelne Design­stars setzt, sondern auf eine bestimmte Designsprache. Pierre Rainero fasst ihn in drei Worten zusammen: «Schön, verführerisch, fundamental.»

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