I am the best», hat Carlo Nicoli als Erstes ins Telefon gerufen. Beim Besuch erweist sich der Inhaber des renommiertesten Bildhauerstudios Carraras als kleingewachsenes, quecksilbriges Energiebündel mit markantem Gesicht. Sein Hang zur vergnügten Prahlerei paart sich mit grossem Sachverstand über Marmor und dessen skulpturale Verarbeitung, was die Auftraggeber von weither anzieht. Die Grossen der Kunstwelt gingen bei Nicoli ein und aus, etwa Henry Moore, César, Jean Arp. Sie hinterliessen zahlreiche Spuren.

Im Entrée liegen unter dem antiken Holzpiano sechs Gipsmodelle von ineinander geschlungenen Händen. Die neusten Werke von Louise Bourgeois, dem derzeitigen Superstar der internationalen Kunstszene. Sie realisiert seit vierzig Jahren alle ihre berühmten Marmor- und Granitarbeiten hier, auch die daneben liegenden baseballgrossen Eier. Sie befanden sich im Netz der über zehn Meter hohen Spinne, der Bronzeskulptur, mit der Bourgeois bei der Eröffnung der Modern Tate Gallery in London für Furore sorgte.

Am Schreibtisch sitzt die 28-jährige Tochter Francesca und beantwortet E-Mails, daneben die 31-jährige Carla – die künftigen Chefinnen. Hinter ihnen eine Büste der streng blickenden Königin Victoria von England. Geschaffen hat sie Urgrossvater Carlo, der das Studio 1863 gründete. Seither verliessen unzählige Werke das Atelier, um an repräsentativen Stätten zwischen Mexico City und Tokio deren Gewichtigkeit symbolisch zu unterstreichen. Skulpturen, Reliefs, Monumente für Parlamente, Opern und Kirchen. Ein Werk zum Lobpreis Allahs für den König Saudi-Arabiens, ebenso die Figuren der neusten Heiligen für die vatikanische Sankt-Peter-Basilika.

Wir betreten die Ateliers, im ersten Moment blendet es fast. Gut zwanzig Leute arbeiten hier. Junge Bildhauerinnen und Bildhauer sind in eine kontemplative Auseinandersetzung mit dem Gestein vertieft. Einer von ihnen, Michael Esbin, meisselt universelle Themen wie «Die vergehende Zeit» zu abstrakten, runden Formen. Nebenan arbeiten ältere Einheimische mit gefurchten Gesichtern. In ihren Augenwinkeln hängen leuchtende Perlen, Tränenflüssigkeit, gemischt mit Polierstaub. Wenn sie nicht gerade Gipsmodelle arrivierter Künstler in Marmor oder Granit umsetzen, stellen sie Kopien von Skulpturenklassikern her. Für absolute Ebenmässigkeit sorgen Originalwerkzeuge aus der Renaissance. Dreimal schon wurde Michelangelos 5,2 Meter grosser David von 1503 hier in Museumsqualität kopiert, für einige hunderttausend Euro ist er zu haben.

Von diesem Künstler geht die Legende, er habe so lange in einen rohen Marmorblock hineingehorcht, bis er erkannte, was für eine Figur darin steckte. Im Hinterhof, wo ein Dutzend schimmernder Quader von Schneeweiss bis Perlgrau lagern, beginnt sich der Padre Padrone nun ähnlich zu verhalten. Er klopft mit dem Hammer verschiedene Stellen des Steines ab und beginnt, allein auf Grund des Klanges, über seine Beschaffenheit, Härte und die Eignungen zu referieren.

Sein Studio brauche nur 100 Tonnen pro Jahr, sagt Nicoli, wobei ein Kubikmeter rund drei Tonnen wiege: «Über 99 Prozent der monatlich geförderten 200 000 Tonnen werden für architektonische Zwecke verwendet.» Die Kunst, vor allem jene Michelangelos, verlieh dem weissen Marmor von Carrara das Prestige. Das Baumaterial profitiert nicht nur davon, sondern auch von der über 2000-jährigen Tradition. Seit die Römer ihre Bäder und Wände damit auskleideten, seit Kaiser Trajan seinen triumphalen Obelisken daraus hauen liess, oszilliert das Image dieses Stoffes zwischen Sinnlichkeit und Macht. Mit dem unschuldig wirkenden Stein partizipierten die Menschen aus Carrara an der Weltgeschichte und verliehen ihr damit einen Glanz, in dem sie sich noch heute gerne spiegeln.

