Medien sind die vierte Macht im Staate. So lautet die gängige Lehrmeinung, seit Ende des 19. Jahrhunderts der französische Jude Alfred Dreyfus der Spionage bezichtigt («Dreyfus-Affäre») und durch Recherchen der Presse rehabilitiert wurde. 150 Jahre später konstatiert der australisch-amerikanische Medienzar Rupert Murdoch zur Frage der Medienmacht: «Power is moving away from the old elite in our industry – the editors, the chief executives and, let’s face it, the proprietors.» Schlimmer noch: «Media becomes fast food.» Und Ignacio Ramonet, Direktor von «Le Monde diplomatique», meint: «Information ist nur noch eine Ware» – eine zudem, die zunehmend gratis vertrieben wird. Wo aber ein Produkt zur industriell gefertigten Ware verkommt, gewinnt nach guter alter marxscher Doktrin die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel wieder an Bedeutung.

Insofern ist es folgerichtig, dass im diesjährigen Rating der mächtigsten Exponenten der heimischen Medienbranche Verleger wie Michael Ringier, Pierre Lamunière oder auch Hanspeter Lebrument prominente Spitzenplätze einnehmen. Aber auch dies ist wohl nur die halbe Wahrheit. Die eigentlichen Taktgeber der Branche sind heute die werbetreibenden Unternehmen, die aus einer wachsenden Fülle von Werbeplattformen auswählen können, sowie die Medienkonsumenten, die zunehmend opportunistisch ein fast grenzenloses Angebot konsumieren.

1 (**)
Ringier Michael (57)
VR-Präsident Ringier

Philosophiert der Mann über die Macht des Verlegers, kommt er zu einem ernüchternden Schluss. Er könne «den Chefredaktor wählen und im Nachhinein über den Inhalt der Zeitung diskutieren». Das klingt nach wenig Einfluss und ist auch nur eine Seite der Medaille. Der mit 1,2 Milliarden Franken Umsatz grösste Schweizer Verlag hat genug Bares, um Neues zu wagen: etwa die Abendzeitung «Heute» oder den Multimediaverbund rund um das Wirtschaftsblatt «Cash». Dass Alleinbesitzer Michael Ringier dies tut – auch um wegbrechende Inserateumsätze zu stabilisieren –, macht ihn hierzulande einflussreich wie keinen Zweiten in der Branche. Note 5,23

2 (3)
Hartmeier Peter (53)
Chefredaktor «Tages-Anzeiger»

Er ist ein Sonnyboy, und das (Berufs-)Leben hat es gut mit ihm gemeint: Früher, als Chefredaktor der «Politik und Wirtschaft», hatte er einen Verleger, der ihm freie Hand liess, in gleicher Funktion bei BILANZ erlebte er die Hochphase der Wirtschaftspublizistik, und als Chef des Verbands Schweizer Presse machte er einen guten Job. Alles lief rund – bis er Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» wurde. «Die schwierigste berufliche Zeit meines Lebens», sagt er. Dass er sich trotz Stellenabbau und Budgetkürzungen durchgebissen hat, spricht für ihn, und dass die Leserzahlen haben stabilisiert werden können, zeigt: Der «Tagi» segelt wieder hart am Wind. Note 5,19

3 (6)
Rothenbühler Peter (57)
Chefredaktor «Le Matin»

«Der charmante Schlingel», schreibt das «St. Galler Tagblatt» und trifft damit das gängige Vorurteil über Peter Rothenbühler. Der Mann hat mehr zu bieten als nur einen sympathischen Charakter. Er ist ein brillanter journalistischer Kopf, der in der Deutschschweiz die «Schweizer Illustrierte» zum Erfolg geführt hat und selbiges nun mit «Le Matin» in der Romandie wiederholt. Note 5,14

4 (12)
Durisch Andreas (51)
Chefredaktor «SonntagsZeitung» und «Facts»

Seit acht Jahren leitet Andreas Durisch die «SonntagsZeitung» – kommerziell erfolgreich auch dank Inserateboom und News-Vakuum am siebten Tag der Woche. Nun begibt er sich mit «Facts» auf raue See: Das Blatt ist mit rund sieben Millionen Franken im Minus, schiebt ein Imageproblem vor sich her, und der jüngste Relaunch überzeugt noch nicht. Nun muss Durisch zeigen, dass er mehr ist als ein Schönwetterkapitän. Note 5,13

5 (2)
De Schepper Werner (41)
Chefredaktor «Blick»

«Der Chefredaktor des ‹Blicks› gehört zu den wichtigsten Leuten im Land, weil der ‹Blick› eine wichtige Institution ist», sagt der aktuelle Stelleninhaber und signalisiert persönliche Bescheidenheit. «Es wäre falsch, dies auf meine Person zu beziehen.» Eine Botschaft hat der studierte Theologe Werner De Schepper gleichwohl: Er liebt es, in sein Boulevardblatt Bibelzitate zu streuen. Er ist eine Art moderner Robin Hood, ein Sozialmissionar, der die Anliegen der kleinen Leute zu seinen eigenen macht. Dabei ergeht es ihm wie der Kirche: Seine lesenden Schäfchen säkularisieren sich zunehmend von ihrer Institution. Note 5,08

