Spuckattacke des Schweizer Stürmers Alex Frei gegen seinen englischen Kontrahenten Steven Gerrard an der Fussball-EM in Portugal. Demontage des Schweizer Botschafters in Berlin, Thomas Borer, die sich für das Haus Ringier zum Rohrkrepierer entwickelt. Das Telefongespräch, das Bundesrätin Elisabeth Kopp zur Unzeit mit ihrem Gatten führt und das ihren vorzeitigen Rücktritt bewirkt. Kollaps der Erb-Gruppe. Aufstieg und Niedergang des Financiers Martin Ebner. Der Wachmann Chris-toph Meili, der in der Bankgesellschaft Dokumente über nachrichtenlose Vermögen vor dem Schredder rettet. Ein Bündner Regierungsrat, dessen Frau sich von einem griechischen Finanztycoon einen Nerz schenken lässt. Die Milliardenpleite des Unternehmers Werner K. Rey. Das Swissair-Grounding. Die flächendeckende Überwachung des eigenen Volkes durch das Militärdepartement.

Wer diese Aufzählung von Vorkommnissen aus den letzten zwei Jahrzehnten liest, muss die Schweiz für ein von Skandalen erschüttertes, kaum mehr regierbares Land halten, für eine Art alpine Bananenrepublik. Zumal es schon vorher Skandale wie die Mirage-Affäre gab und nachher Wirtschaftsskandale wie die Behring-Pleite. Dennoch fühlen sich die meisten Schweizer in ihrer Heimat nach wie vor wohl; sie geniessen einen leidlichen Wohlstand und Rechtssicherheit. Irgendwie scheinen da die öffentliche, publizierte Meinung und die Meinung des Volkes nicht ganz übereinzustimmen.

Das von Peter Röthlisberger herausgegebene Buch enthält 18 Aufsätze von Journalisten, die schon über die jeweiligen Skandale berichtet haben. Die geballte Ladung hat zweierlei Wirkung. Erstens ist es beruhigend, dass kaum eine der Affären zu wirklich nachhaltigen gesellschaftlichen Schäden und entsprechenden Konsequenzen geführt hat. Was zweitens wiederum Grund zur Beunruhigung ist. Denn alle beschriebenen Skandale führen vor Augen, dass öffentlich eingefordertes sozialverträgliches Verhalten und individuelles, eigennütziges Streben immer weiter auseinander klaffen.

Diese grundlegende Erkenntnis wird in der Flut immer neuer Skandale und Skandälchen verschüttet. Die Affären an sich können eine funktionierende Gesellschaft nicht erschüttern. Die Verdrängung der zu Grunde liegenden Entwicklungen aber ist auf Dauer gefährlich.

Peter Röthlisberger (Hrsg.)
Skandale – Was die Schweiz in den letzten zwanzig Jahren bewegte
Orell Füssli Verlag, Zürich, 229 Seiten, Fr. 39.80

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