Das Studio Nicoli ist der letzte grosse Name im Städtchen Carrara, einem verschlafenen 60 000-Seelen-Ort. Es liegt etwa auf halber Strecke zwischen La Spezia und Viareggio im Landesinnern, acht Kilometer von Marina di Carrara entfernt, dessen Hafen bis vor wenigen Jahren der weltweit grösste Umschlagplatz für Naturstein war. Heute dürften sowohl Ein- wie Ausfuhr bei 1,5 Millionen Tonnen jährlich liegen. An die Industriemeile mit ihren Kränen schliesst südlich die Ferienküste an. Im Hinterland des Nobelortes Forte dei Marmi («Marmorfestung») öffnet sich eine Region, die für viele Branchenkundige das Zentrum für qualitativen Naturstein schlechthin ist. Hier liegen 800 verarbeitende Betriebe, in der grossen Mehrheit spezialisierte Kleinwerkstätten. Dazu kommen fast 200 Firmen, die das dafür erforderliche Gerät herstellen, vom simplen Werkzeug bis zur hochkomplexen Maschinerie. Im Süden, zehn Kilometer von Carrara-Massa entfernt, liegt Pietrasanta, das heute mit seinen vielen Bildhauerateliers als eigentliche künstlerische Marmormetropole gilt. Auch einer der weltgrössten Rohblock-Granithändler der Welt hat hier seinen Hauptsitz.

Carrara-Avenza. Adolfo Forti S.p.a. an der Via Carriona 340 A, ein mittelgrosses Unternehmen, spezialisiert auf luxuriösen Naturstein am Bau. Wir fahren in den Innenhof der Firma ein, und die ganze romantische Grandezza ist mit einem Schlag verflogen. Gut 16 000 Marmorscheiben von rund 250˘160 Zentimetern lehnen hier aneinander mit unregelmässigen Rändern. Uni weiss oder grau geädert, gesprenkelt, gemasert, grünlich, bläulich, rötlich. Was dereinst unter so klingenden Namen wie «Arabescato» oder «Cremo delicato» die Haut für luxuriöse Innenräume abgeben wird, trägt in diesem Verarbeitungsstadium die nüchterne Bezeichnung «Unmassplatte».

Aus den offenen Werkhallen dringt ohrenbetäubender Lärm. Hier entsteht aus Felsblöcken edles Material. Kreischend zerteilen Gattersägen die länglichen Quader. 55 diamantbesetzte Trennscheiben arbeiten sich parallel durchs Gestein. Zugleich regnet es sturzbachartig Kühlwasser, auf dem Boden liegt knöcheltiefer Matsch. Auf einem langsam laufenden Fliessband erfolgt die Politur, anschliessend die Versiegelung mit Epoxydharz. Vier Stunden bei 80 Grad. Nach einem zweiten Poliergang gleicht die Marmorplatte einem frisch geputzten Schlittschuhfeld. Monatlich produziert diese computergesteuerte Maschinerie über 30 000 Quadratmeter.

Antonio Forti, auf seiner Visitenkarte als «Presidente» ausgewiesen, ist ein freundlicher Mann mit einem Hang zu präzisen Fakten – wie sich herausstellen wird, hierzulande eine Rarität. Die Firmengeschichte, die er ausführt, erweist sich als typisch für die Entwicklung Carraras. 1920 von Grossvater Adolfo gegründet, beschränkte sie sich zunächst auf nationalen Marmorhandel. In den dreissiger Jahre kamen einige Brüche dazu. Ende des Zweiten Weltkrieges begann der Export des weissen Steines, zunächst nach Nordeuropa und Frankreich, ab 1965 nach Japan und in die USA. 1970 kam der Umzug von Carrara nach Avenza, näher zum Hafen hin. 1975 übernahm Antonio die Firmenleitung von Bruder Paolo. Anfang der achtziger Jahre stieg er in die Granitmanufaktur ein.

Diese Diversifizierung Fortis entsprach jener der ganzen Region. Das hiesige Know-how in Sachen Steinverarbeitung war weltweit einzigartig. Michelangelos Erben übertrugen ihre Fähigkeit zum Ausloten steinerner Innereien auf den viel härteren Granit. Wie Pferdehändler, so der Schweizer Architekt Heinz Wegmann, betätschelten die versierten Steinbrecher die Rohblöcke und besprayten sie mit den stets mitgeführten Wasserpümpchen, wobei sie leidenschaftlich seine Eigenheiten diskutierten. Seit 1960 entwickelte sich die Marmorkapitale für drei Jahrzehnte zur Drehscheibe des Granithandels. Aus der ganzen Welt wurden die unbehauenen Brocken angeschippert und verliessen den Hafen als fixfertige Hochglanzplatten wieder.

