Es versprach, ein lauschiger Sommerabend zu werden, der Ascheflaum auf den glühenden Holzkohlen signalisierte den Beginn der Grillfreuden, der kühle Chablis in den sich beschlagenden Gläsern entwickelte sich herrlich. Aber irgendwie wirkte der 59-jährige Gastgeber bitter, seine vitale Frau unruhig und gespannt. Ja, es gehe schon gut, aber eben, seit dieser Operation vor eineinhalb Jahren laufe im Ehebett gar nichts mehr, und man vermisse das. Hätte er gewusst, dass er dauernd impotent würde, hätte er dieser Operation nie zugestimmt, er hatte ja keinerlei Beschwerden. Lieber noch zehn Jahre mit als dreissig Jahre ohne Lust. Der Mann war Opfer des PSA-Screenings, der Suche nach erhöhtem prostataspezifischem Antigen, das zur Frühentdeckung des Prostatakrebses gepriesen wird. Eine Check-up-Untersuchung hatte einen leicht erhöhten Wert gezeigt, der Urologe hatte acht Gewebeproben entnommen, von denen eine einen Verband von Krebszellen enthielt. Er habe Glück, wurde dem Mann mitgeteilt, man habe das «Krebslein» früh entdeckt und könne ihn jetzt mit einer Radikaloperation heilen. Danach sei er für einige Zeit inkontinent, aber dafür gebe es Windeln, und ausserdem impotent, aber auch dafür gebe es allerlei Hilfsmittel. Die Windeln braucht der Mann zwar nicht mehr, die Erektionshilfen aber helfen nicht. Seit den Achtzigerjahren ist die friedliche Koexistenz zwischen mikroskopisch kleinen Nestern von Prostatakrebszellen und beschwerdefreien Männern, die diese Zellen beherbergen, beendet. Ein billiger Bluttest kann Hinweise darauf geben, ob solche Zellen vorhanden sind. Deshalb werden von Fernsehdoktoren ab fünfzig jährliche Check-ups empfohlen, der «war against early prostate cancer» mit Tests, Stahl und eventuell Strahl ist im Gange. Natürlich haben allen voran die Urologen getrommelt, geschnitten und verdient. Sie handelten und handeln dabei im bewährten medizinischen Muster des undiszipliniert autistischen Denkens, dass Krebs herausgeschnitten gehört und dass man damit immer etwas Gutes tut. Wohl gab es frühe Wirrköpfe wie Professor Hackethal, die empfahlen zu rennen, wenn man das Schild «Urologe» entdeckt, und in jüngerer Zeit besonnene Mahner, die darauf hinwiesen, dass fast alle Männer im fortgeschrittenen Alter Prostatakrebszellen in sich tragen, die meisten davon aber ahnungslos an anderen Ursachen sterben und nie etwas von ihrem Krebs merken. Die Meinung, dass man mit Früherkennung und Radikaloperation Gutes tut, ist seit dem 12. September 2002 erschüttert. An diesem Tag erschien eine Studie schwedischer Urologen über 695 im Durchschnitt 65-jährige Männer mit lokalisiertem Prostatakrebs. Die eine Hälfte der Patienten wurde radikal operiert, die andere Hälfte wurde «watchful waiting», also ohne Eingriff, beobachtet. Nach einer durchschnittlichen Beobachtungsdauer von 6,2 Jahren waren in der operierten Gruppe wohl etwas weniger Männer an Prostatakrebs gestorben, die Gesamtsterblichkeit aber war mit 10,6 Prozent gleich hoch beziehungsweise etwas höher als in der beobachteten Gruppe (8,9 Prozent). Während die Operation also bezüglich Überlebens und Langlebigkeit gar nichts nützte, hatte sie andere Folgen: 80 Prozent der Männer berichteten über erektile Dysfunktion, also Impotenz, und 49 Prozent über Urininkontinenz. In der «Watchful waiting»-Gruppe waren 45 Prozent lendenlahm und 21 Prozent inkontinent. Trotzdem empfanden die operierten Männer ihre Lebensqualität als nicht wesentlich eingeschränkt, eine offensichtlich stoische, wenn auch schwierig einfühlbare Gelassenheit dieser Wikingernachkommen. Anfang November 2002 rief mich ein 53-jähriger Freund an: Er fühle sich gesund, habe einen Check-up gemacht, sein PSA sei ganz leicht erhöht gewesen, und jetzt habe er Krebs, in einer von acht Proben sei ein winziges Nest von Krebszellen gefunden worden. Sein Urologe habe ihm gesagt, man müsse diese Operation machen und in 14 Tagen sei gerade noch ein Termin frei. Er habe ihm auch etwas von Windeln und Impotenz gesagt. Mein Freund, seit Jahren glücklich liiert, war deprimiert und verwirrt und meinte auch, mit Windeln nicht mehr in die Oper gehen zu können. Er ist ein Opfer der PSA-Dynia, der lähmenden Angst, die aus dem Wissen um den eigenen PSA-Wert resultiert. Ich habe mit ihm geredet, ihm Fachliteratur gegeben und zur Second und Third Opinion geraten. Falls man von der Prämisse ausgeht, dass eine medizinische Massnahme mehr nützen als schaden sollte und dies auf der publizierten Evidenz abzustützen ist, entspricht die unreflektierte Empfehlung, diesen Mann zu operieren, nicht mehr undiszipliniert autistischem Denken, sondern unethischen, gewinnorientierten Motiven. Prof. Dr. Med. Oswald Oelz ist Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital in Zürich und leidenschaftlicher Extrembergsteiger.
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