6 (*)
Schawinski Roger (61)
Geschäftsführer Sat 1

Als Chef des deutschen Privatsenders Sat 1 gehört Roger Schawinski zum kleinen Kreis erfolgreicher Schweizer Medienmanager im Ausland. Das Urteil des TV-Experten hat auch hierzulande nach wie vor Gewicht, und das mit guten Grund: Schawinski gehört zu der raren Spezies von Journalisten, die den Sprung vom Schreiberling zum Medienunternehmer geschafft haben. Und sein Radio 24 und TeleZüri hat er erst noch mit sattem Gewinn an die Tamedia verkauft. Bei Sat 1 hat er den Marktanteil gesteigert. Note 5,02

7 (9)
Lebrument Hanspeter (65)
Herausgeber «Südostschweiz», Präsident Verband Schweizer Presse

In Graubünden hat sich der Verleger und Mehrheitsaktionär der Südostschweiz Mediengruppe, Hanspeter Lebrument, ein kleines Imperium aufgebaut: Die Gruppe betreibt zwei Radio- und einen TV-Sender, Internetplattformen sowie unter dem Label «Südostschweiz» zwölf miteinander verbundene Tageszeitungen – neuerdings eine Ausgabe am Sonntag – in vier Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein. Im Reich von «Graubündens Pressezar» («Tages-Anzeiger») geht nichts gegen seinen Willen. Und als Präsident des Verbandes Schweizer Presse pilotiert er zudem den Verband der Schweizer Printbranche. Dort betätigt er sich als wortgewaltiger Politiker, der mal im Alleingang die Abschaffung der staatlichen Pressesubventionen fordert oder sich ein andermal weigert, Mindestlöhne für Journalisten in einem GAV festschreiben zu lassen. Note 5,00

8 (**)
Walpen Armin (57)
Generaldirektor SRG SSR

Er ist der siebte Generaldirektor in der Geschichte der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Das Amt an der Spitze des grössten Medienbetriebs des Landes sichert ihm Macht und Einfluss: Die SRG ist die bedeutendste meinungsbildende Institution der Schweiz – protegiert von der Politik, kritisiert von der TV-Konkurrenz und den Printverlagen. CVP-Mitglied Walpen nimmt es gelassen, denn das Reich der SRG ist vom Gesetzgeber lückenlos abgesichert. Note 4,69

9 (4)
Lamunière Pierre (56)
Verleger Edipresse

Er ist wohl der erfolgreichste Verleger des Landes: In der Romandie verfügt er praktisch über ein Pressemonopol, und auch im Ausland agiert er überaus erfolgreich. Insgesamt verlegt Pierre Lamunière mit 3000 Angestellten knapp 130 Titel in neun Ländern, etwa in Spanien, Portugal, Polen, Rumänien, der Ukraine oder Russland. Note 4,63

10 (8)
Deltenre Ingrid (45)
Direktorin Schweizer Fernsehen

Als Ingrid Deltenre im Jahre 2004 zur TV-Direktorin gekürt wurde, war das ein Novum für dieses Land: «Man hat eine Ausländerin zur Fernsehdirektorin gewählt, eine Frau und eine, die im Konkubinat lebt», sagt sie selber, «das ist toll an der Schweiz, dass so etwas möglich ist.» Nach dem Honeymoon der «TV-Prinzessin» – so eine Presse-Etikette – folgte der weniger glamouröse TV-Alltag, der die Kritiker auf den Plan rief: zu viel Kommerz, zu wenig journalistischer Tiefgang, monieren die einen. Spardruck und bröckelnde Marktanteile sind das andere – der Preis dafür, dass hierzulande jeder Gebührenzahler glaubt, Anrecht zu haben auf seine persönlichen TV-Präferenzen. Note 4,59

10 (10)
Haldimann Ueli (52)
Chefredaktor Schweizer Fernsehen

«Ich», sagt Ueli Haldimann, «bin ein bescheidener Arbeiter im Weingarten des Herrn.» Und so interpretiert er auch seinen Job als Chef der Informationssendungen des Schweizer Fernsehens – dort, wo das TV seine meinungsbildende Wirkung entfaltet. Note 4,59

12 (**) von Graffenried Charles (80)
VR-Präsident Espace Media
Note 4,56

12 (*) Köppel Roger (41)
Chefredaktor «Die Welt»
Note 4,56

14 (7) Leutenegger Filippo (53)
VR und CEO Jean Frey
Note 4,54

15 (**) Coninx Hans Heinrich (60)
VR-Präsident Tamedia
Note 4,49

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