In diese goldenen Zeiten fiel eine rege Bautätigkeit im Nahen Osten. Forti stattete das saudi-arabische Aussenministerium aus, eines der grössten Gebäude der Welt. Nach 1985 beteiligte er sich weltweit an den Power-Towers der Konjunktur, unter anderem am Erweiterungsbau des «Cesars Palace» in Las Vegas, am Münchner BMW-Gebäude, am Kodak-Building in Hongkong, an Luxushotels von Sacramento bis Seoul. Meist bestanden die Aussenhüllen aus Granit, die Innenausstattung aus Marmor. 1999 stieg er als Partner in eine brasilianischen Granitmanufaktur ein. Damit setzte er quasi das hierzulande geläufige Sprichwort um: «In einer Familie braucht es drei. Einer beaufsichtigt die Steinbrüche, einer die Verarbeitungswerke, den dritten schickt man nach Brasilien.»

Mit der Jahrtausendwende kam der rapide Einbruch. Nicht nur wegen der Wirtschaftskrise, sondern vor allem auf Grund von Konkurrenz. In den neunziger Jahren begannen italienische, vor allem in Carrara ansässige Firmen, welche die Stein verarbeitenden Maschinen herstellten, das weltweit einmalige Know-how in grossem Stil zu exportieren. Zwischen 1991 und 1997 gingen Technologieexporte im Wert von über 300 Millionen Euro allein nach China. Die Folgen: Immer mehr Rohmaterial-Produzenten begannen Halbfertig- oder Fertigprodukte anzubieten. Etliche Firmen in Carrara meldeten Bankrott an. Zwischen 1996 und 2002 verschwand gemäss dem Branchenblatt «Stonereport» jeder sechste Arbeitsplatz.

Forti musste zehn Leute entlassen. Seinen heutigen Umsatz in Europa gibt er mit 15 Millionen Euro an, jenen in Brasilien mit 3 Millionen US-Dollar; hier wie dort seien je 60 Leute beschäftigt. Derzeit kommen seine besten Kunden aus Ungarn, Russland und den USA. Statt den glorreichen Zeiten nachzutrauern, investierte der 56-Jährige in eine neue Infrastruktur und folgt dem Credo aller hiesigen Überlebenden: Qualität statt Quantität. Mit einer hochkarätigen Produktpalette bedient Adolfo Forti S.p.a. nun die aktuellen internationalen Trends. Zu den 20 populärsten einheimischen Sorten kommen 30 weitere internationale Marmorsorten in diversen Farben. Dazu verschiedene Onyxarten. Das lichtdurchlässige Kalkgestein ist derzeit für Wände und Decken in Luxushotels und Villen besonders angesagt; von hinten beleuchtet, sorgt es für Stimmung.

Zu den beiden Marmor verarbeitenden Werken gesellt sich ein drittes, auf Granit spezialisiertes. Im Innenhof liegen 190 unscheinbare, raue Blöcke aus neun Ländern. In denselben Verarbeitungsstufen wie beim Marmor entstehen daraus elegante Unikate, meist Abdeckplatten für Küchen, Bartheken, Tische. Etwa im blauen Azul de Bahia, dem rarsten Granit der Welt, der Spitzenpreise bis zu 1000 Franken pro Quadratmeter erzielt. Oder im hellgrauen Costa Smeralda: Die iranische Exklusivität erfreut sich gerade in den USA grösster Beliebtheit. Heute macht die Firma rund 70 Prozent ihres Umsatzes mit Granit.

Unsere Fahrt zum vierten Werkplatz, dem Steinbruch Vennai, an dem Forti beteiligt ist, führt durch raue toskanische Berge. Nach acht Kilometern öffnet sich das Tal abrupt auf eine von Menschenhand geformte Landschaft. Dutzende von Abbauwänden leuchten wie frisch gefallener Schnee. Steile Strassen voller Haarnadelkurven legen ein Zickzackmuster auf die Hänge. Bogenbrücken und Viadukte verleihen der Szenerie einen surrealen Anstrich.
Es hat geregnet. Wegen strenger Sicherheitsvorschriften dürfen wir nicht in den Berg. Der Eingang wirkt wie eine Kathedrale, monumentale Pfeiler sorgen dafür, dass die Hohlräume nicht einstürzen. Immerhin liegt die Fördermenge bei 40 000 Tonnen jährlich. Auch draussen erfolgt der Abbau. Wie Butter schneiden die elektrischen Diamant- und Edelstahlsägen die schimmernden Blöcke aus dem Berg. Scheinbar mühelos heben die PS-starken Bagger die 20- bis 40-Tönner auf die Sattelschlepper.

Über 2000 Jahre lang blieb die Abbautechnik gleich: Sklaven, später die «marmoristi», trieben Holzpflöcke in Bohrlöcher und übergossen sie so lange mit Wasser, bis sie sich dehnten und den Block sprengten. Ab dem 18. Jahrhundert hantierten sie mit Schwarzpulver, um 1900 kam die Erfindung von Spiraldraht und Scheibensäge aus Stahl. Die Transportmethoden blieben lange aufwändig: Mittels Seilwinden hievte man die tonnenschweren Blöcke auf eingeseifte Rundhölzer und liess sie, nur durch lange Hanfseile gesichert, zu Tal. Alles in allem eine unfallträchtige Angelegenheit, bei der es fast täglich Tote gab. Massive Arbeitskämpfe waren die Folge. Die Region entwickelte sich zu einer anarchistischen Hochburg mit einer traditionell linken Regierung.

Albrecht Germann, Mitinhaber der deutschen Beratungsfirma Rock and Mineral Consulting, erstellt weltweit Expertisen von Steinbrüchen und beurteilt dabei unter anderem deren Ergiebigkeit. Die Marmorreserven der Apuanischen Alpen hält er in absehbarer Zeit für unerschöpflich. Er könnte sich jedoch vorstellen, dass die Behörden das Geschäft «langfristig und ernsthaft» beeinträchtigen. Aus Sicherheits- und Umweltgründen veranlassten sie bereits die Schliessung mehrerer Brüche und Werke. Überdies beanstanden die externen Experten auch die schwerfälligen, sippenhaften Strukturen in den Firmen. Von «Inzuchtphilosophie» spricht Alex Mojon, Geschäftsführer des schweizerischen Natursteinverbandes. Sie habe Carrara nicht nur die Weltvormachtstellung, sondern die Position innerhalb Italiens gekostet.
Vor Ort jedoch ist kaum Panikstimmung auszumachen. Krise? Carlo Nicoli, der Chef des Bildhauerstudios, plant eine Reise nach New York. Die Stadt erwägt, ihm einen grossen Auftrag für eine Gedenkskulptur auf Ground Zero zu erteilen. Krise? Der Taxifahrer lacht und deutet auf die Berge. Majestätisch trotzen sie den Launen der Geschichte. Sie liefern ein Material, an dessen repräsentativ-luxuriösem Image nun auch die Hauptkonkurrenten, die Chinesen, Gefallen gefunden haben.

Bis 2008 wird die neu entstehende Oper in Oslo mit 8000 Tonnen Bianco di Carrara ausgestattet. Dass bei dieser internationalen Ausschreibung nicht die preisgünstigste Offerte gewonnen hat, begründet die norwegische Firma Staatsbygg auf nordisch sachliche Weise mit «qualitativen und ästhetischen Kriterien». Die lokale Presse jedoch feiert die Entscheidung wie einen triumphalen Sieg von David gegen Goliath. Den Ausschlag habe die «unsterbliche Faszination des Carrara-Marmors» gegeben, die «guten Beziehungen des italienischen Botschafters in Oslo» und vor allem das Renommee der Firma Campolonghi, schrieb die «Nazione Ms Carrara» am 20. November 2004.

Campolonghi in Montignoso gehört zu den Unternehmen, die sich in der neuen Ära der globalen Massenproduktion mit Innovationen einen Namen gemacht haben. 1960 als Granitmanufaktur gegründet, integriert die Gruppe heute alle Wertschöpfungsstufen vom Steinbruch bis zum ultimativen Feinschliff. Campolonghi spezialisiert sich auf die hoch technologisierte Verarbeitung von Naturstein. Aufregende Rundschliffe von bislang unbekannter Präzision sorgten für internationales Aufsehen, als in Zusammenarbeit mit dem Architekten Renzo Piano die Wallfahrtskirche für Padre Pio entstand. Nicht nur die Gläubigen pilgern nun nach San Giovanni Rotondo, sondern auch die Fachwelt.

In den Werkhallen entsteht derzeit ein Auftrag für den Südterminal Miami International Airport. Der Künstler Brad J. Goldberg setzt seine Nahaufnahmen von Korallenriffen in zwei 10˘30 Meter grosse Wandskulpturen um. Dazu greift er nicht mehr zu Hammer und Meissel, sondern scannt die Fotografien in den Computer ein, dessen Rechnerhirn im Verbund mit einer riesigen Maschinerie dann die künstlerische Hauptarbeit erledigt. Ein erstes Gerät fräst aus 176 porösen Travertin-Rechtecken eine hoch differenzierte Unterwasserlandschaft. Anschliessend produziert ein fünf Meter hoher Apparat Erosionseffekte, für welche die Natur Jahrtausende brauchen würde. Menschen und Maschinen sind wieder einmal in ein neues Zeitalter getreten, der Marmor macht geduldig alles mit.

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